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Luxor huldigt sehr strengen Ansichten, sie würde es höchst unpassend finden, wenn ich mit einem fremden jungen Herrn .allein auf der Landstraße gewandert wäre!"
Er neigte das Haupt ein wenig und sah ihr forschend in die Augen. „Noth kennt kein Gebot!" sagte er leise: „Ihre Begegnung mit mir war keine freiwillige Wahl, das Schicksal führte uns zusammen, wie der Sturm zwei Blumenblätter vereinigt, von denen das eine auf dem Berg, das andere fern im Thal entsprossen! Sie in diesem Punkt völlig zu entschuldigen, würde ich Ihrer Frau Tante gegenüber zuversichtlich wagen! — Aber ein anderes! Unsere Reise führt uns denselben Weg! Ich würde es als hohes Glück erachten, dürfte ich mich Ihnen fernerhin anschließen. Würde ich als ur.verheiratheter Mann nicht so sehr auf die freundliche Genehmigung Ihrer Frau Tante zu rechnen haben, wie als würdiger Gatte und Vater?"
Pia blickte zu Boden, ihre langen Wimpern lagen wie dunkle Schatten auf den rosigen Wangen, eine reizende Verwirrung bemächtigte sich ihrer. „Fränzchen ist so sehr eifersüchtig beanlagt und würde ärgerlich sein, wenn ich nicht ganz allein zu ihrer Unterhaltung da wäre- — Tante ist leicht von ihr beeinflußt, so daß es jedenfalls ein viel fröhlicheres und harmloseres Verkehren sein würde, wenn jener Grund, welcher eventuell beanstandet werden könnte, wegfiele!"
„Ich danke Ihnen," antwortete er mit leuchtenden Augen. „Ich werde Alles thun, um Fräulein Fränzchen gnädtg zu stimmen!"
Es lag ein so jubelnder Klang in seiner Stimme, d aß Pia erschrak. Hatte sie recht gethan, ihn zu der kleinen Comödie zu bestimmen? Sie glaubte, er werde die Sache nur als einen heiteren Scherz, als Neckerei für Fränzchen .auffassen, und nun mit einem Mal, ehe sie es selber recht wußte und wollte, hat sie ihm verrathen, daß die kleine List für ihren Verkehr nothwendig sei.
Sie gestand ihm unbewußt ein, daß sie bereits die Möglichkeit einer gemeinsamen Reise erwogen hatte! Sie gab es zu, daß sie ihm Hindernisse aus dem Wege räumen und ihm behilflich sein wollte, die kleine Gegnerin Fränzchen zu gewinnen!
Das Blut stieg ihr bet diesen Gedanken in die Wangen, sie begriff sich selber nicht! Sie, die stolze, zurückhaltende Pia! War sie von Sinnen, diesen sremden Mann ohne klingenden Namen, ohne hervorragende Stellung, vielleicht ebensowenig bemittelt wie sie selber, in ihre Nähe zu feffeln? — Sie sah und empfand es, daß sie starken Eindruck auf ihn machte, daß es wie Spuk und Zauber über ihn gekommen war, als habe er thatsächlich die Hexe Loreley im Arm gehalten und doch ist sie nicht vernünftig und stolz genug, diesen Zauber so schnell wie möglich zn brechen und ihn ziehen zu lassen, ehe es zu spät ist! Gewiß, sie muß es sein! ^sie hat sich thöricht benommen, sie hat sich momentan hinreißen lassen . . . wovon?! —Wüßte sie es selber nur! — er gefällt ihr so gut, — so gut, wie noch Keiner je zuvor, — es liegt ein Ausdruck in seinem ernsten und doch wieder so liebenswürdigen Gesicht, welcher sie so wunderbar anzieht und fesselt.
Sie las es manchmal in Romanen, daß das Auge eines Mannes eine große, räthselhafte Gewalt auf die Mädchenherzen ausüben könne, und sie lachte solcher Phantasterei und glaubte es nicht! und nun stand sie selber vor diesem Räthsel und suchte vergeblich nach seiner Lösung. Es gefiel ihr so gut! — nichts weiter!
Es durchrieselte sie so warm und wonnig, wenn er sie ansah, wenn es sein Blick verrieth, daß sie ihn entzücke. — Warum? Es war ihr doch sonst so gleichgültig gewesen, ob sie denn Männern gefiel oder nicht!
(Fortsetzung folgt.)
Die Nacht vor der Hochzeit.
Eriminal-Novellette nach dem Englischen von Wilhelm Thal.
------- (Nachdruck verboten.)
KO. Es war im Jahre 1839, als ein reicher, hübscher und wohlhabender Mann Namens Verot nach New-Orleans kam, um dort einen Winter mit Charles Marot-Borderet zu verbringen, dessen Bekanntschaft er in Paris gemacht hatte. Die beiden Männer waren von demselben Alter und auch ihre Neigungen waren ähnlich. Verot war durch Borderets Geist und persönliche Reize gefesselt worden, während Borderets Phantasie durch den wahrhaft magnetischen Reiz, den Verot auf ihn ausübte, im höchsten Grade angeregt worden war.
Als Borderet nach einjährigem Aufenthalte Paris verließ, nahm er seinem neuen Freunde das Versprechen ab, er solle nach New-Orleans kommen, um dort einige Monate mit ihm zu verbringen. So kam es, daß Verot im Herbste des Jahres 1839 in New Orleans eintraf und in Borderets Hause in der Bourbon-Street abstieg.
Borderet holte ihn am Werft ab und empfing ihn mit der größten Liebenswürdigkeit, doch der junge Pariser merkte sofort, daß mit seinem Freunde eine große Veränderung vor- gegangen war. Zunächst fürchtete er, Borderets Freude bei seiner Ankunft wäre nicht aufrichtig gewesen, bald aber wurde ihm das Geheimniß klar: Borderet war verliebt und sein ganzes Wesen ging in dieser neuen Leidenschaft auf.
Fräulein Deschamps war die Tochter eines Malers, dessen Behausung nur wenige Schritte von Borderets Wohnung lag. Erst kürzlich hatte er sie kennen gelernt, hatte sich in sie verliebt und von diesem Augenblicke an machte sie sein ganzes Leben aus.
Borderet wünschte eifrig, Verot der Auserwählten seines Herzens vorzustellen und natürlich hegte auch Verot den auf richtigen Wunsch, das schöne, junge Mädchen kennen zu lernen, das ihm sein Freund in den glühendsten Farben malte. In der That hatte Borderet nicht übertrieben, denn ihre Lieblichkeit und Anmuth wie der Reiz ihrer Unterhaltung waren so groß, daß Verot auf den ersten Blick davon bezaubert wurde.
Wenn Isabella auf Verot einen tiefen Eindruck machte, so war dies ihr gegenüber auch der Fall. Vom ersten Augenblick an, da sie sich sahen, liebten sie sich glühend, wie Jeder, außer Borderet, deutlich sehen konnte.
Bald genug schwärmte Verot im siebenten Himmel der Liebe, während sich Borderet noch immer um das Herz seiner Angebeteten bewarb.
Als die Zeit für Verot nahte, nach seiner Heimath zurückzukehren, theilte er eines Morgens seinem Freunde mit, er werde Isabella heirathen und in vierzehn Tagen nach Paris absegeln.
Zuerst war Borderet von der Ankündigung wie niedergeschmettert- fast blöde starrte er seinen Freund an, während sein Gesicht eine Todtenblässe überzog. Trotzdem zuckte keine Muskel in seinem Gesicht, auch das Lächeln schwand nicht von seinen fest geschlossenen, dünnen Lippen. Er verstand sich sogar so gut zu beherrschen, daß er seinen Freund vollständig täuschte, denn Verot war auf ein Duell gefaßt gewesen. Um so angenehmer war er überrascht, daß Borderet die Sache so philosophisch aufnahm, denn nach einer ersten Enttäuschung wußte er sich so zu fassen, daß er seinem Freunde die Hand reichte und ihm Glück wünschte.
Es war am Abend vor Jsabellens und Verots Hochzeit - Borderet schien bester als je aufgelegt zu sein und saß nun mit seinem Freunde in seinem Bibliothekzimmer, wo er mehrere Flaschen alten Weines hatte auffahren lassen. Obwohl, wie ich bereits bemerkt habe, ihre Geschmacksrichtungen dieselben waren, so konnte man wohl nicht zwei Männer finden, die sich körperlich so unähnlich sahen, als Verot und Borderet.
Der Pariser war groß, athletisch, schön, mit blauen Augen und blonden, lockigen Haaren, während der Creole


