Ausgabe 
24.4.1897
 
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heiten treiben könnte! Aber die Dame hat recht! Die Zeit geht dabei hin und es ist doch mollig auf der See, wenn's ordentlich weht. Er deckte den grauen Mantel über seine Füße und versank in stille Beschaulichkeit. Derweile arbeitete das kleine Fahrzeug energisch gegen die aufgeregte See, energisch, aber langsam.

III.

Es war bereits 4 Uhr, als die Insel Juist dwars lag.

Wohl seit einer Stunde oder auch länger hatte der Graue" allein gesessen, als der Steward den Kopf in die Cajütsthür steckte.

Mienheer, wenn 8) de Doctor sünt, dann füllen 9) in de Cajüte dalstiegen, dar was'n Dam leep to passe!"

Der Steward hatte wohl gehört, daß der Fremde das Friesische verstand und bediente sich daher der ihm mund­gerechten Sprache.

Wat scheelt öhr?" fragte der Doctor.

Mit geringschätzigem Lächeln meinte der seefeste Jüng­ling, sie würde wohltoll" sein (d. h. seetoll) und ging.

Das ist der Fluch der bösen That nun bin ich Doctor und habe keine Ahnung!" monologisirte der Fremde.

Die Varina rollte derartig, daß er sich an der Lee- Reeling entlang arbeiten mußte, um nicht zu Falle zu kommen. Dann stieg er die Treppe hinab, an deren unterster Stufe ihn die Tochter des Geheimrath Oldekopp bereits erwartete.

Ach, denken Sie, Herr Doctor, das sind Sie zu unserem Glücke ja nun doch, wie die Frau Regierungsräthin mittheilt, denken Sie, meine Cousine Bertha liegt seit einer halben Stunde in den furchtbarsten Krämpfen sie ist ganz wunderlich, ich weiß mir nicht zu rathen. Ich allein bin überhaupt noch fähig, mich aufrecht zu halten alle Anderen liegen wie tobt!"

Vor Allem erst einmal nachsehen, mein Fräulein! Also Ihre Cousine, die schö--die große Blondine?"

verbesserte er sich und ging hinein in den Salon. Es herrschte magisches Halbdunkel.

Auf dem großen Eckdivan regte sich eine Gestalt. Der Doctor trat näher. Die Blonde richtete sich auf- die dichten vollen Haare hingen halb aufgelöst um ihr hübsches, geister­bleiches Gesicht, die blauen Augen waren weit geöffnet, aber sie schien den Fremden nicht zu erkennen.

Laßt mich ich will sterben!" rief sie mit un­heimlich rauher Stimme und machte eine recht deutlich ab­wehrende Bewegung mit der Hand, die ste dann aber wider­standslos dem Doctor ließ, als er, die Uhr in der Hand, nach dem Puls fühlte.

Dem aufmerksamen Beobachter hätte es auffallen können, daß der Arzt etwas lange nach der Schlagader suchte und wer ganz fein hörte, hätte vielleicht etwas vernehmen können, wie:Verdammt, ich finde den Puls nicht!" Er legte dann seine Hand auf der Kranken Stirn. Mit voller Bestimmtheit flüsterte er jetzt der ängstlich harrenden Helene zu:Die Sache ist nicht unbedenklich Puls beschleunigt Tem­peratur erhöht !"

Pause. Nachdenken höchst ernste Miene dann mit Selbstvertrauen:Aber ich denke, wir werden Schlimmerem noch Vorbeugen! Mein Fräulein, ich werde jetzt einige Palliativmittel vorbereiten, auch die zufällig in meinem Besitz befindlichen verwendbaren Arzneien herbeischaffen. Ich ersuche Sie, inzwischen der jungen Dame durch Entfernung eines unbequemen Kleidungsstückes mehr Athemfreiheit zu verschaffen. In fünf Minuten bin ich zurück."

Während Helene, der Anordnung entsprechend, ihrer Cousine den Fischbeinpanzer entfernte, freilich nicht, ohne daß diese in einen erneuten Paroxismus verfiel, eilte der Fremde hinauf, zuerst in die Pantry zum Steward.Bringen Sie ein Gefäß mit Eiswasser und etwas Essig hinab in die

Damencajüte, und dann ein Glas besten Cognac! Praesente medico kann das keinenfalls schaden," fügte er für sich hinzu.

Ja, Cognac habe ich der Dame auch anempfohlen, als ie fürchtete wieder toll zu werden," erklärte der Steward, und dann hat sie nach und nach auch vier Gläser getrunken!"

Bier?" Der Doctor zog das Wort bedenklich in die Länge. Ein kleines verständnißvolles Lächeln ging über seine Züge. Er legte den Finger an die Nase undcapisco rief er dann mit einem Ausdrucke, als hätte er etwas be- onders Freudiges damit ausgesprochen.Steward, lassen Sie den Cognac fort, aber bringen Sie möglichst bald eine Tasse starken schwarzen Kaffees! Verstanden? Aber fix muß das gehen!"

Der Steward, auch er lächelte jetzt, ging an seinen Petroleum-Kochapparat und der Doctor arbeitete sich, Hand vor Hand, wie der Seemann sagt, bis an die Decks­kajüte, denn noch immer schlingerte die Varina mit 30' Krengung.

Das fockü übrigens den Doctor nicht an. Mit einem auffälligen Eifer schloß er abermals sein Reisenecessaire aus und unterzog die darin enthaltenen Gegenstände einer Prüfung.

Hm! Salmiak, gegen Mückenstiche bestimmt - das wandte ich schon an. Zahntinctur, hm" er roch an der Flaschewirkt auch belebend, vielleicht auf Zucker, kann keinenfalls schaden." Er steckte das Gläschen in die Tasche.Aber hier Hühneraugenpflaster hinter das Ohr oder auf den schönen Ha--nein, bleiben wir

beim Ohr! Man weiß mitunter nicht, was der Glaube thut! Und Eau de Cologne ist allemal auch für die Un- betheiligten so unschädlich wie angenehm. Also ans Werk!"

Er fand die Patientin etwas ruhiger, wenn auch noch immer phantastrend. Noch ein Griff an den Puls.

Schon bedeutend besser, seit die Kleidung bequemer," bemerkte er mit Ueberzeugung zur Cousine.

Jetzt kam der Steward mit dem Eiswasser. Der Doctor mischte den Essig hinzu, nahm dann ein sehr elegantes unb mit einer gekrönten Chiffre gezeichnetes Taschentuch, er hatte es ebenfalls aus seinem Necessaire nach Auswahl ent­nommen, tauchte es ein und drückte die Compresse vor­sichtig auf die Stirn der jungen Kranken. Sie lag ausgestreckt auf dem Divan und hatte die Augen geschlossen.

Ach, das thut gut!" kam es jetzt über ihre blaffen Lippen.Ach och!"

Sehr gut," sagte der Doctor zufrieden,nun bitte ich um ein Stück Zucker!"

Fräulein Helene reichte ihm das Gewünschte und nachdem er zwei Tropfen einer stark und aromatisch duftenden Flüssig­keit darauf gegossen, gab er es der Kranken. Er schien die Wirkung zu beobachten. Die Blonde athmete lebhafter, - so wie man etwa nach Pfeffermünz unwillkürlich die kühlende Luft einsaugt und

Sehr gut Wirkung vortrefflich," meinter der Doctor. Nun noch ein paar kleine Zugpflaster hinter die Ohren und ich zweifle nicht am Erfolge."

Auch dieses Mittel erklärte der Helfer in der Noth schon nach ganz kurzer Zeit für durchaus von gutem Erfolge be­gleitet und jetzt erschien auch der duftende schwarze Kaffee.

Der Doctor richtete die jetzt fast apathische Kranke etwas auf. ,

Was wollen Sie?" fragte sie plötzlich, die Augen weit aufmachend und fuhr erschreckt zurück.

Es ist der Doctor, Bertha, Du bist krank, Du sonst das hier trinken," sagte Helene und reichte jener den Kaffee.

Wiederum konnte der Arzt nur eine ganz exorbitante Wirkung constatiren. Die Kranke wurde ganz ruhig, schwo die Augen und bald hörte man den ruhigen Athem er Schlafenden. Vielleicht versprach sich der Doctor eine nach­haltige Wirkung von der Wärme, die von ihm auf sew Patientin überströmte, denn er hielt deren Hand es wa eine schmale schöngeformte Hand dauernd zwischen seinen, während sein Blick mit dem unverkennbaren Ausdru