602 —
so lange warten wollen, — und Kränzchen, das wilde, derbe, häßliche Mädchen? — Der junge Mann springt erregt empor und schüttelt erschreckt den Kopf: „Nein, nein! sie heirathen? undenkbar!"
Capitel 25.
Und sprich: woher kommt Liebe?
„Sie kommt und sie ist bol" — Und sprich — wie schwindet Liebe? „Die war's nicht, der's geschah!" —
Friedrich Halm.
„Kann bei solchem Kinderlärmen Wohl ein Mensch vernünftig fein?" Ernst Schulze.
Als der junge Herr von Nördlingen nach Tisch in der Buchenlaube des kleinen Burggartens sitzt, erknirscht vor ihm. der gelbe Kies, welcher die schmalen Wege deckt, und seine Mutter taucht jählings vor ihm auf.
„Ah, mein Herzensjunge, wie nett, daß ich Dich hier finde!" lächelt sie ihm zärtlich zu: „Ich sage es ja immer, wir Beiden haben einen geradezu lächerlich gleichen Geschmack! hier dieses weltvergessene Plätzchen mit dem herrlichen Blick in die Thalebene hat es mir auch vom ersten Augenblick angethan!"
Gert zieht die Hand der noch immer sehr interessanten und jugendlichen Mama galant an die Lippen und schlingt den Arm um sie, als Frau von Nördlingen an seiner Seite Platz nimmt.
„Kannst Du es mir verdenken, Mütterchen, wenn es mir einen besonderen Genuß ist, abwechslungshalber mal auf ein Meer von grünrauschenden Wäldern herabzublicken und mich an dem Blick wogender Kornfelder zu freuen? solch ein Idyll träumt der Seefahrer selten, und darum liebt er es, wie den Christbaum, welcher auch nur einmal im Jahre brennt!"
„Ja, es ist schön hier! so schön, wie ich mir das sagenumwobene Niedeck niemals vorgestellt habe! Dieses wunderbar großartige Schloß, — diese Pracht der Einrichtung, dieser fürstliche Besitz, welcher es umgiebt!"
Die Baronin seufzt wehmüthig auf: „Würde Pia nicht die geborene Burgfrau dafür sein? mir thut das Herz weh, wenn ich ihre schlanke Gestalt durch die Hallen und Säle schreiten sehe, und denke, dieselbe können ihre Heimath, ihr Eigenthum werden, — wenn ... ja, wenn dieses fatale „wenn" nicht wäre!"
Gert zwirbelte das blonde Schnurrbärtchen und kaute nervös an der Lippe: „Ja, es ist kein Übel Ding, die Gemahlin des Majoratsherrn von Niedeck zu sein! Tante Johanna hat damals auch noch das große Loos gezogen, als kein Mensch mehr daran glaubte und dachte, — wer weiß, wie Pias Schicksal sich noch gestalten wird, — vorläufig ist Wulff-Dietrich noch frei!"
Frau von Nördlingen zuckte ungeduldig die Achseln, „was man bei ihm „frei" nennen kann! Pia schrieb doch, wir sollten jeden Gedanken an ihn aufgeben, er sei für Kränzchen bestimmt!"
„So wie ich Cousine Fränzchen kennen lernte, ist sie energisch und eigenwillig genug, um sich ihre Zukunft selber zu gestalten!"
Ein lebhafter Blick aus den Augen der Mutter flammte zu dem Sprecher auf. „Macht es Dir auch so den Eindruck?" flüsterte sie hastig.
Gert wiegte nachdenklich den Kopf, ein siegesgewiffes Lächeln spielte um seine frischen Lippen.
„Fränzchen macht zum Mindesten nicht den Eindruck, als ob sie sterblich in Wulff-Dietrich verliebt sei!"
„Nicht wahr! ? das findest Du auch? je nun, Gert, wir können ja offen darüber reden! ich finde, das allerliebste kleine Ding ist geradezu vernarrt in Dich!"
„Allerliebste kleine Ding?"
Die Baronin rückte eifrig näher: „Findest Du das etwa nicht? mein Gott, sie sieht ja dem Vater leider
sprechend ähnlich, aber die Augen hat sie von Johanna, — was für Prachtaugen! und dann mußt Du bedenken, sie ist erst sechzehn Jahre alt, — die unvortheilhafteste Werdezeit für ein junges Mädchen! Da ist Alles noch eckig, ungraziös, derb! aber warte noch ein oder zwei Jahre, dann sollst Du sehen, wie sie sich entwickeln wird! Ich wette darauf, sie wird eine fabelhaft aparte Erscheinung! Oh, und dieses herzige, naive, lustige, amüsante Wesen! ich könnte mich oft todtlachen über ihre drastische Art und Weise, über ihren schlagfertigen Humor! — Sie wird mit dieser Göttergabe alle Herzen erobern! Nun . . . und . . . last not least — — welch ein Vermögen! ihre Großmutter hinterließ ihr die wundervollen Güter Seesenwalde und Sonnenhof, — absolut schuldenfrei, — ihre Großtante brachte auch ein tüchtig Capital ins Haus, nun, und dann Willibalds Privatvermögen — welches ja in den langen Jahren seiner „Majoratsherrschaft" lawinenartig angewachsen sein muß! Bedenke, daß er die zwanzig Jahre vor seiner Verheirathung doch alle Revenüen Zins auf Zins zurückgelegt hat! und bei Johannas Anspruchslosigkeit und ihrem practischen Sinn haben sie auch während der Ehe sicherlich kaum ein Drittel ihrer riesigen Einkünfte verbraucht! Da rechne einmal nach, was für ein gewichtiges Goldfischchen dieses einzige Kind ist!"
„Hm ... da mag es wohl nach Millionen gehen..." murmelte Gert mit beklommenem Aufathmen: „Solch ein Reichthum ist sehr schön — aber mit weniger Geld kann man auch glücklich sein ... und . . ." er sprang erregt auf und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das lockige Haar: „Weiß der Teufel, was für ein undefinirbares Etwas in Fränzchens Erscheinung liegt! Etwas so unwiderstehlich Komisches — zum Lachen Reizendes! man kann sie beim besten Willen nicht ernst nehmen!"
Frau von Nördlingen zwang ihr Gesicht ernst, erstaunt auszusehen.
„Ah . . . findest Du? merkwürdig ... das habe ich noch nicht bemerkt! oder meinst Du nur ihren Anzug? ja! — da muß ich Dir recht geben, Johanna zieht das arme Wurm unter aller Kritik schlecht an! Was helfen die echten Spitzen und seidenen Bänder, wenn sie absolut geschmacklos arrangirt sind! Ich habe mich überzeugt, das große Mädel trägt noch gestrickte Unterleibchen! — Wo soll da eine Taille Herkommen? gesund mag es ja sein, das gebe ich zu, und Johanna thut recht, wenn sie ihr einziges Kind ohne jeden körperlichen Zwang frisch und frei aufwachsen läßt, aber diese Gleichgültigkeit gegen jede Toilettenfrage muß doch mit der Zeit ein Ende nehmen! und sie nimmt es auch sicher, wenn das Vöglein flügge wird! Je nun, und trägt Fränzchen auch als Braut noch kein Corsett, so besorgst Du ihr als Frau eine perfecte Pariser Jungfer, und Du wirst alle Wunder erleben! Aus dem häßlichen, jungen Entlein mausert sich ein Schwan mit blendendem Gefieder heraus!"
Gert sank resignirt auf die Bank zurück: „Sie ist ja sonst ein liebes, herzensgutes Mädel!" murmelte er mit starrem Blick.
Frau von Nördlingen schlang voll flehender Innigkeit beide Arme um ihn. „Gert — mein Herzensjunge, schmiede das Eisen, so lange es heiß ist! welch ein Segen könnte daraus erwachsen, nicht nur für uns Alle, sondern auch für Pia! welch ein Goldregen würde auf uns niederträufeln — ach, und wie unsagbar wohl würde es mir thun, einmal noch frei aufathmen zu können, nachdem ich mein ganzes Leben hindurch mit Noth und Sorge kämpfte, nachdem ich auf Alles verzichten mußte, was mein Herz sich wünschte! Sieh, Gert, wie köstlich könnte sich Dein Leben gestalten! in Kiel baut ihr Euch ein Palais — Du schaffst Dir eine eigepe Aacht an, mit welcher Du in königlicher Freiheit manövrirst, Du wünschtest es Dir ja so brennend, an den Wettfahrten in Cowes theilzunehmen--"
Gert hob mit leuchtenden Augen den Kopf- „Cowes. — — eine eigene Aacht!" flüsterte er wie verklärt.
Seine Mutter küßte ihn fdjter. feierlich auf die Stirn.


