Ausgabe 
25.12.1897
 
Einzelbild herunterladen

Der Majoratsherr.

9tom«n v»n Nataly ». Sschstruth.

(gottfttiwfl.)

Er weiß auch, daß man in der Residenz darüber spottet, daß Wulff - Dietrich sich so ostensibel fern hält, obwohl sein Bater schon vor Jahren für ihn um Pia angehalten. Die Familie Nördlingen hat die spätere Heirath für selbstverständ­lich erachtet und hat wohl zu siegesgewiß darüber gesprochen, nun ist es doppelt empfindlich für das junge Mädchen, verschmäht zu werden.

Gert sieht das Alles ein, und der kleine diplomatische Schachzug deucht ihm geistreich und zweckmäßig, wenn . . . ja, wenn er es nur nicht wäre, welcher sein Herz dafür auf den Opferaltar niederlegen muß!

Fränzchen ist ein liebes, herzensgutes Kind, aber sie lieben? Gert seufzt tief und schmerzlich auf.

Er denkt zurück an ein Ballfest in Kiel, an ein süßes blauäugiges Engelsangesicht,'welches unter zartem Vergißmein- nichtkranz zu ihm auflächelte, so strahlend glücklich, so scheu und innig, so heimlich flehend: Vergiß mein nicht!

Nein, er hat sie nicht vergessen, er hat an jenem Abend sogar stolz entschlossen den Kopf zurückgeworfen und den blitzenden Sternen am Himmel zugejauchzt:Und wenn ich warten muß bis zum Corvettencapitän! ich liebe das blonde Grethelein und führe sie heim!" und er hatte seit jener Zeit öfters ein heiteres Liedchen gepfiffen:Mein Schätzer! ist hübsch, aber Geld hat es nit! was nützt mir der Reichthum, das Geld küß i nit: Nein das Geld küßt man nicht und doch . . . geht das Feuer auf dem Heerd aus, flieget die Liebe zum Schornstein hinaus!" das ist auch ein wahres, ein bitter wahres Wort!

Gert streicht nachdenklich über die Stirn. Er ist ein blutjunger Lieutenant und bis zum Corvettencapitän hat'- noch gute Wege, das blonde Grethelein dürfte wohl kaum

Samstag dm 25. Deremt«.

s

MEMHM IjlllL

Weihnacht.

Die Menschen eilen durch die Straßen, Geschäftig und doch froh gestimmt, Denn jeden Einz'len dieser Massen Das nahe Fest in Anspruch nimmt. Vor jenem Laden welch Gedränge! Es einet dort sich Groß und Klein Zur schau- und einkaufslust'ger Menge. Doch mancher Seufzer klingt hinein Auch in der Menge frohes Lachen - Und manche Zähre heimlich rinnt. Beim Anblick all' der schönen Sachen Denkt Mancher an sein todtes Kind. Ein Dirnlein, dessen Kleid zerschlissen, Sieht dort man im Vorübergehn Mit Aeugelein weit aufgerissen Vor all' den Herrlichkeiten stehn.

Als wenn ein Märchenland den Blicken Des Kindes ja sich aufgerhan, So steht es da- wagt vor Entzücken Sich nimmer all' der Pracht zu nahn.

Und endlich ist der Tag erschienen, Von dem gesprochen man so ost, Seht, welche Spannung in den Mienen Der Kleinen! Denn jedes hofft, Das Christkind würde ihm gewähren Den Lieblingswunsch und eine Welt Dazu von Sachen ihm bescheeren. Und ach wie klein ist seine Welt! Der Himmel har Milliarden Kerzen Am Heilgen Abend aufgesteckt, Damit auch in des Aermsten Herzen Ein Weihnachtsstimmlein werd' geweckt - Und wie vom nahen Kirchthurm klingen Die Glockentöne durch das Land, D« ist'-, .als ob auf Engelsschwingen

Ein Gruß uns kommt von Gott gesandt, Hoch über uns das Chaos Sterne, Um uns der Frieden der Natur. Das eigne Heim winkt aus der Ferne, Den Zauber kennt die Christnacht nur.

S. Halm.