Ausgabe 
25.3.1897
 
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Vor diesen Augen und vor den Gluthen, die immer rascher und gewaltiger empordrangen der Qualm selbst schien Feuer zu fangen und zu brennen, stürzte er in das Zimmer zurück. Er vermochte Busenius kaum mehr zu er­kennen, so dicht lagerte auch hier eine graublaue Wolke - doch als er seine Gestalt entdeckt hatte, eilte er zu ihm hin, sank neben ihm in die Kniee und umklammerte seine Hand.

Rette mich, rette mich! O mein Gott, ist denn Nie­mand da, der mir hilft? Ich will ja nur leben, ich will nicht sterben, will diesen gräßlichen, gräßlichen Tod nicht erleiden! Rette mich, rette mich!"

Busenius antwortete ihm nicht mehr. In seiner vollen Größe stand er da, gestützt und gehalten durch seinen Glauben, der mochte er Wahn oder Wahrheit, .oder ein Schatten der Wahrheit sein ihm Kraft und Muth verlieh, dem Tod ohne Beben inK Auge zu sehen. Wenn eine emporschlagende Flamme auch die Rauchwolke im Zimmer mit rothem Licht erfüllte, dann tauchte sein Gesicht für einen Augenblick aus dem grauen Schleier hervor, und auf seinen Zügen leuchtete ein Ausdruck seligen Friedens und hoffnungsvoller Erwartung. So glich er einem der glaubensstarken Märtyrer, die, aus Schmerz und Flammen hervorlächelnd, hinüberblickten in ein herrliches Land der Verheißung.

Noch einmal stammelte Jaksch sein:Rette mich, rette mich!" noch einmal schrie er auf in seiner wahnsinnigen Angst, aber die Antwort, die ihm wurde, klang in sein Ohr wie der Donner des Gerichts. Ein erneutes, furchtbares Knistern und Krachen ging durch das brennende Gebäude, der Giebel neigte sich, schwankte ein paar Mal hin und her, wie ein Schiff im Sturm, ein Angstgeschrei vieler Menschenstimmen tönte noch einmal von unten herauf, dann war es geschehen! Was noch gestanden hatte von dem Hause der Schatten, das war zusammengestürzt mit seiner menschlichen Last, war nieder­gesunken in den flammenden Heerd der Vernichtung, und bis zum Himmelsgewölbe schienen die Gluthen im wilden Triumph emporfteigen zu wollen, die diese neue Beute begrüßten.

Vierzehntes Capitel.

Niedergebrannt und zerstört! In Trümmer gesunken im Verlauf einer einzigen Nacht, ein Haus, das hoch und stattlich dagestanden hatte Jahrhunderte hindurch, das wechselnde Generationen hatte kommen und gehen sehen mit Glück und Leid, mit Hoffnung und Verzweiflung, mit Auf­wärtssteigen und Sinken! An seiner Stelle nichts, als ein schwarzer, qualmender Haufen von Schutt und Asche, ein riesiger Grabhügel über drei verbrannten, menschlichen Leibern.

Das Haus der Schatten war nur noch ein Name und eine Erinnerung. Man hatte dem furchtbaren Brande nicht Einhalt zu thun vermocht, und die Feuerwehr hatte ihre ganze Kraft einsetzen müssen, um die Nachbarhäuser zu schützen. Daß eine Explosion die Ursache des Brandes gewesen war, zeigte sich auch wenn keine Zeugen vorhanden gewesen wären deutlich an den Zerstörungen rings umher. Die Gebäude standen da, als seien sie von einem mächtigen Feinde beschossen worden: mit zertrümmerten Fensterscheiben, beschädigten Dächern, eingestürzten Schornsteinen. Bald ging auch Neuerts Name, mit Haß und Abscheu genannt, von Mund zu Mund, und Martha Wernickes Erzählung von jener unheimlichen Erscheinung an ihrem Verlobungsabend gewann jetzt erhöhte Bedeutung. Und noch eine zweite Zeugin war vorhanden, die wider Willen seine Thäterschaft bezeugte seine Mutter. Wo sie sich während des Abends bis zum Ausbruch des Brandes aufgehalten hatte, wußte Niemand zu sagen, in der Vorstellung des Festspiels war sie nicht ge­sehen worden. Dann hatte man sie Plötzlich inmitten der Menschenmenge erblickt, während sie in wirren und unklaren Worten im Angesichte des Feuers ihre Angst und Verzweiflung hinausschrie in die Nacht. Ihre Reden hatten keinen be­stimmten Anhalt gegeben, aber man reimte sich allmälig zu­sammen, was zusammen gehörte, und erkannte das furcht­bare Schicksal dieser Frau. Das gräßliche Schauspiel, dessen

Zeugin sie geworden war, das vor ihren Augen die Ver­geltung über den Stifter des Unheils gebracht hatte, die ganze Summe des Schrecklichen an diesem vom Feuer durchleuchteten Abend hatten sie fast wahnsinnig gemacht- dann folgte eine kurze Zeit wortloser Apathie, in der ihre Sinne für Alles um sie her verschlossen schienen. Wider Erwarten der Aerzte aber schüttelte sie diese Ermattung des Geistes von sich ab und erstarkte von Neuem zu Gesundheit und Kraft der Seele. Nur eine Wahnvorstellung war ihr geblieben und verließ sie niemals mehr: der Gedanke, daß ihr Sohn noch am Leben sei. Offen und rückhaltlos erkannte sie jetzt Neuert als solchen an und erzählte, wie sie ihn nach seiner Flucht in den unterirdischen Gängen und Gewölben mit Speise und Kleidung versorgt habe. Auf diesen geheimen Wegen müsse er auch der Katastrophe entkommen sein, um eines Tages zu ihr zurückzukehren und ihr das Glück zu bringen für den Abend ihres Lebens. Sie wartete auf ihn geduldig Tag für Tag und widmete ihre Kräfte inzwischen der Pflege von Armen und Kranken, die ihren Namen segnen lernten. Ost ließ sie sich die Krypta unter der Michaeliskirche öffnen und betete dort für ihren Sohn. Als hätte der Himmel ihr Schicksal mildern wollen durch einen schönen, tröstlichen Traum, so beherrschte der Glaube an die dereinstige Wiederkehr des all' seiner Schuld zum Trotz über Alles geliebten Menschen den Rest ihres zertrümmerten Daseins.

Der Eindruck der furchtbaren Katastrophe zitterte noch tage- und wochenlang nach in der Stadt. Auch Frau Henninger brach beinahe darunter zusammen, als sie zuerst davon erfuhr. Sie war mit Georg am anderen Ende der Stadt gewesen, als das Feuer begann, und das Gräßlichste war schon vorüber, als sie an der Stätte eintraf, wo ihr Leben sich abgesponnen hatte so manches Jahr hindurch. Aber obwohl sie das Sterben der beiden Männer nicht hatte mit ansehen müssen, gebrauchte sie doch lange Zeit, um die schreckliche Vorstellung zu besiegen, und zu einem ruhigen, friedlichen Schmerz über Busenius' Scheiden zu kommen, in dem sie auch einen ver­ehrten Freund verloren hatte. Georg litt gleich ihr- seine rege Phantasie erneuerte vor seinem Geist immer wieder den erschütternden Vorgang, aber das Gefühl, die Geliebte stärken und trösten zu müssen, verlieh ihm die Kraft, sich rascher wiederzufinden. Und während die Tage kamen und gingen, offenbarte sich auch an den Beiden die rasche, mächtige Heil­kraft des Glücks.

Frau Henninger hatte sich im Hotel eine Wohnung ge­nommen- ihr materieller Verlust war gering, und sie hätte es leicht ertragen, wäre er größer gewesen. Aber ihr Ver­mögen lag unversehrt in der Bank, und das Haus, mit seinem Inhalt war gut versichert gewesen. Auch Georgs Manuscript war nicht verloren- er besaß das Original, und eine neue Abschrift war leicht hergestellt.

Als der gewaltige Brand endlich wirklich erloschen war, und man mit den Aufräumungsarbeiten beginnen konnte, da fand man in den obersten Schichten der Trümmer die traurigen Reste zweier menschlichen Leiber. Von Neuerts Leichnam war keine Spur zu entdecken- wahrscheinlich hatte die Ex­plosion seinen Körper in Atome zerrissen. Weinend standen Ina und Georg an Busenius' Grabe ein Ring an seiner verkohlten rechten Hand hatte ihn erkennen lassen und gedachten der stillen Größe des einsamen Mannes. Auch in die Gruft des anderen riefen sie ein Wort der Vergebung hinunter- schrecklich genug hatte er büßen müssen, was er gesündigt hatte.

Und noch einmal trat in diesen Tagen der Tod nahe zu Frau Ina heran. Aus Berlin kam ihr als Antwort auf jenen letzten Brief, den sie in ihrer zerstörten Behausung ge­schrieben hatte, die Nachricht vom friedlichen, schmerzlosen Sterben ihres Bruders. Aber ihre Botschaft hatte ihn noch lebend erreicht, und ihre freundlichen Worte hattea ihm das Scheiden erleichtert. Sie fühlte, daß ihm das irdische Dasein keine Freude mehr hätte geben können, und so war es ein milder Schmerz, mit dem sie ihn aus der Liste der Lebenden