Seekrank.

Novelle von Hans Nagel von Brawe.

------- (Nachdruck verboten.)

I.

Bi den Seegang und der Ebbe können Sie weit binnen loopen, und denn is bat ook all to düster," hatte der viel- besragte Bootsmann erklärt und was halfs den wenigen noch nicht vom UngeheuerSeetollheit" niedergestreckten Passagieren, wenn sie energisch betonten:Haben wir bezahlt in baaren Münzen, wollen wir auch ankommen auf Norderney zur festgesetzten Zeit." Das war eine schlimme Reise! Sturm schon bei der Ausfahrt aus der Elbe, Sturm bis Helogland und Sturm weiter bis Norderney! Und nun Angesichts der rettenden Insel hinaus in die See in nie geahnte Fernen!

Der Meergott hatte dann auch für den Erregtesten sein unfehlbar wirkendes Beruhigungsmittel gefunden. Entsetzlicher Zustand an Bord des Dampfers auf Deck in den Cajüten überall Jammern - Leichen Elend!

Endlich nach langer, banger Nacht, lag der Flamingo" an der Landungsbrücke von Norderney Morgens 6 Uhr. Nun war's überstanden! Selbst die Alltertodtesten rafften sich auf.

Man drängte sich, rief durcheinander, rang nach den unzulänglichen Gepäckträgern und dazu Regen Regen!

Unter den Letzten an Bord, an die Reeling gelehnt, stand ein Herr, dem wohl die Seekrankheit keine Sorgen gemacht hatte. In einen großen grauen Jagdmantel gehüllt, den Jägerhut auf dem Kopfe, seine Cigarre rauchend, ließ er, scheinbar gleichgültig, all die übernächtigten Gestalten an sich vorüberziehen. Nur, wenn etwa eine Toilette gar zu auffällig aus dem Leime gegangen war, spielte ein sarkastisches und doch auch mitleidiges Lächeln um seine Lippen. Er wußte es ja, wie es zugegangen war an Bord! Die ganze Nacht hindurch Regen in Strömen vom Sturm gepeitscht,

$m«8tag den 22. April

1897. W r. -16

jcheEKinilienbl

♦♦

/e)

'M AMerhalüruMM zum |(Sie|ener^n}eiger (OeneM-Anzeiger)

IBM

bfamböcH' - C ;

är. aUjAAS-gj?.

t

s tragen Tugend und Frömmigkeit Von je das allerschlichteste Kleid-, Wo man von beiden groß' Wesens macht, Sich rühmt, wie weit man's darin gebracht,

Da griffen mitsammt ihrer stillen Habe Die beiden längst zum Wanderstabe. Max Krone.

mit Spritzern Salzwassers untermischt! Unter Deck aber jeder Raum in rücksichtslosester Weise von Seekranken in Anspruch genommen. Da hatte denn auch ein Theil der Damen das feuchte Biwak auf dem Promenadendeck vorgezogen. Die Aufmerksamkeit des Grauen mußte aber doch wohl weniger der Allgemeinheit gelten, wie er sich den Anschein zu geben suchte. Die klaren blauen Augen richteten sich immer wieder auf eine junge Dame, deren sympathische Er­scheinung gewiß noch mehr zu diesem Interesse berechtigt hätte, wenn nicht auch ihre Züge die Spuren überstandener Leiden getragen hätten.

Die Blondine, sie hatte auffallend starkes und saft in das Weißliche hinüberspielendes Blondhaar, stützte sich aus den Arm eines alten Herrn in weißem Barte, der wohl um einen halben Kopf kleiner sein mochte, wie sie. Er wandte sich eben in eifrigem Gespräche zu einer anderen, ihm folgenden, ebenfalls jungen Dame zurück.

Gar keine Aussicht, Helene, noch heute nach Borkum zu kommen, sagt mir eben ein Herr, es ist bereits 7V2 Uhr und um 6^/, Uhr ist der Dampfer nach Norddeich abgegangen. Directe Verbindung soll sehr selten sein. Da bleibt uns also Nichts übrig, als zu warten, bis morgen." Wenn die Herrschaften nach Borkum weiter wünschen, treffen Sie es gerade gut," mischte sich der eben engagierte Gepäckträger in seiner friesischen Mundart ein.Da liegt die Varina" von Emden, Capitain de Vries, die ist gestern gegen den Sturm unter Land gegangen und fährt heute noch zurück nach Borkum!"

Das geht aber wieder über See und es stürmt noch immer! Was meinst Du dazu, Bertha?" fragte der alte Herr die Dame an seinem Arme.

DieVarina" hält die See, da können Sie ruhig drum fahren," warf der Friese wieder ein und mit freund­lichem Lächeln meinte die Blondine:Wird schon gehen!"

Dann müssen wir aber auch die Regierungsräthin Bernau avertiren! Spriug einmal rasch 'rauf, Helene, da vorn ist sie noch!" Und während Helene, eine frische Brünette, die man für einen Backfisch hätte halten können, wäre nicht das liebe, hübsche Köpfchen von einer so vor­trefflichen schlanken Jungfrauengestalt getragen der Re­gierungsräthin Bernau nacheilte, machte der Gepäckträger auf einen Herrn aufmerksam, der in blauem Cheviotanzuge mit blanken Knöpfen, vom Bollwerk aus dem Bonbordgehen zusah.Capitain de Vries", sagte er erläuternd.

Offenbar suchte der Capitain Rückpassagiere, nachdem die Mehrzahl seiner Vergnügungsfahrer aus Borkum einen