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Gert machte eine jähe Bewegung. „Ich bitte Dich, Pia, — daran ist doch kaum zu denken —! Hast Du nicht selber an Mama geschrieben, daß sie für Wulff-Dietrich bestimmt sei?"
Das junge Mädchen blickte angestrengt zur Seite. „Daran ist wohl kein Gedanke mehr, — sie liebt ihn nicht — und ... und . . ."
„Ja, wen soll denn der arme MajoratSherr aber sonst heimführen, da es zwischen Euch Beiden absolut nichts zu werden scheint?"
Pia senkte das Köpfchen tief zur Brust.
„Das laß Deine geringste Sorge sein, — in der Noth lernen die Menschen fürlieb nehmen!" sprachs und eilte hastig in das Nebenzimmer, um ihres Amtes an dem Frühstückstisch zu walten.
Gert blickte ihr starren Auges nach. Ein blitzähnlicher Gedanke durchzuckte ihn.
War seine schöne Schwester nicht umsonst im Hause des Diplomaten erzogen?
So übel ist der Plan nicht, welchen sie zu verfolgen scheint. Wer Schloß Niedeck kennen gelernt hat, muß wohl oder übel für den Gedanken schwärmen, es einstmals besitzen zu können. Wulff-Dietrich hat sich, wie er von seinen Eltern hörte, nie bemüht, Pia kennen zu lernen,- die reiche Cousine Franziska scheint ihm mehr begehrenswerther zu sein, wenn aber Fränzchen einem Anderen die Hand reicht, so bleibt Wulff-Dietrich keine Wahl, er muß Pia heimführen, will er seinen Söhnen das Majorat erhalten. Die Heirath mit einer Anderen enterbt seine Kinder und liefert den wundervollen Besitz an die Krone.
Gedankenverloren sinkt sein Kopf zur Brust und die Cigarre zwischen den Fingern verlöscht.
Fraglos, Pia hofft durch ihn dennoch Gräfin Niedeck zu werden.
Gert hat seine reizende Schwester seit jeher abgöttisch geliebt, sie gut und glänzend verheirathet zu sehen, würde ihn unbeschreiblich beglücken.
(Fortsetzung folgt.)
Heinz Warnows Brautfahrt.
Weihnachts-Humoreske von S. Halm.
(Schluß.)
Warnow war, als tanze eine ganze Schaar neckischer Kobolde vor seinen Augen, als machte ihm jeder Einzelne eine höhnische Grimasse. Hatte er recht gehört? Recht verstanden ? Nur sich nicht verrathen! fuhr es ihm in den Sinn. Die alte Jungfer durfte nicht ahnen, mit welchen Hoffnungen er sich trug oder vielmehr getragen.
So fragte er denn anscheinend gleichgültig, wenig geistreich : „So hat die Frau Oberlehrerin eine Tochter, die —" „Mein Bruder heirathen will! So ist es!" kam ihm das mittheilsame Fräulein zur Hülfe und wie, um ihm jeden Zweifel zu benehmen, fuhr sie fort: „Gertrud ist ein liebes Mädchen, noch ein Bischen jung zwar, doch mein Bruder fft geraderer Mann, ein so junges Geschöpf zu leiten.
„Ist älter wie Sie?" fragte Warnow argwöhnisch.
Sie lächelte geziert: „Allerdings — er zählt 42. Gott, er ist ja noch ein Mann in den bestem Jahren."
Warnow sah plötzlich klar. Seine kleine Trudel sollte das Opfer einer Bernunftsehe werden. Seine Trudel, o mein Fräulein Twenz und meine verehrte Frau Oberlehrerin knirschte er heimlich. Da sollt Ihr doch die Rechnung ohne mich gemacht haben!
Laut sagte er: „Ihre zukünftige Schwägerin erwartet Sie wohl schon mit Sehnsucht, besonders ihren Herrn Verlobten?" v
Fräulein Twenz machte ein etwas sauersüßes Gesicht.
„Gott, sie ist noch so sehr Kind"--und plötzlich vertraulich
werdend fuhr sie fort: „Ich muß Ihnen nämlich gestehen, da Sie sich ja anscheinend so sehr für diese Angelegenheit interessiren — — Warnow machte eine leichte Verbeugung „Das Mädchen ist noch etwas unerzogen. Denken Sie sich, bis jetzt hat sie sich noch gegen diese brillante Parthie geweigert."
„Aha!" entfuhr es Warnow unwillkürlich, doch er verbesserte sich sofort. „Aha, ein kleines Gänschen also dieses Fräulein."
Sein Vis-ä-vis lächelte nachsichtig: „Wie gesagt, noch das reine Kind, das sich gern auf den Trotzkopf hinausspielt) doch wir hoffen, daß der Einfluß ihrer Mutter sich endlich geltend gemacht hat!
Na wartet! dachte Warnow. Dann lehnte er sich in seine Ecke und versank in Schweigen, worauf seine gesprächige Gefährtin wohl oder übel seinem Beispiel folgen mußte.
Der Zug brauste in die Bahnhofshalle zu Hannover. Warnow suchte seine Sachen zusammen, kümmerte sich jedoch um seine Mitreisende, die sich wieder in ihre Hüllen einzuschälen begann, herzlich wenig, was diese mit stillem Grimm constatirte. —
Mit flüchtigem Gruß enteilte er endlich ihrer Nähe. Doch postirte er sich in einiger Entfernung, um Gertruds Zukünftigen wenigstens zu sehen. Er gewahrte ihn auch bald, die Schwester führend.
Es war ein baumlanger Mensch mit hängenden Schultern und einer wenig Zutrauen einflößenden Visage. Dem also sollte die lustige, kleine Trudel mit^Leib und Seele verschrieben werden? Nun da sollte doch--! Doch kommt Zeit,
kommt Rath. Warnow nahm sich vor, den getreuen Eckart der Kleinen zu spielen- an seiner Brust, in seinen Armen sollte sie Schutz finden vor dem unwillkommenen Freier. Gehobenen Gefühls ging er in den Wartesaal hinab.
Herr und Fräulein Twenz kamen auch; doch da Warnow sie geflissentlich übersah, ließen sie sich in einiger Entfernung von ihm nieder, doch ihr eifriges Geflüster, ihre Blicke sagten ihm, daß er der Gegenstand ihres Interesses und Gespräches abgäbe.
Als Erster verließ Warnow den Wartesaal. Er suchte sich ein Nichtrauchercoups und harrte des Weiteren. Nach kurzer Zeit gesellte sich ein flotter, junger Mann, offenbar Student, zu ihm, doch achtete dieser seiner kaum, da er beständig auf den Perron hinausspähte. Endlich gewahrte Warnow das seltsame Geschwisterpaar. Um nicht gesehen zu werden, legte er sich weit in die Polster zurück, bemerkte jedoch zu seinem Erstaunen, daß sein Reisegefährte sich beim Anblick der Twenz eiligst rückwärts concentrirte. Sofort gewann der junge Mann an Interesse für Warnow. Seine Scheu vor einem Rencontre mit den Twenz, sein erleichtertes Auf- athmen, als jene ohne ihn zu bemerken vorbeischritten, gaben dem Beobachter zu denken, seine Neugierde steigerte sich jedoch noch, als er vernahm, daß der Fremde gleich ihm Wunstorf zum Reiseziel habe.
Wer war der junge Mann? Und in welchem Verhältniß stand er zu den Twenz? Warnow zergrübelte umsonst sein Hirn.
Er begann bald ein Gespräch, auf das der Andere zwar höflich, aber zerstreut einging. Plötzlich kam ihm der Gedanke, einmal auf den Busch zu klopfen, so fragte er denn: „Sie wollen nach Wunstorf, nicht wahr?" „Allerdings" bejahte der junge Mann etwas zögernd.
„Kennen Sie dort vielleicht eine Familie Twenz?" „ „Ich?" stotterte der Gefragte plötzlich auffallend roth. Ich--ich glaube kaum."
„So--ich dachte es!" warf Warnow wie absichts
los hin.
Sein Reisegefährte aber schien unruhig zu werden. „Darf rch mir die Frage erlauben?" fragte er endlich, „wie Sie auf diese Vermuthung kommen?"
Warnow überlegte. Die Frage des Fremden hatte ihn


