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mehr darum," setzte Regnault hinzu, indem er die Asche von seiner Cigarre abstieß.
„O doch," antwortete die Wirthin langsam, „es lebt wenigstens eine Person, die sich selbst jetzt, nach siebzehn Jahren noch, darum kümmert."
„Wahrhaftig, dann war Grehlock glücklicher als die meisten seiner Mitmenschen!" rief der Sänger/ „gewöhnlich genügt eine kürzere Zeit, um uns ans der Erinnerung unserer Nächsten und Theuersten zu streichen."
Mercy Poole ballte ihre braunen, sehnigen Hände. „Die Stunde wird kommen, da Gottes Gerechtigkeit den Mörder an das Tageslicht bringen wird!" sagte sie dumpf.
„Ihr Glaube ist stark," meinte Regnault lachend. „Mord will an's Licht," ist ein Sprüchwort, das sich überlebt hat. In unseren Tagen glaubt Niemand mehr daran. Die Wege der Gerechtigkeit sind jetzt so krumm und verschlungen, daß es schwer ist, die Schuldigen zu erreichen. Der Mörder, welcher siebzehn Jahre lang im Stande war, sich der Gerechtigkeit zu entziehen, müßte geradezu ein Idiot sein, wenn er sich jetzt noch fangen ließe."
„Sie haben mir gesagt, wie Sie heißen, Sir," begann Mercy Poole nach einer kurzen Pause von Neuem, „ich habe es aber wieder vergessen."
„Regnault ist mein Name."
„Er ist mir fremd."
„Ohne Zweifel."
„Wo waren Sie," fuhr die Wirthin mit flammenden Augen fort," „in der Nacht, als Robert Grehlock starb?" Regnault blickte die Amazone verblüfft an und antwortete dann lachend: „Wollen Sie seinen Tod etwa mir in die Schuhe schieben? Ich war in jener Nacht viele Meilen weit von hier, und obwohl ich Grehlock von ganzem Herzen haßte, erwies sich sein unzeitiges Ende doch als das größte Unglück meines Lebens. „Nein, nein!" fuhr er mit einem Achselzucken fort/ „ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich nicht sein Mörder bin."
„Sie weichen meiner Frage aus!" rief Mercy. „Wo waren Sie in der Nacht, als er ermordet wurde?"
„Das geht Sie nichts an! Sie zwingen mich, Ihnen eine unhöfliche Antwort zu geben. Allein," sagte er gähnend, indem er seine Cigarre wegwarf, „es ist schon spät, und ich will jetzt zu Bette gehen."
„Bleiben Sie!" erwiderte Mercy Poole, „nur noch ein Wort! Wenn die Leute jene dumme Selbstmordgeschichte nicht so leichtgläubig hingenommen hätten, so wäre ein ge- wisser Jemand sofort der That verdächtig gemacht worden, und nichts hätte ihn dann retten können."
Regnault hatte durchaus keine Lust, weiter auf den Gegenstand einzugehen, allein der furchtbare Ausdruck ihrer Augen entrang ihm die Frage: „Und wer war das?"
„Der Mann, welcher mit Robert Greylocks Weib entfloh."
Regnault stieß die Katzen, welche im Wege lagen, bei Seite und schritt der Thüre zu. Ehe er das Zimmer verließ, sagte er noch: „Der arme Teufel! Ohne Zweifel wurde er für diese Thorheit schwer genug bestraft. Er muß indessen ein Tausendkünstler gewesen sein, wenn er den Gatten in Blackport tödtete und zu der gleichen Zeit mit der Frau New-York verließ. Fran Wirthin, es ist klar, daß Sie das Zeug zu einem Detectiv nicht besitzen."
Im Hinausgehen winkte er Polly zu, welche ihm auf den Hausflur folgte.
„Wissen Sie den Weg nach Grehlock Woods, mein Kind?" fragte er.
//Ja."
„Ich möchte der jungen Dame dort eine Botschaft zusenden."
„Ich will dieselbe überbringen."
„Besten Dank, mein Kind! Um Ihretwillen verzeihe ich dem Burschen mit den groben Fäusten — er ist wohl Ihr Liebhaber — der mich vorhin so nnceremoniös angriff."
„Er ist nicht mein Liebhaber," erwiderte Polly, oen Kopf schüttelnd.
„Nicht? Dann ist er zweifellos übergeschnappt," sagte Regnault lachend. „Morgen früh werde ich Ihnen einen Brief anvertrauen, den Sie jedoch nur Miß Grehlock selbst überliefern müssen, keinem anderen Menschen, verstehen Sie mich? Sie dürfen mir keinen Streich spielen."
„Ich würde das ür unter meiner Würde halten, Sir."
„Miß Grehlock wird Ihnen ohne Zweifel eine Antwort übergeben. Ich werde morgen im Gasthof bleiben. Sagen Sie Ihrer Herrin keine Silbe davon!"
„Ich werde schweigen."
Regnault begab sich die Treppe hinauf, und Polly kehrte in das Zimmer zurück, fand aber nur noch die Katzen in demselben. Ihre Herrin war verschwunden.
Hinaus nach den alten Salzgruben eilte Mercy Poole beim bleichen Licht des Mondes. Ihre hohe, schwarze Gestalt schien beflügelt. Sie hatte ihren niedrigen Hut tief über das Gesicht gezogen, und ihre sehnigen Hände fuchtelten wild in der Luft umher. Hatte sie den Mörder ihres Geliebten endlich gefunden?
Dichte Nebelwolken lagerten sich über die Salzwiesen/ doch hell schienen die Sterne droben am nächtlichen Himmel Sie schlug den oft betretenen Pfad ein, der nach dem Steinhaufen führte, warf sich neben demselben nieder und blieb regungslos, das Gesicht der Erde zugekehrt, dort liegen.
Dort stolperte Polly eine oder zwei Stunden später über sie und suchte sie aufzurichten.
„Gott sei Dank, daß ich Sie endlich gefunden habe Miß Poole!" rief sie. „Ich habe Sie überall gesucht. Das Küchenmädchen sagte mir, Sie würden wahrscheinlich hier sein/ es fürchtete sich aber, mit mir zu kommen — wegen der Geister."
Mercy Poole sprang von der Erde auf, ihr Gesicht war so bleich und gespenstig wie der Nebel, der über der Salzwiese schwebte. „Wer ruft mich?" sagte sie wild.
„Ich - Polly."
„Und fürchten Sie sich nicht auch vor Geistern?"
„Nein/ ich fürchte mich vor nichts," antwortete das Mädchen/ „aber ich konnte nicht schlafen gehen, bis ich Sie in Sicherheit wußte."
Mercy Poole blickte auf das liebevolle, besorgte Gesicht des jungen Mädchens nieder und sagte dann gerührt: „Ich danke Ihnen, mein Kind."
„Das Gespräch mit jenem Manne hat Sie wohl aufgeregt?" fragte Polly. „Ich wußte, daß er ein schlechter Mensch ist, ich wußte es vom Augenblick an, als er den Gasthof betrat. Aber kommen Sie, Miß Poole, gehen Sie jetzt mit mir nach Hause! Was wollen Sie denn nur an diesem einsamen Platze?"
„Mit dem Todten sprechen," antwortete Mercy Poo.e. „Als Sie mich anredeten, glaubte ich seine Stimme zu vernehmen."
„Nicht doch!" rief Polly bebend. „Wir können nicht mit den Todten reden, so lange wir selbst am Leben sind."
„Meinen Sie? Ich thue es oft. Sehen Sie dieses Steinmonument? Ich errichtete dasselbe mit meinen Händen in mitternächtlicher Stunde zum Andenken an Einen, der auf dem Flecke, auf dem Sie eben stehen, ermordet wurde. Und eine lange, lange Unterredung hatte ich mit ihm, während ich mit der Arbeit beschäftigt war. Ich will Sie aber nicht erschrecken. Reichen Sie mir die Hand, Kind — es schwindelt mir — führen Sie mich nach Hause!" Und ohne ein weiteres Wort zu reden, ergriff sie die Rechte des Mädchens und schritt mit demselben nach der im tiefen Schlummer liegenden Stadt zurück.
Polly betrachtete ihre Herrin unterwegs wiederholt mit bekümmerten Blicken und suchte vergebens eine Antwort auf die Frage: „War Mercy Poole, die Wirthin der „Katzen- Herberge," wahnsinnig?"


