gegnete Busenius. Er sprach so ruhig wie sonst, und jetzt zu dem Tische herantreteud, der ein paar Schritte von der Wand hinweggeschleudert war, betrachtete er den Streifen darüber mit dem Worte „Excelsior!“ Er hatte sich an der einen Seite von der Mauer gelöst und hing nun inmitten der grauen Staubwolke nieder wie eine goldig-regenbogenfarbige Fahne, die von einem Trauerflor umhüllt ist.
Jaksch hatte nicht auf seine Antwort gehört, er war zum Fenster gestürzt, hatte es aufgerissen und hinuntergeschaut, um nun mit einem Schrei des Entsetzens zurückzufahren. „Sieh doch, sieh dort hinaus!" Er wollte es rufen, laut, voller Verzweiflung, aber heiser, fast nur geflüstert kam es heraus.
Langsam ging nun auch Busenius zum Fenster- der Boden des Zimmers hatte sich so sehr gesenkt, daß er auf ihm hinabsteigen mußte, wie auf einer sanften Bergeslehne, um zu der Außenwand zu gelangen. Er beugte sich weit hinaus und sah im Schein hin und her wandelnder Lichter in den Fenstern der Nachbarhäuser, was Jaksch mit so tödt- lichem Schrecken erfüllt hatte. Auch er erkannte, daß sie verloren waren, und daß jeder Augenblick ihnen den Tod bringen konnte.
Eine furchtbare Explosion, die gerade unter ihren Füßen geschehen sein mußte, hatte die Hälfte des Hauses zum Einsturz gebracht. Vom ersten Geschoß bis zur Mitte des Giebels war es senkrecht auseinander gerissen worden. Die eine Hälfte hatte der gewaltigen Erschütterung getrotzt und stand aufrecht, wenn auch schwer beschädigt da. Der nach rückwärts gelegene Theil der Giebelseite aber war eingestürzt, vom ersten Stockwerk bis unmittelbar unter das kleine Gemach, in dem die Beiden sich befanden- die äußere Langwand allein, die stehen geblieben war, — zum Theil nur im Holzwerk, seiner Füllungen beraubt, — und ein paar feste, senkrechte Balken verzögerten hier den Einsturz. Das Alles erkannte Busenius durch die übelriechenden Wolken von Staub und Schutt hindurch, die noch immer emporqualmten und sich nur langsam verzogen. Er sah, daß ihr kleines Zimmer fast haltlos in der Luft schwebte über dem tiefen Abgrund, in dem ein gewaltiger Berg von Trümmern sich chaotisch empor- thürmte, von zersplittertem Holzwerk überragt, das den Gliedern eines mächtigen Gerippes glich, von dem das Fleisch heruntergerissen war.
„Siehst Du's, siehst Du's?" flüsterte Jaksch. „Um Gottes willen, bewege Dich nicht! Wir hängen ja in der Luft- Alles hier unter uns ist fort, auch die Treppen, die uns retten könnten, und jede Erschütterung muß uns hinunterstürzen. Sieh' her, ich setze mich auf diesen Stuhl, und Du bleib' am Fenster dort und beweg' Dich nicht. Es kommt ja nur darauf an, daß wir Zeit gewinnen. Sie werden uns ja retten, nicht wahr? Sie werden uns nicht verlassen in dieser furchtbaren Lage! O ja, ich weiß es, sie kommen, sie kommen, sie kommen!"
Er hatte sich auf den Stuhl gekauert, der mit dem Tische zusammen weit in das Zimmer hinein war geschleudert worden, und saß nun da mit niederhängenden Armen, den Kopf auf die Brust geneigt, seine letzten Worte unablässig wiederholend wie ein Gebet oder eine Zauberformel. Busenius war am Fenster stehen geblieben und schaute ruhig hinunter auf das, was weiter geschah. Gerade unter ihm war ein großer Garten, daneben zur Linken die Straße, auf der sich allmälig eine Menschenwoge heranwälzte, mehr und mehr anschwellend, die natürlichen Dämme dnrchbrechend und auch den Garten überfluthend, dessen Gänge und Beete sie füllte. Zuerst war es ziemlich dunkel, denn die Laternen waren durch den Luftdruck erloschen, und der Staubschleier hemmte den Blick noch immer, plötzlich aber sah Busenius, wie die empor- fchauenden Gesichter der Menschen von einem aufzuckenden, Hellen Schimmer übergossen worden, und weiter sich vorbeugend, erkannte er, daß eine neue Gefahr, furchtbarer, als die bisherige, ihnen entstanden sei. Aus dem Schutthaufen zu seinen Füßen züngelte es empor, blau, gelb und roth,
auftauchend und wieder verschwindend, wachsend und sich vereinigend, von einem bläulichen Qualm umwallt, den es zerriß und durchleuchtete, das mächtige, mörderische Feuer! Zuerst waren es nur kleine Flammen, die hier und dort so Plötzlich erschienen, als liefen sie über den Trümmerberg hin, dann aber hafteten sie an einzelnen Stellen, schufen sich Luft, griffen nach Nahrung und loderten weit empor. Und über dieser wachsenden Gluth, hoch oben, fast ohne Stütze, schwebte das kleine, halb schon zertrümmerte Gemach mit den beiden, bisher geretteten Menschen. Busenius war jetzt von unten bemerkt worden, und lautes, angstvolles Geschrei zerriß die Luft, während Hunderte von Händen nach oben deuteten, wo die Züge des Mannes am Fenster heller und heller beleuchtet wurden von der rothen, qualmenden Gluth, deren Flammenarme gierig nach seinem Leben griffen.
Jaksch hatte von der Erhöhung der Gefahr noch nichts bemerkt- er saß wie zuvor und murmelte wieder und wieder: „Sie kommen, sie kommen!" Nun aber, als das angstvolle Rufen von unten lauter und lauter empordrang, als das Raffeln der Feuerwehrwagen dazwischen tönte und in neuer Erschütterung auch das schwebende Zimmer erbeben ließ, da blickte er auf und sah gerade vor sich an der Wand, wo das „Excelcior!“ niederhing, einen ersten, röthlichen Widerschein der aufzüngelnden Flammen.
„Da, an der Wand, — was ist das? Hier das Rothe, was ist das?" stammelte er, und als er, zu Busenius hinüberschauend, erkannte, daß auch dessen Gestalt in einen rothen, leuchtenden Mantel gehüllt schien, da vergaß er die Furcht, sich zu bewegen, und stürzte von Neuem zum Fenster. Jetzt schrie er nicht auf, die Angst erstickte ihn, er sank in die Knie und schlug seine Nägel in die Brüstung. Seine Stimme war kaum mehr vernehmlich, als er nun sprach: „Das ist ja Feuer! Sind denn die Menschen wahnsinnig, daß sie das thun? Sag' ihnen, daß sie toll geworden sind, daß ich es nicht leiden will, hörst Du? Aber nicht wahr, das Alles ist gar nicht da, ich irre mich, weil ich krank bin? Darum bilde ich mir ein, das Feuer zu sehen, hier unter unseren Füßen. Man sieht ja Manches, wenn man Fieber- Hat. Sag' mir, — Du bist ja mein Freund gewesen und wirst mich nicht elend verbrennen lassen — sag' mir, bases kein Feuer ist!"
Eine gewaltige Rauchwolke, jetzt graugelb gefärbt, mit losgerissenen Flammen untermischt, die gerade vor dem Fenster in die Luft emporstieg, antwortete ihm, noch bevor Busenius sprach. Der wandte sich langsam ins Zimmer zurück und sah ihn an. „Es ist, was Du sagst, und Deine Hand hat es angezündet!"
„Meine Hand? Bist Du toll, bist Du rasend?"
„Oder die Hand Deines Sohnes, der durch Dich ge- worden ist, was er war. Das Blut aus Deinen Adern floß auch in seinen, und Du hast keinen Finger gerührt, ihn von dem Wege zurückzuhalten, den er gegangen ist. Durch Deine Schuld ist Alles dies geschehen, und Deine eigene Schuld büßest Du jetzt mit dem Tode."
„Was sprichst Du vom Tode? Ich will nicht sterben, — verstehst Du, ich will nicht sterben!" Er war vor ihn hingetreten und schüttelte die geballten Fäuste dicht vor seinem Gesichte. Dann aber, von einer plötzlichen Eingebung getrieben, wandte er sich von ihm hinweg, und stürzte zur Thür, um mit einem neuen, thierischen Laut zurückzufahren, als er fühlte, daß sie verschlossen war.
Er fand kein Wort mehr, um sein Entsetzen auszudrücken, er sank wieder auf seinen Stuhl und begann zu weinen, indem er die Hände vor die Augen schlug, um nichts mehr zu sehen, und den Oberkörper hin und her wiegte in seiner wahnsinnigen Angst. Busenius trat zu ihm und berührte ihn leise am Arm.
„Du siehst, wohin Du gekommen bist. Es sind die Schatten Deines Lebens, von Dir selbst geschaffen und von Dir selbst heraufbeschworen, die Dich heute zur Verzweiflung treiben. Dieses Schicksal aber, das uns jetzt bedroht, und


