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er halblaut und dann richtete er sich plötzlich straffer auf, trat vor den Spiegel und musterte sich eingehend.
„Die Nase etwas dick, die Figur dito--aber immer
hin in guter Proportion, der Schnurrbart schön, das Auge zwar klein, aber lebhaft, Gesichtsausdruck gutmüthig — kurz" — schloß die Selbst ritik seines äußeren Menschens — „noch immer ein ganz acceptabler Freier!" Er schmunzelte Plötzlich gut gelaunt, ihm schien ein guter Einfall gekommen zu sein.
Die Hände in den Hosentaschen, den Mund leicht zum Pfeifen gespitzt, durchschritt er das Gemach.
Endlich nickte er nachdrücklich mit dem Kopfe. „So wird's gehen!" Drauf nahm er seinen Hut und ging in die nächste Buchhandlung, ein Reichscursbuch zu erstehen. — „Hamburg-Hannover," er blätterte eifrig, rückte die Lampe näher und las: Ab Hamburg O-Zug 12 Uhr 40 Minuten. Ankunst in Hannover 3 Uhr 40 Minuten. Hannover- Wunstorf. Abfahrt hier ab Hannover 4 Uhr 25, in Wunstorf 5 Uhr.
Richtig, ich hab's! Das wird gleich notirt. So! Und nun mein süßes, kleines Trudelchen, auf baldiges Wiedersehen! Dein Onkel Brummbrär kommt als zahmster, zärtlichster aller Freier, sich sein Prinzeßchen direct vom Christkind zu erbitten." —
*
Heinz Warnow saß im Zug. Ihn fror trotz der hohen Temperatur, die im Coups herrschte. —
„Wahrhaftig, ich glaube, ich habe so etwas wie Angst," gestand er sich und fluchte dann leise: „Sckock schwere Noth, ich bin doch keine Memme und auch kein grüner Fant mehr, dem bei dem Gedanken an eine Auseinandersetzung mit der Schwiegermutter in spe das Herz in die Hosen fällt!" doch das „kein grüner Fant mehr" gab ihm plötzlich zu denken.
Heinz Warnow verwarf den aufkommenden Verdacht aber schnell. Er war Sanguiniker von Natur und obendrein auch ein wenig eitel wie alle wohlconservirten Männer seines Alters. Immerhin blieb doch Etwas wie eine Katerstimmung in ihm haften. In der nüchternen Beleuchtung des Tages sah ihn sein Plan mit ganz anderen Augen an, als er es gestern im Feuer des ersten Eifers gethan. Die Aussicht mit Cousine Adelheid, Trubels Mutter, eine ihm von früher noch sehr wohl als herrschsüchtig im Gedächtniß haftenden Dame, zusammenzutreffen, trug nicht dazu bei seine Laune zu bessern, doch drohte diele ganz in's Wanken zu kommen, als sich in Uelzen eine „ältere junge" Dame mit liebenswürdig seinsollendem Gruß und Lächeln zu ihm gesellte. Bis dahin war er der alleinige Insasse des Coupss gewesen, die Gegenwart eines Mitreisenden, geschweige noch dieser Mitreisenden war ihm in seiner Stimmung höchst unwillkommen. Er warf daher einen keineswegs freundlichen Blick auf die sich aus ihren winterlichen Hüllen schälende etwas hagere Dame und nistete sich fester in seine Ecke. Die Dame nahm ihm gegenüber Platz,' sie musterte ihn mit dreist-neugierigen Blicken.
Was will die alte Schraube denn nur von mir, dachte Warnow und setzte sich wie kampfbereit in Positur.
Sein Gegenüber schien dies jedoch falsch zu deuten. Ein südliches Lächeln veränderte das faltige Gesicht nicht eben Vortheilhaft.
„Können Sie mir vielleicht sagen, mein Herr," begann die Dame endlich ihre Attacke, „wann ab Hannover ein Zug nach Wunstorf geht?"
Warnow hatte sich bei den ersten Worten seines Gegenüber zugeschworen, die lästige Person durch nicht rmßzuver- stehende Grobheit abzuschrecken, bei dem Worte Wunstorf aber vergaß er alle Vorsätze. Alsa die wollte auch nach Wunstorf? i Bis dorthin wollte ihn dies Gesicht, das ihm ein verkörpertes i Fragezeichen schien, begleiten?
Im gleichen Augenblick kam der Schaffner, um die Billete abzufordern. „Wunstorf? Hannover umsteigen, 35 Minuten Aufenthalt!" sagte er, die Billete coupirend, dann fiel die Coupsthür in's Schloß.
Warnows Gegenüber aber rief freudestrahlend: „Das trifft sich ja herrlich! Sie haben dasselbe Ziel wie ich?"
Warnow knurrte bejahend.
„Vielleicht auch ein Weihnachtsausflug?" fragte die unverwüstliche Fragestellerin, abermals antwortete ihr ein Knurren aus der Ecke.
„Wie reizend, denken Sie sich, auch ich will auf Besuch dorthin!"
„So---!"
„Ja, es gilt ein Doppelfest, wir wollen nicht nur Weihnachten, sondern auch Verlobung feiern."
Warnow sah sie verdutzt an. Die wollte auch in Wunstorf Verlobung feiern? Und dann ging es ihm durch den Kopf: „Muß der einen Geschmack haben, der sich in die Vogelscheuche verliebt."
Doch das Fräulein, die ringlose Rechte ihren Stand längst verrathen, klärte ihn schnell genug über seinen Jrr- thum auf.
Mit dem stereotypen Lächeln sagte sie: „Mein Bruder feiert nämlich heute Verlobung mit einer Wunstorferin. — Er erwartet mich in Hannover."
Warnow brummte etwas Unverständliches. Diese Weiber! Diese Geschwätzigkeit! dachte er ärgerlich, tröstete sich aber schnell: Meine lustige, kleine Trudel ist gottlob aus anderem Stoff. Dann fiel ihm ein: Ob das Fragezeichen da drüben meine Trudel kannte? Er verspürte große Lust, eine directe diesbezügliche Frage zu wagen, aber er fürchtete die Frage- wuth der Fremden zu entfesseln.
Jene kam ihm anch bereits selbst zur Hülfe.
Eine Fluth von Fragen stürmte auf ihn ein. Ob er Wunstorf kenne? Nein — —? O ein reizendes, trauliches Nest und die Wunstorfer so liebe, entzückend liebenswürdige Leute! Ob er dort bekannt sei! Nein? O — dann kenne er gewiß'auch nicht die verwittwete Frau Oberlehrer Twenz, es sei ja die Mutter ihrer zukünftigen Schwägerin, gehöre also zur Familie, aber das müsse sie sagen, eine solche Frau — eine solche Frau gäbe es nirgends. So gescheit, so energisch, so sparsam, so — —--"
Die Zungengewandte kam nicht weiter, der Gesichtsausdruck ihres Gefährten ließ sie mitten in ihrer Lobhymne innehalten! — Warnow hatte sich bei Nennung des Namens Twenz emporgerichtet, weit vorgebeugt starrte er seinem Gegenüber in's anmuthlose Gesicht. —
„Twenz--! Frau Oberlehrer Twenz!" wiederholte
er ungläubig.
„Jawohl, Twenz! T—w—e—n—z!" buchstabirte ihm die verblüffte Dame nach, „ganz richtig, so heißt die Dame. Kennen Sie sie etwa?"
Warnow wußte selbst nicht, was ihn dazu bewog — aber er verneinte.
Sein Gegenüber aberfuhr fort: „Eine prächtige Dame — wirklich. — Wir sind weitläufig verwandt miteinander — wissen Sie so — wie — —"
„Wie ein Scheffel Bohnen und Erbsen," vollendete Warnow.
Sie lachte. „Nicht so ganz. Wie, das heißt mein Bruder und ich sind nämlich auch Twenz. —
„Hm — so" machte Warnow.
„Ja und da freut es uns natürlich doppelt, daß wir jetzt durch Georg, das ist nämlich mein Bruder, daß wir also durch Georgs Heirath jetzt noch enger mit den Twenz verknüpft werden, Familienbande sind ja immer die schönsten, und Fräulein Twenz seufzte vielsagend.
(Schluß folgt.)
Redaetion: 8L Scheyda. — Druck und 8erlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steinbruderei (Pietsch & Scheyda) in Eießen.


