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„Es ist Alles, was ich heute Nacht entbehren kann," erwiderte Grehlock mit unterdrücktem Unwillen.
. „Sie haben da einen Werthgegenstand am Finger," fuhe die Alte fort.
Der Ring, auf den die Alte anspielte, war ein Geschenk von seinem Baler- er schätzte ihn sehr hoch, dennoch zog er ihn ohne Zögern vom Finger und sprach: „Nehmen Sie ihn!"
Die Alte griff gierig danach- Judith aber sprach ablehnend: „Mutter, wir brauchen dem Herrn durch Annahme dieses Ringes kein Mißtrauen zu zeigen."
„Laß mich gewähren!" entgegnete die Alte, „kommt der Herr wieder, so erhält er seinen Ring zurück- er kann uns dies nicht übel nehmen - wir nehmen die Kinder nicht etwa blos zum Vergnügen auf."
Grehlock' sagte nichts weiter - er mußte fort und hatte keine Zeit zn verlieren, wollte er den Zug noch erreichen. Sein Kind ruhte in Judiths Armen in einem warmen, behaglichen Zimmer - er beugte sich über die Kleine und drückte noch einen Kuß auf Wange und Stirn. „Bald sehen Sie mich wieder," flüsterte er Judith zu- „Sie sollen mit mir zufrieden sein."
„Glückliche Reise und gute Verrichtung," antwortete die junge Frau.
Noch einen letzten Blick aitf seinen Kind werfend, verließ er rasch das Haus und kehrte durch das dunkle Gäßchen nach der Straße zurück, an deren Ecke die Apotheke stand. Der junge Mann eilte durch die beinahe menschenleeren Straßen und warf sich in einen Pferdebahnwagen, der ihn an die Eisenbahn brachte. Hier fand er den Zug, der eben abzugehen im Begriffe war, löste rasch ein Billet und sprang in den letzten Wagen, als er schon in Bewegung war.
Fort brauste das Dampfroß, zuerst noch im Weichbilde der Weltstadt, dann jedoch durch das offene Land.
„Bald bin ich daheim," dachte Robert, der aus dem Waggon ins Leere hinausstarrte, unter tiefem Aufseufzen. „Daheim — habe ich denn noch ein Heim, habe ich noch ein Recht, in das Vaterhaus zu treten? Die Heimath im Osten ist für mich ein leerer Schall — und wie wird sich der ferne Westen für mich gestalten?!"
Robert dachte an die Zukunft, die in weiter Ferne für ihn lag, ohne zn bedenken, daß oft zwischen heute und morgen das Schicksal verntchtend eingreifen kann.
4. Capilel.
Eine alte Liebe.
„Blackport!" rief der Condueteur, und der Zug hielt an.
Robert Grehlock war der einzige Passagier, der ausstieg. Ein alter Statiousmeister, der einst Seemann gewesen war, stand mit einer Laterne in der Hand auf dem Bahnsteig- er warf dem Angekommenen einen forschenden Blick zu.
„Wie geht's, Jared?" fragte der junge Mann nachlässig.
Der Alte hielt seine Laterne hoch empor, so daß das rolhe Licht voll auf das Gesicht des Jünglings fiel. „Was Tausend!" rief er- „sind Sie es wirklich, Herr Robert? Hol' mich der Henker, wenn Ihre Gestalt mir nicht gleich bekannt vorkam, als Sie nur den Zug verließen- Sie sind wohl auf dem Wege nach Woods, um den Herrn Papa zu besuchen?"
„Jawohl, Jared!" antwortete Robert kurz - er eilte
Stufen, die vom Perron zur Landstraße führten, hinab, und schritt rüstig auf die Stadt zu.
Der Quai war ganz in der Nähe und das dumpfe Gemurmel der Wellen,' die sich an den Felsen der Küste brachen, vermischte sich mit den Brausen des davoneilenden Zuges. Ein Strecke weiter draußen auf der See flackerte ein großes rothes Licht auf und erstarb, um nach wenigen Augenblicken aufs Neue emporzulodern.
„Der Leuchtthuem auf Bird Island," murmelte Robert mü tiefem Seufzer vor sich hin- „vor achtzehn Monaten iftf) ich ihn zum letzten Mal! Bor achtzehn Monaten! Beim
Himmel, es ist nur kurze Spanne Zeit, und dennoch kommt sie mir wie ein Jahrhundert vor!"
Die Stadt Blackport liegt etwa eine halbe Meile von der Eisenbahnstation entfernt. Es ist ein ruhiger Platz, der einst bessere Tage gesehen hatte, int letzten halben Jahrhundert aber seine einstige Bedeutung gänzlich einbüßte. Es war für New - Aork noch nicht spät- hier aber waren teilte Menschen mehr in den engen Straßen zu erblicken.
Robert schritt an den verwitterten Giebelhäusern und kleinen Läden vorbei und erreichte endlich eine windige Ecke, wo, einer alten, verfallenen Werste gegenüber, ein Gasthof stand — „Pooles Inn", wie er von den Bewohnern Blackports und der Umgegend genannt wurde.
Es war ein niedriges, viereckiges Gebäude mit einem alten Schilde, das über der Thür hing und sich ächzend und stöhnend im Winde hin und her bewegte. Viele Jahre lang der Sonne und den Stürmen ausgesetzt, hatte es seine ursprüngliche rotlje Farbe fast gänzlich verloren. Rechts von der Thür blinkte das Fenster des Schenkzimmers. Keine neidische Gardine verwehrte den Blick in das Innere.
Grehlock, der sehr wohl wußte, daß die Gäste und Stammkunden dieses altmodischen Gasthofes solche Freiheiten nicht übel zu nehmen pflegten, trat dreist an das Fenster heran und blickte hinein.
Das Gemach war niedrig, reinlich und eomfortabel, aber zur Zeit mit Tabaksrauch angesüllt, aus dem ein großer eiserner Ofen, mit glühenden Kohlen vollgepfropft, hervorlenchtete. Um dieses heiße Centrum herum saß ein halbes Dutzend Männer, aus deren Thonpfeifen mächtige Wolken emporwirbelten, und die sich mit lauter Stimme unterhielten.
Jke Poole, der Gastwirth, ein Mann mit kurzen Beinen, dickem Bauch und einem Gesicht, das in Folge langer intimer Bekanntschaft mit seinem eigenen Rum wie ein Leuchtfeuer erglühte, saß dem Ofen zunächst und schien zuweilen geneigt, ihn zu umarmen. Ein anderer Mann in einer erbsengrünen Jacke halte sich auf den Schenktisch gesetzt und ließ seine in riesigen Seemannsstiefeln steckenden Beine beständig hin und her schwingen, wobei sie wiederholt mit des Wirthes breitem Rücken in Berührung kamen.
„Paß doch auf, Caleb Brown," sagte der Gastwirth laut, indem er sich nach seinem Peiniger nmwandte, „und sei so gut und halte Deine Beine etwas ruhig- ich habe keine Luft, mir von Dir auf dem Rücken Herumtrommeln zu lassen."
Robert verstand jedes Wort.
Der alte Seebär starrte Jke mit großen Augen an und sagte kurz:
„Ich will ein Glas Rum."
„Bezahlt erst, was Ihr schon getrunken habt!" ließ sich seine scharfe Stimme auf der anderen Seite des rothglühenden Ofens vernehmen.
„Ich will," wiederholte Brown mit Nachdruck, „Rum, der nicht mit Vitriol, Terpentin ober anderem Teufelszeug gemischt ist- ich werde ihn aber wohl schwerlich bei Euch finden."
„Wenn Mereh hereinkäme und Dich mit Deinen schmutzigen Jackenschößen auf dem Schenktische hier sitzen sähe, so würde es lebhaft hergehen," sagte Jke.
Calebs Stiefel schlugen aufs Neue auf den Rücken des Wirthes wie der Hammer auf den Amboß. „Glaubst Du, ich fürchte mich vor der Hexe mit der langen Zunge?" rief er höhnisch- „mit einer solchen Creatur würde ich bald fertig. Wenn sie mir gehörte, so ließ ich sie Krebse fangen ober am' Strand von Blackport nach Capitän Kidds verscharrtem Schatze graben."
Jke, der ein friedliebender Mann war, rückte seinen Stuhl weg, um Calebs Beinen freien Spielraum zu gewähren und antwortet: „Meinst Du? Als Junggeselle verstehst Du Dich nicht auf die Weiber,"
Brown lachte hell auf.


