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heute, daß mir diese alten Dinge auf der Seele brennen. Seit ich durch meine Krankheit einsam geworden bin was wollen die Gesunden von den Kranken wissen! hat es angefangen, mich zu quälen und zu ängstigen. Ich glaube jetzt an eine Vergeltung schon auf Erden, und auch dies gräßliche Hinsterben habe ich mir verdient. Einmal war ich schon so weit, daß ich die Last auf meinem Herzen nicht mehr ertragen konnte, aber ich hatte noch nicht den Muth, mich Dir anzuvertrauen. Ich schrieb damals an Deinen Mann"

An meinen Mann?"

Es muß nicht sehr lange vor seinem Tode gewesen sein. Hat er Dir niemals etwas davon gesagt?"

Niemals niemals." Sie sagte es gedankenvoll, mit ihrer Seele in der Vergangenheit suchend. Nach einer kleinen Pause schüttelte sie den Kopf und wiederholte noch einmal dasselbe Wort.

Er mag gefürchtet haben, Dich zu sehr zu betrüben, aber es wäre mir lieber gewesen, wenn er gesprochen hätte. Dann brauchte ich selbst es jetzt nicht zn thun." Er hatte den Hut noch nicht wieder aufgesetzt, als sei ihm zu heiß trotz der kühlen Regenluft- jetzt strich er sich mit der Hand einmal über Stirn und Kopf, ganz hinüber bis zum Nacken­wirbel, während er die Augen geschossen hielt. Dann begann er ohne Einleitung und Uebergang zu erzählen.Es sind jetzt mehr als fünf Jahre, daß ich kein anständiger Mensch mehr bin, nein, nein, sag' nichts, ich weiß es und kenne mich. Aber man spricht heute so viel von Suggestion, Hypnose und allen diesen Dingen. Wie die Sache heißt, ist mir gleich, doch das habe ich erfahren, daß es Menschen giebt, die eine große, unheimliche Macht über andere ausüben können. Ich habe einen Mann gekannt, er hat mich so sehr zum Knechte seines Willens gemacht, daß ich zuletzt nicht viel Anderes mehr war, als sein Schatten, der sich bewegte und handelte, wie er es wollte und that. Es ist nicht zur Ent­schuldigung, daß ich das sage! ich weiß sehr gut, daß ich die Verantwortung und die Strafe für das zu tragen habe, was ich gethan, und ich trage sie ja auch!"

Ein plötzliches Frösteln überfiel ihn- er setzte den Hut wieder auf, drückte ihn tief in die Stirn und schlug den Kragen des Rockes in die Höhe. Die Schwester schlang den Arm fest um die Schultern des Bebenden und zog ihn nahe zu sich heran, als könne sie Wärme und Lebens kraft von sich in ihn hinüberströmen lassen. Eine Frage that sie nicht mit den Lippen, nur mit den Augen.

Damals schrieb ich Dir noch, zuweilen wenigstens - Du weißt also, daß es mir drüben nicht gut ergangen ist von Anfang an. Ich hatte den Hang zum guten Leben und nicht die Mittel dazu. Da gab es Schulden und Verlegen­heiten aller Art. Aber zum Verbrecher wäre ich doch wohl nicht geworden"

Verbrecher?" Sie war ein wenig von ihm hinweg getreten und hatte die Hände abwehrend erhoben.

Es ist das richtige Wort. Ich will und darf nichts mehr beschönigen. Zum Verbrecher also wäre ich wohl kaum geworden, wenn nicht der Mann, von dem ich gesprochen habe, mich dazu gemacht hätte. Er hatte einen abscheulichen Verrath und einen ebenso abscheulichen Betrug begangen, und ich habe ihm dabei geholfen."

. verstummte nach diesem Geständniß für einen Augen- vuck, aber auch Ina sprach nicht, und man hörte unter dem dämmerigen Gewölbe nur das rasche, röchelnde Athmen des rmd von draußen her das schwächer werdende Plätschern des Regens.

r freunde hat er den Verrath begangen, und

seine Schuld ist dadurch noch größer als meine. Sie hatten sich hier m Deutschland kennen gelernt und waren noch zu- sammen auf der Universität gewesen, obwohl sie nicht von gleichem Alter waren. Der Mann, der mich in seine Macht bekam, war der jüngere. Er war arm, und sein energischer, ich muß wohl sagen, tapferer Kampf um eine Existenz impo-

nirte dem anderen, der vermögend, wenn auch nicht reidß war- Wie es dem Schurken gelungen ist, das Herz dieses Mannes so ganz zu gewinnen, ob er in jenen jüngeren Jahren weniger verderbt und noch fähig war, einen Freund sich zu verdienen, ich weiß es nicht. Vielleicht war auch etwas von der Macht, von dem wunderbaren Einfluß im Spiele, den ich später an mir erfahren habe."

Darf ich die Namen der beiden Männer nicht wissen?"

Nein, Ina, von mir wirst Du sie nicht erfahren. Ein gegebenes Wort will ich nicht auch noch brechen, selbst wenn ich es nur einem Lumpen gegeben habe. Hör' mich also an: Der ältere der Beiden faßte den Entschluß, nach Amerika zu gehen. Er war ein merkwürdiger Mensch, ein Art von Diogenes, der Menschen suchte und sie drüben eher zu finden glaubte als hier. Soviel ich weiß, ist er mit der bestimmten Absicht hinübergegangen, nie wieder hierher zurückzukommen und ich glaube auch nicht, daß er es jemals gethan hat. Vor seiner Abreise aber hatte er Anstalt getroffen, um für den Fall seines Todes die Zukunft des ärmeren Freundes zu sichern Sein Vermögen verschrieb er ihm nicht, weil er nicht wußte wieviel davon er drüben in einem unruhigen Wanderleben aufbrauchen würde, wohl aber versicherte er sein Leben zu Gunsten des Freundes mit einer hohen Summe, es waren fünfmalhunderttausend Mark. Ich kenne die Zahl, denn ich habe einen Theil davon erhalten."

Also ist er gestorben, der Andere, der gütige?"

Wir haben ihn sterben lassen."

Oskar!"

Es war wie ein Schrei, und sie wich bis in die äußerste Ecke der Durchfahrt zurück, wo sie sich in den Winkel zwischen Thor und Wand hineinpreßte.

Wir haben ihn nicht ermordet, aber wir haben ihn sterben lassen, sterben bei lebendigem Leibe."

Das kann ich nicht verstehen."

Ich verstand es auch nicht gleich, als er mir den Plan zuerst auseinandersetzte, aber ich habe es verstehen lernen! In Amerika wurde der Andere krank, so krank, daß er hier in seiner Heimath schon tobt gesagt wurde. Er hatte an seinen Freund geschrieben, gleich zu Anfang der Krankheit, und hatte ausgesprochen, daß er sich dem Tode nahe fühlte. Als dann kein weiterer Brief kam, war der natürliche Ge­danke, daß er wirklich gestorben wäre. Im Geist erhob der Zurückgebliebene schon die große Summe, die zu seinen Gunsten war versichert worden, und als nun endlich nach vielen Wochen doch wieder ein Zettel von der Hand des Kranken kam, da hatte er ihn in seinen wachen Träumen schon hundertmal sterben lassen. Damals ist der Plan entstanden, den er mit meiner Hilfe dann ausgeführt hat. Er kam nach drüben und suchte mich auf, da er gehört hatte, daß ich den Kranken behandelte. Wir kannten uns schon von Deutschland her, und er mochte sich des Einflusses bewußt sein, den er immer auf mich ausgeübt hatte."

Kenne ich ihn auch, und ist er hier in der Stadt?" Mit bebenden Lippen, leise und zögernd that sie die Frage.

Von mir wirst Du es niemals erfahren, frag' mich nicht mehr." Seine Stimme war hart und schroff, indem er die Worte sprach- gleich aber verfiel er wieder in den scheuen, gedämpften Ton, in dem er die Geschichte seiner Schuld bis hierher erzählt hatte.Zuerst forschte er mich aus, es fl>ar nicht schwer, denn ich machte dem Landsmann gegenüber kein Geheimniß aus meiner Lage- so erfuhr er, daß ich mit Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen hatte, daß die Executoren mir das Haus einliefen. Auch über seinen Freund er nannte ihn wirklich noch seinen Freund! ~ hörte er von mir Alles, was er wissen wollte. Daß er sehr krank gewesen war, und daß es sehr lange dauern würde, bis er als halbwegs gesund wieder gelten könnte. Schritt für Schritt hat er mich dann weiter in sein Netz gezogen. Ich will nur kurz Dir sagen, was geschehen ist- mir ist die Erinnerung furchtbar, und ich fühle, daß meine Kräfte nicht weit mehr reichen."