890
eine Leiter an die Mauer gelegt- bald darauf erschien der Kops eines Feuerwehrmannes.
„Rasch!" rief derselbe.
Kenhon hob Miß Smith auf seinen Arm empor und übergab sie den ausgestreckten Händen des Mannes auf der Leiter. Ein unerklärlicher Impuls trieb sie an, einen Blick zurückzuwerfen. Es war das Werk eines Moments. Sie sah Kenhon noch am Fenster, rings von rothen Flammen eingehüllt. Seine Hand hatte das Feustergesims berührt, und daun — dann als der Boden unter seinen Füßen wie eine Eierschale zusammenbrach, da reckte er noch einmal die Hand aus, fiel zurück und verschwand.
Ein Flammenmeer wogte mit unwiderstehlicher Gewalt über den Fleck her, an dem er gestanden hatte, leckte mit hundert gierigen Zungen an dem Fenster empor — ein Sturm von Funken wirbelte zum mitternächtlichen Himmel empor, und dann war Alles vorüber.
Er war dahin — von Iris Greylocks geschiedenem Garten ward nichts mehr gefunden als eine Handvoll verkohlter Knochen, die unter den Trümmern des Hauses auf- gelescn wurden.
Plötzlich stürzte die Mauer und mit ihr die Leiter, sodaß der Feuerwehrmann und Miß Smith zusammen auf die Erde fielen. Letztere wurde besinnungslos aufgehoben und nach einem benachbarten Hause getragen, in welchem ein Theil der obdachlosen Arbeiterinnen ein Unterkommen gefunden hatte.
Als das Mädchen wieder zum Bewußtsein kam, dachte sie mit tiefem Bedauern an Kenyons tragische Selbstaufopferung, und zu diesem Bedauern gesellte sich Reue über ihre Strenge gegen den Unglücklichen, dem es so aufrichtig darum zu thun gewesen war, den früher an ihr begangenen Frevel zu sühnen. Allein sie hatte nicht lange Zeit, über das schreckliche Ende des Musiklehrers nachzudenken, denn ihre eigene verzweifelte Lage erfüllte sie mit Grauen vor der Zukunft. Sie war jetzt eme Bettlerin. All ihre geringen Habseligkeiten nebst dem ersparten Gelde waren ein Raub der Flammen geworden. Selbst die Kleider, die sie am Leibe hatte, waren theilweise vom Feuer versengt. Womit sollte sie ihre augenblicklichen dringenden Bedürfnisse bestreiten?
In Folge der Verletzungen, die sie erhalten hatte, mußte sie den ganzen folgenden Tage im Hause zubringen - als aber die Nacht hereinbrach, erhob sie sich, borgte sich die nöthigsten Kleidungsstücke und rüstete sich zum Ausgehen.
An einer Kette um den Hals trug sie zwei werthvolle Ringe, die letzten Reliquien aus ihrer glücklichen Vergangenheit. Sie hatte dieselben als Geschenk von Godfrey Greylock erhalten. Sie mußte Geld haben, und zwar sofort- so nahm sie denn die Ringe und wanderte hinaus durch die Straßen von Millbridge, um einen Platz zu suchen, wo sie dieselben verkaufen konnte.
Es dunkelte bereits, als sie an den geschwärzten Ruinen des Hauses vorbeieilte, in welchem Arthur Kenhon seinen Tod gesunden hatte. Einen Augenblick hielt sie inne, warf einen wehmüthigen Blick auf die Brandstätte, bog dann in eine Nebenstraße ein und trat in einen kleinen, dunklen Laden, in dessen Schaufenster etliche Uhren und eine Anzahl Schmucksachen zur Schau lagen. Ein junger Mann zündete eben die Laterne an, als Miß Smith hereintrat und die beiden Ringe auf den Ladentisch legte.
„Ich wünsche diese Ringe zu verkaufen," stammelte sie.
Der junge Mann blickte das schöne, blasse Mädchen verwundert an- dann betrachtete er die Ringe mit der prüfenden Miene eines Geschäftsmannes und sagte: „Wie hoch schätzen Sie diese Ringe, Miß?"
„Ich weiß selbst nicht, was sie werth sind. Geben Sie mir dafür, was Sie wollen."
„Der Besitzer des Ladens ist zum Abendbrod gegangen," versetzte der Clerk. „Kommen Sie lieber etwas später
zurück, wenn er hier ist! Ich bin nicht ermächtigt, solche Käufe abznschließen."
Sie vernahm diesen Bescheid mit Thränen in den Augen, nahm die Ringe wieder zu sich, um sich damit zu entfernen, als einer derselben ihren Fingern entschlüpfte und über den Boden hinrollte. Als sie sich umwandte, um ihn aufzuheben, wurde sie gewahr, daß Jemand den Laden betreten hatte und nun dicht hinter ihr stand. Es war der Mann, dessen Stimme sie in der Dunkelheit am Flusse vernommen hatte — der Mann, mit dem sie vor dem Altar in der Kirche von Blackport gestanden hatte, um mit ihm für das ganze Leben vereint zu werden — der Mann, den sie dreitausend Meilen über dem Meere gewähnt hatte — Sir Gervase Greylock! Da stand er in dem kleinen Juwelierladen in Millbridge und blickte sie mit den ernsten grauen Augen an, deren Zauber sie so oft empfunden hatte.
„So habe ich Dich endlich — endlich gefunden!"
Dies waren seine ersten Worte. Dann nahm er ihre Hände in die seinigen, beugte sich über sie und drückte einen Kuß auf ihre bleichen, zitternden Lippen. „Meine Braut!" fuhr er mit fester, ernster Stimme fort. „Du weißt, daß Du nie aufgehört hast, dies zu sein!"
„Oh!" stöhnte sie, indem sie sich aus seinen Armen zu befreien suchte, „treibe keinen Spott mit mir! Denke an Hannah Johnsons Enthüllungen! Denke an Alles das, was jetzt zwischen uns steht."
Seine Arme schlangen sich inniger um sie, während er lächelnd sagte: „Nichts steht zwischen uns! Zwei Jahre lang habe ich Dich in der ganzen, weiten Welt gesucht. Du entflohest mir an unserem unglückseligen Hochzeitstage- Du wirst mir aber nie wieder entfliehen. Narr! Ich habe Dich jetzt und werde Dich für immer behalten. Die Liebe der Greylocks ist stärker als ihr Stolz. Ich frage nicht danach, ob Du in einer Hütte oder in einem Palaste geboren bist- es genügt mir, zu wissen, daß Du die schönste, die lieblichste, die holdeste der Frauen bist! Weniger als das könntest Du unter keinen Umständen sein — mehr als das würdest Du nicht werden, wenn Du eine geborene Prinzessin wärest. Oh, meine Geliebte, meine Braut! Antworte mir nur auf die Frage: Liebst Du mich noch?"
„Ich liebe Dich noch und werde Dich ewig lieben!" schluchzte Nau, indem ein himmlisches Licht aus ihren seelenvollen, thränenumflorten Augen strahlte.
„Was brachte Dich aber nach Millbridge?" fragte sie endlich, nachdem sie von vielen, vielen anderen Dingen geredet hatten.
„Der reine Zufall," antwortete er. „Colonel Denham, dessen Bekanntschaft ich in einem Club in New-Aork machte, lud mich zu einem Besuche hier ein. Seit drei Tagen war ich sein Gast, und jetzt befand ich mich eben auf dem Wege nach dem Bahnhof, um nach New-Aork zurückzukehren, als ich Dich in den Laden treten sah. Nun aber erkläre mir, wie Du nach diesem kleinen Städtchen, das kaum hundert Meilen von Blackport entfernt ist, kamst, und wie Du die unzähligen Zeitungsaufrufe, in denen Polly und ich Dich beschworen, nach Deiner Heimath und zu Deinen Freunden zurückzukehren, unbeachtet lassen konntest?"
„Ich sah dieselben nie," seufzte sie. „Selten bekam ich in dem Kosthause eine Zeitung zu Gesicht und wagte nicht einmal in meinen Träumen daran zu denken, daß irgend Jemand in Greylock Woods meine Rückkehr wünschen könnte. Als ich von Blackport floh, hörte ich zwei Arbeiterinnen, die in dem nämlichen Zug mit mir reisten, über einen Mangel an Arbeitskräften in den Fabriken von Millbridge sprechen. Diese Unterhaltung hat mich hierher geführt."
„Und während dieser ganzen Zeit besuchte ich jedes Theater nah und fern, in der Hoffnung, Dich zu finden!" sagte er. „Mein armes Kind, jetzt da Du nichts mehr in Millbridge zu thun hast, wollen wir unverzüglich nach Blackport und zu Polly zurückkehren."


