Das Haus der Schatten.
Roman von Robert Kohlrausch.
(Fortsetzung.)
„Ja, ja, ich will bereuen!" schrie der Elende auf. „Ich habe schon gebetet, vorhin, für mich allein, — Du hast es nicht gehört, aber ich habe gebetet. Ich bin nicht so schlecht gewesen, wie Du denkst, und wenn ich bereue, werde ich gerettet, nicht wahr? Komm', hilf mir, sag' mir, wie ich es machen muß, daß ich gerettet werde!"
„Nicht um Deiner Rettung willen sollst Du bereuen. Denk' an Deine Zukunft, denk' an Derne Seele!"
„Ich frage nicht nach meiner Seele, wenn mein Körper verbrennt! Du scheinst blind zu sein und nicht zu sehen, was geschieht." Er packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn, während er ihn mit hervorquellenden Augen anstarrte, aus denen der Wahnsinn sprach. „Ich will Dir's sagen, damit Du's versteht. Hier unter uns ist das Feuer, und wir verbrennen bei lebendigem Leibe, wenn Du uns nicht rettest. Sollen wir denn hier stehen, ohne uns gegen den Tod zu wehren?"
„Ich stehe und warte auf ihn. Er ist nur eine Pforte, durch die ich in ein neues Leben eingehe, und ich flehe zu dem ewigen Geist, von dem ein Fünkchen auch in meiner unvergänglichen Seele wohnt, daß ich dies künftige Leben zum Guten nütze für mich und Andere."
„Du bist wahnsinnig, — so wahnsinnig, wie die Menschen da unten, die nichts für uns thun!"
In seiner Todesangst stürzte er noch einmal zum Fenster und blickte hinaus. Unter ihm war jetzt ein einziger, mächtiger Flammenherd, von dem der Qualm gleich schwefelfarbenen Gewitterwolken empor sich wälzte und mit den helleren Massen von Dampf sich mischte, die durch die Arbeit der Spritzen erzeugt wurden. Gleich wallenden Fahnen wehten in der ruhigen Abendluft an einzelnen Pfosten und Balken die gelb- rolhen Flammen, die höher und höher ihr Zerstörungswerk
DormerStag de« 25. RSy.
1897.
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M iß traue Dem, der viel verspricht: d Er nimmt es leicht und hält es nicht;
Doch wer bedächtig beim Versprechen,
Ist nicht gewohnt, sein Wort zu brechen.
A. Stier.
ausdehnten und auch schon das Fachwerk der noch stehenden Langwand benagten. Der Boden des Zimmers war glühend heiß geworden, und aus seinen Fugen stieg in seinen Wölkchen ein erstickender Qualm hervor. Bis zu der Höhe des Fensters schlugen einzelne der mächtigsten Flammen heran, und mit einem Schmerzenslaut fuhr Jaksch zurück, als er die glühende Brüstung berührte. Der Strahl der Spritzen durfte nicht auf den Giebel gerichtet werden, weil die Erschütterung ihn herabstürzen müßte- nur unten durfte man versuchen, zu löschen und so das Leben der dort oben Eingeschlossenen zu fristen. Aber jetzt machte man auch noch einen anderen Versuch, sie zu retten, — der Mann am Fenster bemerkte es mit einem Ruse der Freude, der wie ein Schluchzen klang. Ein paar muthige Leute hatten sich gefunden, die mit Gefahr ihres Lebens versuchen wollten, zu den Bedrohten hinanzn- steigen. Man hatte die längsten Leitern zusammengebunden, und nun wnrden sie aufgerichtet, langsam, schwankend, von den brausenden Flammen so hell beleuchtet, daß ihre Sprossen zu glühen schienen. Ein plötzliches, athemloses Schweigen, wie es die Augenblicke höchster Gefahr zu begleiten pflegt, hatte sich über die Menschenmenge dort unten gebreitet, und inmitten dieses feierlichen Schweigens richteten sich die Leitern allmälig empor, höher uud höher, um sich dann gegen die Feuerstätte zu neigen und einen Augenblick schräg in der Luft zu schweben. Aber es war umsonst gewesen, — sie reichten nicht hinan bis zu diesem mächtigen Giebel! So langsam, wie sie emporstiegen waren, sanken sie wieder zurück, und als er diese letzte Brücke zu Leben und Rettung vor seinen Augen zusammenbrechen sah, da warf Doctor Jaksch sich gegen die glühende Brüstung und brach in ein Wuthgeheul aus, das nichts Menschliches mehr besaß.
War es Einbildung, war es Wirklichkeit? Hatte eine Stimme von unten ihm geantwortet, hatte sein Geheul ein Echo geweckt, ein wildes, wahnsinniges Lachen, das aus der schweigenden Menge emporstieg und über Qualm und Gluthen hinweg bis an sein Ohr drang? Er verstummte vor diesem Ton und spähte hinab, und durch einen Riß in dem Schleier aus Rauch und Flammen meinte er aus einem Frauengesicht ein paar schwarze, glühende Augen auf sich gerichtet zu sehen, dieselben Augen, die ihn schon einmal an diesem Abend in seinen Phantasien verfolgt hatten. Der dritte der Schatten, die neben ihm gewesen waren in den vergangenen Stunden beginnender Qual — wie schwach und machtlos erschien sie ihm jetzt in diesem Augenblick höchster Todesnoth! — hatte Gestalt und Leben gewonnen und stand dort unten, sich an seiner Verzweiflung zu weiden,


