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dunkel, untersetzt, schwarzäugig war und den seltenen Magnetismus eines Gesichtes besaß, das gleichzeitig hübsch und doch abstoßend wirkte.
Es war spät in der Nacht und die Lampen brannten niedriger, als Borderet sich erhob und sagte: „Mein guter, alter Freund, es wird spät und Sie dürfen morgen an Ihrem Hochzeitstage nicht schläfrig sein. Rauchen Sie noch eine von diesen Cuba-Cigarren und widmen Sie sich dann Ihren Träumen."
Mit diesen Worten holte er aus einem kleinen Schränkchen einen elfenbeinernen Kasten, dem er zwei große Cigarren entnahm, die sorgfältig in Staniol eingewickelt waren. Eine derselben händigte er Verot ein und zündete sich selbst die andere an.
„Das sind die beiden letzten aus einer Kiste, die mir vor zwei Jahren ein Freund in Havannah schenkte," bemerkte er.
Verot hielt die fast schwarze Cigarre unter seine Nase, um ihren Duft einzuathmen, wich aber augenblicklich zurück, denn der Cigarre entströmte ein seltsamer, fast unerträglicher Geruch.
„Das hat nichts zu sagen," lachte Borderet mit einem ganz seltsamen Ton, der Verot aufftel. „Wenn Sie sie anzünden, verschwindet der Geruch und der Brand ist ausgezeichnet. Sehen Sie selbst," rief er und Paffte seinem Freunde eine Wolke in's Gesicht,- „riecht sie nicht vorzüglich?"
Verot nahm die Cigarre und versuchte sie anzuzünden, doch der entsetzliche Dust, der ihr entströmte, veranlaßte ihn, sie fallen zu lassen.
„Das riecht ja entsetzlich," murmelte er, „ich kann es nicht ertragen."
„Wie kann man nur so weibisch sein?" bemerkte Borderet und nahm die zur Erde gefallene Cigarre wieder auf, die er seinem Gaste einhändigte. „Rauchen Sie sie nur, es ist ja der letzte Abend, den wir zusammen zubringen."
Wieder versuchte der Pariser, die Cigarre anzuzünden, doch es war ihm unmöglich und er warf sie fort, nachdem er ihren unerträglichen Geruch eingeathmet.
„Haha," lachte Borderet, „Sie haben weniger Muth, als ich glaubte,- ja, ja, Ihr Pariser seid, wie ich schon oft gesagt, ein degenerirtes Geschlecht."
Verot war aufgesprungen und sah jetzt seinem Wirthe fest in's Gesicht.
„Diese Cigarre war vergiftet," rief er mit starker Stimme.
„O gewiß nicht," entgegnete Borderet, blieb stehen und hob sie auf, um sie zur Nase zu führen. „Das ist aber seltsam," rief er aus, „was hat das nur zu bedeuten?"
Die beiden Männer sahen einander forschend in's Auge und langsam, aber deutlich klärte sich die ganze Situation auf. Der Eine merkte, daß sein schändlicher Plan entdeckt worden, der Andere wußte, daß der Tod in jeder Ecke dieses alten Gebäudes auf ihn lauerte. Verot sprach zuerst und fragte in hartem, trockenem Tone: „Wie wollen wir die Sache zum Austrag bringen?"
Borderet lachte ironisch auf, zuckte die Achseln und bemerkte dann mit halbem Gähnen: „Ich glaube, das Beste, sie zum Austrag zu bringen, ist, wir gehen zu Bett und schlafen aus."
„Schurke, elender Mörder!" rief Verot, zum ersten Male seiner Entrüstung Worte leihend, „Sie werden mir Rede stehen."
„O, gewiß, wenn Sie wünschen," entgegnete Borderet ruhig, „mein Fechtsaal ist nur einen Schritt von hier entfernt- folgen Sie mir, wenn Sie sich nicht fürchten."
Verot folgte ihm, doch nicht ohne ein seltsames Gefühl der Unsicherheit. Es war ihm, als lauerte eine Verrätherei bei jedem Schritt, den sie durch zwei bis drei dunkle Räume gingen, bis sie in ein kleines, kahles Zimmer ohne Fenster traten.
„Sehen Sie her," sagte Borderet, an einer der Wände stehen bleibend, „das sieht nicht wie eine Thür aus, was?" Er drückte auf einen verborgenen Knopf und öffnete eine Art Fensterladen, welcher in ein anderes, zellenartiges Gemach führte, in das ihm Verot folgte. Sie blieben stehen und sahen einander in's Auge, während der Schein einer kleinen Lampe, die Borderet trug, auf ihre todtblaffen Gesichter fiel.
„Wir können unfern kleinen Zwist hier zum Austrag bringen, ohne befürchten zu müssen, von Jemandem unterbrochen zu werden. Einer meiner Verwandten, welcher den Sclavenhandel betrieb, pflegte hier die gestohlenen Sclaven unterzubringen, bis sich ihm eine Gelegenheit bot, sie außer Landes zu führen. Niemand außer mir hat von der Existenz dieses Zimmers eine Ahnung."
Er lächelte cynisch, schraubte die Lampe in die Höhe und betrachtete die kahlen Wände. Dann schlug er sich vor den Kopf und sagte: „Mein Gott, ich habe ja die Rapiere vergessen, halten Sie, bitte, die Lampe einen Augenblick."
Halb mechanisch nahm Verot die Lampe entgegen, doch als er dies that, fiel ihm der Blick auf, mit dem Borderet ihn anstarrte.
„Sie fürchten sich doch wohl nicht, einen Augenblick hier stehen zu bleiben, während ich die Rapiere hole?" Er betonte das Wort Furcht ganz besonders und Verot fühlte, wie ihm das Blut zu Kopfe stieg.
„Sie werden bald Gelegenheit haben, sich von meinem Muth zu überzeugen," entgegnete er, „doch wenn Sie die Waffen holen, thäten Sie besser, die Lampe mitzunehmen - ich brauche sie hier nicht."
„Es ist kein angenehmes Wartezimmer," spöttelte Borderet und ließ sein Auge über die kleine Zelle schweifen. Er rauchte noch immer seine Cigarre und die blauen Ringe stiegen langsam in die feuchte Luft. Dann trat er mehrere Schritte zurück.
„Holen Sie die Rapiere, Herr!" versetzte Verot.
Borderet ging noch einen Schritt weiter und legte dann mit gehässigem Blick seine Hand auf den schweren Fensterladen.
„Sie befehlen, doch ich werde mir Zeit lassen, Ihrem Befehle zu gehorchen," entgegnete er mit mühsam verhaltener Erregung- „wie würde es Ihnen gefallen, in diesem kleinen Boudoir zu warten, bis Ihre Braut Sie abholt?"
Wie ein Blitz schoß Verot die Bedeutung dieser Worte durch den Sinn- schon bewegte sich die Thür langsam. So entsetzlich war der Gedanke, daß der starke Pariser für einen Augenblick wie gelähmt dastand.
„Gute Nacht für immer, Augustin Verot!" sagte Borderet. „Mögen Ihre Träume recht sanft sein."
Noch immer bewegte sich die Thür langsam, die in Wirklichkeit nur ein Theil der Mauer war, die sich in ihren Angeln drehte.
Verot ließ die Lampe fallen, welche krachend auf den Steinfliesen zerbrach und dort mit seltsamem phantastischen Lichte weiterbrannte. In demselben Augenblick machte der Pariser mit einem heiseren Schrei einen wilden Satz, bevor er noch von der sich schließenden Thür eingesperrt werden konnte. Wenige Sekunden später wurde ein Körper aufgehoben und fortgeschleudert- derselbe fiel gespenstisch in die Mitte der Zelle und blieb bewegungslos neben der fast ersterbenden Lampe liegen- dann flog die Thür mit dumpfem Knalle zu.
Keuchend und athemlos stand Verot einige Augenblicke vor der Zelle, dann stürzte er, wie von Furien gejagt, aus dem Hause.
Mehrere Wochen später aber, als Verot mit seiner jungen Frau bereits die Rückreise nach Frankreich angetreten, meldeten die Zeitungen von New-Orleans, daß der reiche Creole Borderet seit einiger Zeit spurlos verschwunden wäre.
Redactionr & Gcheyda. Druck uub Verlag der Brühl'schrn UuiversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.


