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noch einmal tröstlich zu. „Ja, ja, verlaß Dich drauf, den Gert, den heirathe ich!" — und dann fliegen rechts und links die zierlichen Sesselchen mit dem verblaßten blumigen Atlasbezug zur Seite und Gräfin Fränzchen stürmt wie die wilde Jagd in den Hof zurück.
Pia nimmt schnell die Rosen, welche sie dem Wildfang noch in den Gürtel stecken wollte, von dem Tisch und folgt hochklopfenden Herzens. Sie ist so confus und zerstreut, — war es recht, daß sie an Fränzchen ihre geheimsten Wünsche verrieth?
Die Kleine ist seit ihrer Rückkehr ausgelassener und kindischer wie je, — oft scheint ihre tolle Laune krampfhaft, zeigte sie sich Gert als gesitteteres und vernünftigeres Wesen, so thut sie es einzig der Cousine zu Liebe, welche die Lunte halten.
Sie reißt sich aber gehorsam von der interessanten Spielerei los, als Fräulein von Nördlingen sie ruft und läßt sich geduldig, mit lustigem Augenzwinkern, die Rosen in den Gürtel stecken.
„Nun fahre nicht so heftig mit den Armen dagegen, sonst brechen die Blüthen ab!" ermahnt Pia noch einmal sorgenvoll, und dann führt sie die Kleine an der Hand den Eltern entgegen, welche soeben auch in das Schloßportal treten.
„Sieh doch, Tante Johanna! wie gefällt Dir Dein Töchterlein heute?"
Die Gräfin sieht ganz perplex aus. „Oh, jwelch eine Ueberraschung! Fränzchen als Dame srisirt! Oh--
sieh doch, Willibald!" — — und dann bekommt sie einen Husten, sehr heftig und andauernd, so daß sie das Taschentuch vor den Mund pressen muß
Aber es ist keine Zeit mehr zu näherer Besichtigung, ein Hornsignal schmettert von dem Lug ins Land. Mit unheimlichem Krach entläd sich die erste der Feldschlangen und enttäuscht Fränzchen durch ihr schwachathmiges Organ.
Der Doctor und die Diener sind sicherheitshalber hinter eine Mauerböschung gesprungen- da aber das Geschütz höflicherweise nicht geplatzt ist, eilen sie kühn und muthig zu dem zweiten, auch hier die festliche Detonation in Scene zu setzen.
Auch hier ein dumpfer Schlag.
„Jämmerlich, wie ein Knallbonbon!" ärgert sich Fränzchen- im nächsten Moment aber schwenkt sie mit rauhkehligem Hurrah das Taschentuch — es zeigt so viel Heidelbe erstellen, daß man es für eine Trauerflagge halten könnte! — in der Hand und winkt stürmischen Willkommen.
Vor dem Burgthor klingt Hufschlag und Räderrollen, und im nächsten Augenblick hält die elegante Equipage, von vier Rappen gezogen, in dem Schloßhofe.
Herr und Frau von Nördlingen breiten grüßend die Arme aus, und ein schlanker, bildhübscher Marinelieutenant greift salutirend an die Mütze.
* * *
Tage sind vergangen.
Pias bleiche Wangen blühen wieder wie ehedem in rosiger Frische und ihre Augen leuchten so glücklich und zuversichtlich wie diejenigen eines Kindes, welches durch die Thürspalte den verheißungsvollen Glanz des Christbaumes strahlen sieht!
Wie wunderbar gut haben sich Gert und Fränzchen angefreundet! Die Kleine erfaßt ja einen neuen Gedanken meist sehr Passionirt, ihre Neigung für Gert scheint jedoch mit Sturmesschnelligkeit zu wachsen und sein Sieg prima vista entschieden.
Sie macht auch nicht den mindesten Hehl daraus, daß der neue Vetter ihr über die Maßen gut gefällt, und die Naivität, mir welcher sie ihr Entzücken zur Schau trägt, wirkt viel zu originell und kindlich, um abstoßend zu sein!
Gert selber ist während der ersten Tage oft blutroth geworden vor Verlegenheit, wenn das junge Näschen voll
andächtiger Bewunderung fein „famoses SchnurrwichSchen" anstaunt, wenn sie ungenirt bekennt: „Höre, Gert, Du hast grade so bildschöne Augen wie Pia!" oder wenn sie nachdenklich seine Hand zwischen die ihre nimmt und fragt : //Wie machst Du das nur, daß Du als Mann so schöne weiße Hände hast? Du bist doch gar nicht sehr viel älter wie ich und mußt doch gewiß auf dem Schiff tüchtig zugreifen, — sicherlich noch mehr wie ich hier in Haus und Hof herumhantire, — und doch sehen Deine Finger aus, wie von Marmor gemeißelt!"
Der elegante Gert, welcher auf seine tadellosen Hände besonders eitel ist, lächelt voll Wohlgefallen und findet die Kleine „immer charmanter!" und Frau von Nördlingen, welche ja keine Mutter sein müßte, wenn sie nicht jedwede Tochter des Landes auf ihre Eigenschaft als brauchbare Schwiegertochter prüfte, schaut immer überraschter und aufmerksamer drein, je deutlicher Fräulein Fränzchen ihre Sympathien für den Herrlichsten von allen bekundet.
Der Hauslehrer ist noch an demselben Tage, wo die Gäste auf Niedeck eingetroffen, zu seiner eigenen großen Ueberraschung abgeretst. Graf Willibald liebt ja die Ueber- raschungen. Nach Tisch hat er ein Weilchen heimlich mit dem Doctor getuschelt, hat es unverantwortlich gefunden, daß der junge Gelehrte die Schweiz noch nicht kenne, und ihm mit verständnißinnigem Lächeln ein paar Goldrollen in die Hand gedrückt: „Machen Sie bei der Hitze noch Ferien und reisen Sie mit Gott, mein wackerer, junger Freund!"
Der Doctor war sprachlos vor Freude. Zwar sandte er noch einen wehmüthigen Blick nach Pias goldlockigem Köpfchen hinüber, raffte sich dann aber engerisch zusammen und stürmte auf sein Zimmer, das Köfferchen zu packen.
Mit dem Abendschnellzug dampfte er bereits nach Straßburg ab, und anläßlich seines Abschieds ward Fränzchen zum ersten Mal sehr zärtlich gegen Vetter Gert, — sie warf sich an seine Brust und drehte ihn wie einen Brummkreisel umher: „Gott sei Dank — nun hat's mit dem Geochse für 'ein Weilchen wieder ein Ende!" — Und dann genoß sie die köstlichste Freiheit so recht in vollen Zügen.
Ihre kleine, sehr kostbare Büchse über der Schulter, zog sie mit dem Vetter und dem Rentmeister in aller Morgenfrüh auf die Jagd hinaus, denn zu beiderseitigem innigen Entzücken war constatirt, daß Gert ein passionirter Jäger sei.
„Wie gefällt es Dir eigentlich, daß Fränzchen der Diana so sehr in das Handwerk pfuscht?" forschte Pia ein wenig sorgenvoll bei dem Bruder, dieser aber strich das Bärtchen flott in die Höhe und sagte: „Brillant! sie ist ein Mordsfrauenzimmer! schießt besser wie wir Anderen zusammen! Es ist uramüsant, mit dem lustigen Mädel zu jagen, sie gönnt mir die besten Schüsse, ist absolut nicht zimperlich und stiefelt mit uns durch Dick und Dünn! Mit der kann man znr Noth ein Pferd stehlen!"
„Findest Du sie hübsch?"
Gert lachte. „Na, das ist nicht gut möglich, das arme Ding sieht aus wie ein Nußknacker! Aber was liegt daran!? bei einem guten Kameraden ist das doch gleichgültig !"
„Nur ein guter Kamerad?!"
Der Marinelieutenant hob erstaunt den Kopf: „Na, denkst Du etwa, ich wollte sie heirathen?"
Pia hob tiefathmend die Theerofen, welche sie in der Hand hielt, und neigte das erglühende Antlitz darauf nieder.
„Ich glaube, Fränzchen ist auf dem besten Weg, sich sterblich in Dich zu verlieben, — das arme Kind!"
„Ah . . . factisch ? — glaubst Du ?!" — So überrascht auch die Stimne klang, so geschmeichelt sah dennoch das hübsche Gesicht des jungen Offiziers aus. „Das sollte mir riesig leid thun, — sie ist wirklich ein sehr nettes Mädchen!"
„Sie hat wunderbar schöne Augen — und ein so herzliches, frisches Wesen! warum solltest Du nicht auch sie lieb gewinnen können!?"


