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so gründlichen Begriff von der Seekrankheit bekommen hatte, I daß sie die Rückreise über Norddeich Emden vorzogen.
Die Verhandlungen mit dem Seemann schienen glücklich und rasch verlaufen zn sein, denn als der Mann im grauen Mantel das Bollwerk erreichte, nahm der alte Herr eben freundlichen Abschied von jenem.
„Also um zwölf, Capitain!"
„Aber präcise, mit der Fluth!"
„Gewiß! Also aus Wiedersehen!" Rasch folgte er den vorausgeeilten Damen. I
„Für mich wird dec Capitain de Vries auch noch wohl I ein Plätzchen haben," sagte, an diesen herantretend, jetzt der Graue. Er sprach im unverfälschten ostfriesischen Dialect. I
II.
Genau um Mittag erschien der alte Herr mit seinen I Damen an Bord der „Varma". Sie wurden bereits von einer behäbig und heiter dreinschauenden Frau empfangen.
„Gut, daß Sie da sind, Herr Geheimrath — es kann uctt werden, wir haben das Reich fast ganz für uns, es I werden nur sechszehn Passagiere an Bord sein — aber freilich, es ist noch immer recht windig, — für Ihre Nichte Bertha habe ich Furcht."
„Unbesorgt, Frau Regierungsräthin, — ich werde mich in den Damensalon legen und erst in Borkum wieder aufstehen!"
„Wie schade!" Mit halblauter Stimme wurden die Worte ausgesprochen, und doch hatten Alle sie gehört, alle sahen sich um, nach dem Manne, der so unberufen seine Ansichten kund gab.
Der Mann aber stand, in seinen Mantel gehüllt, unfern an der Reeling und schien ausschließlich mit der Cigarre beschäftigt, die er eben anzündete.
„Wer mag das sein?" fragte jetzt der Geheimrath leise, „er sieht sonst anständig aus!" — „Komischer Kerl!"
„Er war mit auf dem „Flamingo", fiel die Tochter | eifrig ein, „er hat mir einen Deckstuhl geholt und dann hat I er mit dem Capitän gesprochen, — so allerhand See- | männisches, was ich nicht verstand."
„Das hat er hier fortgesetzt," unterbrach die Frau j Regierungsräthin — „Sehen Sie, da spricht er schon wieder mit dem Capitain!"
Es trat eine kurze Gesprächspause ein — Alle sahen unwillkürlich Hinüber nach dem Gegenstände des Interesses und — richtig — das war wieder „Friesisch", was er mit de Vries sprach.
„Wahrscheinlich ist er selbst ein friesischer Schiffer," meinte der Geheimrath.
„Was Sie auch denken, Herr Oldekopp! Na, so sieht ein Seebär nicht aus! Ich halte ihn für einen Offizier!"
„Mit der Sprache? Denkt Euch doch einen von unseren Gardelieutenants, der so kauderwelscht!" Sie lachte hell auf.
Ein strafender Blick des Vaters traf die ausgelassene junge Dame. „Helene, wenn er das hört, was soll er denken?" flüsterte er.
„Immerhin ist er ein elegant aussehender Mann mit guten Manieren," bemerkte jetzt auch die Blondine, die bislang schweigend den Grauen beobachtet hatte.
„Da hat Bertha wieder recht," fiel die Regierungs räthin eifrig ein — „ich habe gesehen, daß auf seinem silbernen Feuerzeuge ein Namenszug mit einer Krone angebracht war, vielleicht war's gar eine Fürstenkrone!"
„Als ob Fürsten ohne Diener reisten und so abscheulich sprechen könnten!" kam's über Helenes lachende Lippen, die sie aber sofort mit der Hand bedeckte, als des Vaters Warnungsblick sie traf.
„Laßt mich nur machen, Kinder — ich werde Eure Neugier bald befriedigen können — ich verstehe mich darauf," erklärte jetzt Frau Bernau mit Sicherheit. „Aber das hatte ich im Eifer des Gesprächs ja garnicht gemerkt — wir sind
ja schon in voller Fahrt, der Landungssteg liegt weit hinter uns und keine Spur von dem Schaukeln von gestern!"
Eben belehrte der Geheimrath, daß das Schaukeln schon kommen werde, sobald die freie See erreicht sei, als die Aufmerksamkeit durch ein Schiff abgelenkt wurde, das dicht am Fahrwasser vor Anker lag und sich durch Takel und Anstrich von den übrigen Fahrzeugen unterschied.
„Es muß ein Kriegsschiff sein," meinte der Geheimrath, — „o richtig — es sind ja auch die Marine-Matrosen d'rauf!"
„Aber wo sind denn die Kanonen?" fragte Helene.
Noch herrschte völlige Meinungsverschiedenheit über den Character des Schiffes, als der Mann im Mantel an die Gruppe herantrat. Er lüftete den Jagdhut, — eine Fülle krausen Haares wurde dabei sichtbar — und mit wohlklingender Stimme, ohne Anklang von Dialect, erklärte er, daß das Fahrzeug allerdings ein Kriegsschiff sei, trotzdem die Kanonen fehlten — ein feines Lächeln flog zu Helene hinüber, — und daß es „Albatros" heiße und Vermeffungszwecken in der Nordsee diene.
„Vor zehn Jahren war's noch ein Kanonenboot, dann wurde es ein „Kreuzer" und war auf der australischen Station thätig. Jetzt ist's kein „Schiff" mehr, sondern zu Sr. Majestät „Fahrzeug" degradirt. Es geht mit den Schiffen, wie mit den Pferden — wenn sie alt werden, verlieren sie an Werth."
„Es sieht doch so neu aus," meinte die Blonde halb fragend.
„Mein gnädiges Fräulein, ich kann Ihnen darauf am besten durch ein Beispiel antworten. Sie sind ja Berlinerin! Versetzen Sie sich einmal nach Berlin — in eine glänzende Soiröe, — meinetwegen bei Hofe ober bei irgend einem Geldaristokraten der Thiergartenstraße. Werden Sie dort Alles für neu halten, was einen frischen Anstrich hat?"
„Das ist stark," flüsterte die Regierungsräthin — obgleich sie sich gänzlich ungetroffen fühlen durfte — Martha aber, die Blonde, schien die boshafte Bemerkung garnicht zu verstehen.
„Sie sind gewiß ein Seemann?" unterbrach die Jie« gierungsräthin, — sie hielt die Frage nicht mehr zurück.
„Pardon," erwiderte der Graue, „nicht eigentlich, wenn ich auch vielfach auf See war." Ein neckisch freundliches Lächeln begleitete seine Antwort.
In diesem Augenblicke köpfte eine See über die Steuer- bord-Reiling am Bug des Dampfers und ein Strom Wassers floß längs dem Deck nach achter zu. Erschreckt floh die Gesellschaft in die fast noch leere Deckeajüte, den Rauchsalon.
Jetzt begannen auch die Bewegungen des Schiffes lebhafter zu werden Unwillkürlich kam das Gespräch auf die Seekrankheit. „Ob's denn gar kein Mittel gegen das Unding giebt?" meinte die Regierungsräthin mit einem Seitenblick auf den Geheimrath, der eben, bleichen Angesichts, I hinauswankte, „mir wird auch schon wieder ganz grau vor den Augen."
Der Graue, — er hatte inzwischen seinen Mantel abgehängt und zeigte sich in einem Hellen Reiseanzugc, — bet Fremde öffnete ein neben ihm liegendes elegantes Reisenecessaire und wählte unter einer ganzen Reihe von silber- beschlagenen Fläschchen ein Flacon aus, öffnete den Decket I und reichte es der Dame. Die Hellen Thränen ltefen iy über die Wangen als sie daran roch.
„Hilst das sicher?" fragte sie, das Fläschchen weite - reichend. , ,
„Nicht Jedem," antwortete er, „aber hier ist noch em anderes Medicament, das ziemlich sichere Garantie bwte^
Er präsentirte eine Schachtel, länglich viereckiger For / Pastillen von dunkelgrauer Farbe enthaltend. Es wuroe nicht beachtet, daß er mit dem Finger die auf dem Kastcy befindliche Bezeichnung „Asche'sche Pastillen" sorgsälttg ver-
I deckte. r < ii
„Etwas bitter," meinte die Räthin, und „abscheut w,


