Msterte Helene ihrer Cousine zu, heimlich dasMedicament" ausspuckend.

Ja süß sind nicht immer die wohlthuenden Gaben der Wissenschaft," meinte der Fremde.Freilich ein Mittel giebt's, das wirkt unfehlbar und schmeckt gar nicht."

Ein tiefer Ernst legte sich jetzt über desselben Mannes Züge, der eben noch den medicinischen Fall scherzend zu be­handeln schien. Die dunkele» Augenbogen traten näher an­einander, die Lider beschatteten zur Hälfte die Augen, die gegenstandslos hinausgerichtet schienen in die Weite.

Nun ?" fragte die Frau Regierungsräthin erwartungsvoll.

Der Fremde schien sich erst allmälig zu einer Antwort sammeln zu können.

Es giebt eine Macht," begann er dann mit völlig veränderter Stimme und dem Ausdrucke der Begeisterung, eine Macht, die jedes Leiden überwindet, jeden Schmerz beseitigt aber auch jeden Willen unfehlbar bricht."

Der Fremde machte eine Pause und richtete jetzt den Blick fest und unverwandt auf die Augen der Frau Re­gierungsräthin.

Um Gotteswillen," rief diese mit einer abwehrenden Bewegung der Hand,sehen Sie mich nicht so an!" Aber unwillkürlich, mit erzwungenem Lächeln, wandte sie ihr rundes volles Antlitz dennoch dem Fremden wieder zu.

Die Macht der Suggestion," fuhr der Fremde fort, besiegt alle seelischen, alle körperlichen Schmerzen. Sie trägt den Suggerirten in Umgebungen, in Verhältnisse, die er nie kannte sie giebt ihn aber auch völlig dem Willen dessen preis, von dem die Suggestion ausgeht. In den Zustand der Hypnose versetzt, schwindet für das Medium jedes selbstständige Handeln, jedes logische Denken."

Wieder machte der Sprecher eine Pause, ohne den Blick auch nur eine Secunde von der Räthin abzuwenden.

Mit gespanter Aufmerksamkeit hatten die beiden jungen Damen den wunderlichen, fast unheimlichen Erklärungen ge­lauscht. Aber während Bertha in Ernst versunken, mit dem Ausdrucke höchster Spannung auf den Fremden blickte, flüsterte Helene dem Vater ein leises Wort in's Ohr.

Dieser lächelte.Magst Recht haben," antwortete er, aber sein Aeußeres läßt dagegen schließen, Schauspieler haben doch keine Schnurrbärte!"

Sie, gnädige Frau," fuhr inzwischen der Fremde fort, sind ein bewundernswürdiges Medium! Wollen Sie mir nur kurze Zeit fest in die Augen sehen, und den Willen haben, sich meinem Willen zu fügen, dann werde ich Sie, für die Zeit der Fahrt, in liebliche Gefilde versetzen Amoretten sollen Sie umgaukeln, was je ihr Herz ge­wünscht, es wird erfüllt werden seliges Glück! In unbegrenzte Zeiten unendlicher Wonne werden sich die kurzen Stunden wandeln bis zur Landung bis ich Sie er­wecke aus süßem Schlafe einem Schlafe, vor dem die finstere Macht der Seekrankheit zurückwich! Schlaf! Milder, süßer, wonnereicher Schlaf."

Er hatte immer langsamer, immer leiser gesprochen, immer mehr den Oberkörper vorgebeugt und immer inten­siver hatten seine Augen geleuchtet übermäßig weit geöffnet und fast starr.

Und jetzt breitete er langsam die Hände vor, machte mit ausgespreizten Fingern die Bewegung, als schöbe er der Frau ihm gegenüber durch die Luft etwas zu. Dann die Geste des Streichens dicht über ihrem Kopfe und dazu immer leise die Worte.Schlaf wonnevoller Schlaf in seligendem Traume fern vom wogenden Meere."

Blaffer und blasser wurde die Dame. Ihre Augen zeigten den Ausdruck der Furcht und doch blieben sie fest 8Uf den Mann gerichtet, der sie zu fasciuiren schien.

Um Gottes Willen, was machen Sie mit mir?" rief sie plötzlich aufspringend.Es fehlte nicht viel, so wäre ich wirklich eingeschlafen! Mein Gott, und mein Mann 'ft nicht einmal hier! Na, wenn der ahnte"

Nein, wie dumm!" flüsterte Bertha der Cousine zu, ich möchte mich gleich einschläfern lassen das muß schön sein!"

Das fehlte auch noch bei Deinen Nerven!"

Sie sind wohl ein Doctor oder so etwas!" fragte jetzt die Regierungsräthin, nachdem sie sich vom ersten Schrecken erholt halte,so eine Art Faust?"

Der Fremde lächelte.Sie wollten sich nicht hinein­führen lassen in die Geheimnisse der Sehnenden, gnädige Fran, lassen Sie nun auch auf mir den Schleier des Geheimnisses. Sie würden sich vielleicht mit Entsetzen von mir wenden, wenn ich ihn jetzt lüftete! Sehen Sie dort den großen verschlossenen Kasten? Er enthält die Schreckens­werkzeuge meines Berufes!" Er sagte das wieder mit dem Ausdrucke höchsten Ernstes und zeigte auf ein längliches Kistchen von polirtem Holze und broncebeschlagen, das er selbst getragen und sorgfältig in der Cajüte untergebracht hatte. (Fortsetzung folgt.)

Komödie.

Novellette von Eduard Gachot.

------- (Nachdruck verboten.)

Charles Dartois war Procurist bei einem Börsenmakler. Sein Chef behandelte ihn als Freund, und seine College» schätzten ihn hoch. Charles hatte außerdem auch noch ein Pmtzchen im Herzen des Fräulein Therese Löon, der Tochter des Hauses, die eine ansehnliche Mitgift und später ein großes Vermögen bekam.

Charles, der stets zu den Gesellschaften im Hause Leon eingeladen wurde, wagte nicht, mit Fräulein Therese zu tanzen, was diese sehnlichst wünschte. Die wenigen Compli- mente, die er ihr machte, erschienen ihr viel zu kurz- und als einmal ihre Augen die des jungen Mannes trafen, wurde er so verwirrt, daß er den Salon verließ, um nicht verlegen zu werden.

Therese, die jung, schön und von Anbetern umschwärmt war, bildete sich ein, sie wäre Dartois gleichgültig ,- sie sah nicht, daß er es aus Schüchternheit nicht wagte, sich ihr zu nähern. Schließlich nahm sie eine Parthie an, die man ihr vorschlug, und theilte dem jungen Mann mit leiser, zitternder Stimme selbst die Nachricht mit.

Sie sehen, ich verheirathe mich doch!"

Wieviel getäuschte Liebe lag in diesemDoch!"

Als sie die Hochzeitsreise in das Land des ewig blauen Himmels angetreten, fühlte sich der arme, junge Mann sehr unglücklich, und er machte sich die bittersten Vorwürfe, indeß es war zu spät!

Er hoffte zu vergessen, aber das war schwerer, als er geglaubt, denn der Wille, seine Gefühle zum Schweigen zu bringen, wurde von der Liebe zurückgedrängt. Wo er ging und stand, trat ihm die Erinnerung ansie" entgegen, und er fühlte das Verlangen, allein zu sein, um sich seinem Schmerz ganz hingeben zu dürfen.

Fest entschlossen, diesem Zustande ein Ende zu machen, bat er seinen Chef um einen vierwöchentlichen Urlaub, den ihm dieser sofort bewilligte, und reiste nach Avignon.

* *

*

Eine warme Julisonne vergoldete die Landschaft, die stellenweise mit dichtem Grün bedeckt war- die reizenden Häuschen umgaben Bäume, deren Aeste mit reifen Früchten überladen waren- die Vögel zwitscherten in den Zweigen und die Grillen zirpsten.

Charles Dartois durchwanderte die Thäler und Wälder, fand jedoch die erhoffte Ruhe nicht. Die erst so sehnlichst gewünschte Einsamkeit war ihm mit der Zeit drückend und lästig geworden. So verließ er eines Tages die Ufer der Durance und fuhr nach Nizza, wo ihn die unaufhörliche Folge der Feste wiederum ermüdete.

Eines Tages stand er eben im Begriff, das Hotel zu verlassen, als ihm der Kellner eine Depesche überreichte. Was mochte geschehen sein? War den Seinen etwa ein Un­glück zugestoßen?