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wirst das nicht thun, Polly," sagte sie. „Oh, Du edles Mädchen, wie kannst Du erwarten, daß ich ein solches Anerbieten annehme? Nie, nie werde ich einen Dollar von Deinem Vermögen berühren!"
„Recht so!" rief Sir Gervase mit Wärme, und dann wandte er sich lachend zu mir. „Du hegtest viele Zweifel in Bezug auf mich, Polly," — Jedermann, auch Tante Pamela, nannte mich noch zuweilen bei meinem alten Namen — „jetzt will ich denselben ein für alle Mal ein Ende machen. Nan kann ihre Heimath nicht in Greylock Woods aufschlagen, denn sie geht mit mir nach England. Unsere Verlobung ist nie rückgängig gemacht worden. In sehr kurzer Zeit wird sie mein Weib sein, und dann muß ich sie Euch entführen, allein nicht ein Cent von dem Greylock'schen Vermögen geht mit ihr. Ihre Schönheit und ihr Seelenadel sind mir hinreichende Mitgift. Ich verlange keine andere — ich nehme keine andere an."
Alle meine Einwendungen erwiesen sich nutzlos- er beharrte unerschütterlich auf seinem Entschlüsse. Meine Freude über seine Treue gegen Nan war so groß, daß ich ihm nicht zürnen konnte. Ich legte meine Hand auf seinen Arm, blickte ihm in seine großen, freudestrahlenden Augen und rief unwillkürlich: „Cousin, ich bin stolz auf Dich!"
Er drückte seine Lippen auf meine Hand und antwortete lachend: „Erlaube mir, Dir ein gleiches Compliment zu machen, liebe Cousine!"
„Ganz gut," nahm Tante Pamela nun das Wort- „Sie können Polly überstimmen, Sir Gervase, aber nicht mich. Ich besitze ein eigenes, unabhängiges Vermögen - Polly wird dasselbe nicht vermissen- sie ist reich genug. Nan soll mein Geld erhalten, und zwar die eine Hälfte an ihrem Hochzeitstage, die andere nach meinem Ableben."
Ach! Nan besaß bereits ein besseres Vermögen als Geld und Gut — die unwandelbare Liebe ihres Verlobten! Es war ganz wie in dem Feenmärchen — der Prinz war treu geblieben, und ihm und der lieblichen Bettlermaid konnte die Zukunft nichts als Glück bringen.
Gerade einen Monat nach ihrer Rückkehr stand Nan zum zweiten Mal mit Sir Gervase vor dem Altar der alten Kirche von Blackport und wurde Lady Greylock. Nur die Wenigen, deren Liebe sie genoß, waren bei der Trauung zugegen- allein es fehlte nicht an herzlichen Glückwünschen, an aufrichtiger Freude und an reichen Brautgeschenken, denn allen Einwendungen des Baronets zum Trotze ließ ich Lady Greylock nicht ohne Mitgift über das Meer nach ihrer künftigen Heimath in England ziehen.
Auf dem Verveck eines Cunard-Dampfcrs sagten Tante Pamela und ich ihr Lebewohl. Reichliche Thränen stossen bei dem Abschied. Wir hatten sie gefunden, nur um sie wieder zu verlieren.
„Lebe wohl, Polly!" sagte sie schluchzend, indem sie mich innig umarmte. „Du wirst bald mit Tante Pamela kommen, um uns in Greylock-Hall zu besuchen, wie Du Sir Gervase versprochen hast."
Noch lange standen wir auf der Werfte und schwenkten unsere Taschentücher, bis wir den Dampfer aus den Augen verloren. Mit traurigem Herzen kehrten wir dann nach Greylock Woods zurück.
„Der nächste Schlag, der mich trifft, wird wohl Deine Hochzeit sein, Polly," seufzte Tante Pamela, als wir am Abend in ihrem Boudoir zusammen saßen. „Wle lange wird es dauern, bis Du mir entführt wirst, wie Nan mir heute entführt wurde?"
Ich zuckte die Achseln und erwiderte: „Liebe Tante, ängstige Dich nicht! Ich werde nie heirathen. Wir bleiben beisammen in diesem Hause. Ich hatte nie einen Anbeter — ich werde nie einen haben."
(Fortsetzung folgt.)
32. Capitel.
Aus Pollys Tagebuch.
Nach Ablauf zweier Jahre verließ ich die Schule und kehrte nach Greylock Woods zurück. Wenige Wochen nach meiner Rückkehr kam Nan in einer dunklen Herbstmitternacht mit dem letzten Expreßzug an.
Sie war erwartet. Schon einige Stunden vorher hatte Sir Gervase die frohe Kunde von ihrer Entdeckung telegraphirt, und Tante Pamela und ich harrten ungeduldig, um sie mit offenen Armen zu empfangen.
„Wie sollen wir sie nennen, Ethel!" fragte Tante Pamela.
„Bei ihrem eigenen Namen — Nannctte Harkneß," antwortete ich. „Wie der Baronet sie wohl ausfindig machte? Natürlich konnte er uns das in seinem Telegramm nicht erklären. Tante Pamela, eine innere Stimme sagt mir, daß cr sie noch liebt, daß er nie aufgehört hat, sie zu lieben Hat er nicht zwei lange Jahre darauf verwendet, sie allenthalben zu suchen? Ist er nicht von Amerika nach England und von England nach Amerika zurückgereist, ohne Rast und Ruhe zu finden?"
Tante Pamela schüttelte den Kopf. „Mein liebes Kind, Du vergissest den ungeheuren socialen Abstand zwischen den Beiden. Die englischen Baronets verheirathen sich nicht mit den Töchtern von Circustänzern."
„Nan hat keine Verwandten mehr, deren sie sich zu schämen brauchte," wandte ich ein. „Sie steht allein in der Welt und besitzt die Erziehung, die Reize und das Benehmen einer Fürstin."
Tante Pamela seufzte, sagte aber nichts. Ich hatte eine Equipage nach dem Bahnhof geschickt- dieselbe kam gegen Mitternacht mit Sir Gervase zurück. Keine lieber« raschungen harrten der Letzteren, denn der Baronet hatte sie von Allem, was sich seit ihrer Flucht zugetragen, in Kenntniß gesetzt. Mit großem Ernste führte er sie in den Salon. Wie blaß und abgehärmt sie aussah, und dennoch wie schön! Ich öffnete meine Arme weit, und im nächsten Augenblick lagen die beiden einstmaligen Straßenbettlerinnen aus der Harmony-Alley einander in den Armen.
„Willkommen in Greylock Woods!" rief ich schluchzend. „Willkommen in Deiner Heimath, Nan- es ist und wird immer Deine Heimath sein! Alles, was ich hier besitze, ist auch Dein!"
„Und vergieb mir, verzeihe mir, mein liebes Kind!" bat die arme Tante Pamela. „Verzeihe mir, daß ich Dich an jenem schrecklichen Morgen in der Kirche von mir stieß! Ich war außer mir von dem Unglück, das über uns Alle hereinbrach. Du weißt nicht, mein Kind, wie bitter ich seither meine herzlose Handlung bereute!"
„Liebe Tante Pamela!" erwiderte Nan, durch ihre Thränen lachend- „ich habe Dir nichts zu verzeihen. Du haft nie in Deinem Leben eine herzlose Handlung begangen. Es war ganz natürlich, daß Du Dich an jenem Tage von mir wandtest. Ich wundere mich nur," fügte sie traurig hinzu, „daß Ihr Euch Alle so viele Mühe gabt, mich zu finden und zu Euch zurückzubringen."
Ihre großen, prächtigen Augen waren roth umrändert - auch war sie sehr blaß und mager geworden- allein sie war noch immer meine schöne, unvergleichliche Nan. Trotz der späten Stunde harrte ein großes Diner auf meine Gäste, und als die Mahlzeit vorüber war und wir wieder im Salon beisammen saßen — denn in dieser Nacht dachte Niemand an Schlafen — vernahmen Tante Pamela und ich Nans traurige Geschichte.
„Du wirst uns nie wieder verlassen," sagte ich endlich. „Sir Gervase kennt meine Pläne - die Hälfte des Vermögens mein Großvaters ist Dein und die andere Hälfte mein. — Wir werden Beide reich sein, Nan."
Ihre schönen Augen füllten sich mit Thränen. „Du


