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^^Wchließ' das Äug' und harre still, Was der Herr Dir senden will, Viel gewinnt — wer wenig heischt, Viel gehofft — ist viel getäuscht, Viel gestrebt — ist viel gestritten, Viel geliebt - ist viel gelitten.
Das Kind der Tänzerin.
Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann.
(Fortsetzung.)
Bald lag sie im tiefen Schlafe, doch grausame Träume marterten sie während desselben. Sie vernahm zuerst Sir Gervase Greylocks Stimme, der ihr vom anderen Ufer eines breiten schwarzen Flusses zurief. Dann wandelte sie wiederum, das Kind des Glückes, durch die prächtigen Räume von Greylock Woods und wähnte sich, bräutlich geschmückt, zur Fahrt nach der Kirche bereit. Gleich darauf beugte sie sich über das blasse Gesicht Godfrey Greylocks, der tobt vor dem Altar lag, während das buntfarbige Licht des Chorfensters auf ihn fiel- sie wich entsetzt zurück und floh athemlos über die gefrorenen Salzwiesen nach der „Katzen - Herberge", wo Mercy Pooles vierfüßige Familie purrend und miauend auf sie zulief. Plötzlich verwandelte sich das Katzengeschrei in Miß Smiths Ohren zu einem dumpfen Getöse. Auf dieses Geräusch folgte ein lauter Krach. Die Schläferin erwachte, sprang erschrocken auf und stand, etwas Schreckliches ahnend, einen Augenblick in der kleinen, dunklen Dachstube still.
Ach, das Zimmer war nicht dunkel, denn ein rother, höllischer Feuerschein hüllte das eine Fenster ein und zitterte über die vier kahlen, getünchten Wände hin. Das Geräusch, durch das Miß Smith aufgeschreckt worden, war ein Schlag, den eine starke Hand gegen die Thür geführt hatte. Während die Unglückliche, sich am Bettpfosten festhaltend, rathlos dastand und nicht wußte, ob sie träume oder nicht, erfolgte ein neuer Schlag- Schloß und Angeln gaben nach- die Thür fiel krachend in das Zimmer, und darüber hinweg sprang keuchend ein geschwärzter und versengter Mann. 'Mit ihm drang eine furchtbare Rauchwolke in das Zimmer.
„Das Haus steht in Flammen!" rief er, indem er seine Arme um Miß Smith schlang. „Ich hörte, Sie wären hier oben. Alle Anderen sind gerettet. Einige Mädchen
im unteren Zimmer stießen eine Lampe um, und im Nu stand das Haus in Brand, Gott helfe mir, Ethel!" schrie er verzweislungsvoll auf- „wie kann ich Sie retten?"
Sie schauderte zusammen- dann aber riß sie sich von Arthur Kenyon, denn dieser war es, der zu ihrer Rettung herbeigeeilt, los und lief mit dem blinden Jnstinct der Selbsterhaltung nach der in Ranch gehüllten Thür.
Er zog sie zurück.
„Die Treppe brach hinter mir zusammen," sagte er, „auf diesem Wege zu entkommen, ist unmöglich. Das alte HauS ist trocken wie Zunder — die Wände können nur noch einen Augenblick stehen bleiben. Die Straße ist voll von Menschen- ob sie uns aber zu helfen vermögen oder nicht, ist eine andere Frage."
Sein Heldenmuth verfehlte seinen Eindruck auf sie nicht. Das Haus war von innen und außen in Rauch und Flammen gehüllt, und hier, in dieser kleinen Dachstube, stand sie dem Tode gegenüber und blickte mit Verwunderung in Arthur Kenyons geschwärztes, aber furchtloses Gesicht.
„Warum setzten Sie Ihr Leben auf diese Art auf's Spiel?" sagte sie. „Ich wäre im Schlaf umgekommen, wenn Sie mich nicht aufgeweckt hätten — das wäre ein schmerzloses, barmherziges Ende gewesen. Retten Sie sich nun, wenn es noch möglich ist! Was mich anbelangt" — der Schrecken war fast völlig von ihr gewichen, und sie sprach ruhig, fast heiter — „so ist es mit mir zu Ende. Ich kann mein Leben jetzt und hier ebensogut beschließen, wie zu irgend einer anderen Zeit oder an irgend einem anderen Orte."
Die Flamme unzüngelte schon den Eingang. Schwarze, erstickende Rauchwolken drangen herein. Das Geschrei und die Rufe der Feuerwehr sowie der unten auf der Straße versammelten Zuschauer vermischten sich mit dem Prasseln des Feuers.
Kenyon zog das Mädchen nach dem kleinen Fenster der Dachstube hin. „Es ist nur noch ein Augenblick zwischen uns und dem Tode," sagte er rasch. „Warum ich mein Leben daran wagte, Sie zu finden, Ethel? Weil ich Ihnen dies als Sühne schuldig war. Niemand wagte das Hans zu betreten, um nach Ihnen zu sehen — Niemand als ich! Ich freue mich darüber. Ich gelobte mir, Sie zu retten oder mit Ihnen zu sterben. Sie sollten sehen, daß ich Sie mehr als mich selbst liebte — Sie werden mir jetzt die volle Verzeihung gewähren, die Sie mir vor einigen Stunden versagten!"
Er ergriff einen Stuhl und zerschmetterte das kleine, schmale Fenster. In demselben Augenblick wurde von außen


