Ausgabe 
21.12.1897
 
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verdanken hatte, war ehemals selbst dem Thörichtsten klar geworden.

Anstatt vorwärts war in der langen Zeit Alles mehr zurückgegangen in Angerwies. Die Frau Bürgermeisterin saß mit drei alten Jungfern im Hause noch immer und schaute nach Freiern aus, aber die verheißenen Lieutenants waren nicht erschienen, und weil der junge Rentmeister und Administrator von Niedeck auf Befehl des Grafen nicht mit denMeuterern" von Angerwies verkehren durften, so holten sie sich ihre Frauen von auswärts.

So war's auch in dieser Beziehung schlimmer geworden, anstatt besser.

Manch alter Hitzkopf, welcher ehemals gehorsam die Hände in das Feuer gesteckt hatte, um für Graf Rüdiger die Kastanien herauszuholen, war in das Grab gesunken, eine neue Generation wuchs heran, welche den Sonderling Willibald kaum von Angesicht kannte, denn seit seiner Ver­mählung hatte der Graf fast immer auf Reisen gelebt, und war nur zu sehr kurzem, beinahe flüchtigem Aufenthalt in Niedeck eingetroffen.

Während die Burg droben in ihrem tiefen Schlaf der Vergessenheit lag, ward sie von den Angerwiesern völlig ignorirt, wie man sich an das Dasein von Sonne, Mond und Sternen gewöhnt, welche als unbekannte Welten auf die Köpfe der ehrsamen Bürger herabschauen und durch un­ermeßliche Entfernung jeden Verkehr mit ihnen abgeschnitten haben.

Man gab sich weder dort noch hier die Mühe, Unmög­liches möglich zu machen und Unerreichbares zu erreichen, weder bei dem Mond noch bet Burg Niedeck.

Wenn aber der Majoratsherr ganz plötzlich auftauchte und mit seiner Familie so schnell, wie die Pferde laufen wollten durch Angerwies hindurchsauste, zwei Mal nur, wenn er von der Bahn kam, oder wenn er zur Bahn fuhr, dann erwachte bei den Alten die Erinnerung dennoch wie ein schwerer, fataler Traum, und sie steckten ^die Köpfe zusammen und gedachten grollend der besseren Zeiten, welche sie gesehen, ehe Graf Rüdiger kam, die Unzufriedenheit und Rebellion unter ihnen zu schüren.

So auch jetzt/ das Banner, welches so friedlich und freundlich vom Schloßthurm wehte, ward zu einem Alarm­signal, welches das träumende Angerwies für etliche Zeit aus seiner Lethargie emporriß und den Weg zum Bahnhof zu einer der belebtesten Promenaden machte. Selbst bei Regenwetter! aber glücklicherweise ließ es der Himmel bei einem tüchtigen Gewitter bewenden und zeigte Tag für Tag die sonnigste Bläue, welche so ganz besonders dazu angethan war, der stolzen Pracht des alten Thurmbaues ein Relief zu geben! Nie war Niedeck so schön, als in sommerlicher Rosenzeit, wo seine bemoosten Gemäuer von duftigem Blüthenregen überschüttet schienen, wo die Kletter­rosen durch den Epheu lachten und das graue Felsgestein einen golddurchwirkten Königsmantel gelber Mauerblumen überwarf.

Feld und Wald strotzten voll Segen, hier die wogende Saat in allen Farbentönen, vom lichten Gelb bis zum ge­sättigten buntgetupften Wtesengrün, und dort das rauschende Wipfelmeer des Waldes hochragend im wundervollen, alten Bestand, wechselnd zwischen Laub- und Nadelholz, reizend geschmückt von weißblühenden Akazien, durch welche die Blutbuche ihre tiefrothen Zweige flicht.

Voll unbeschreiblichen Entzückens stand Pia wieder und immer wieder auf dem Söller, um die zauberhafte Schönheit dieses Landschaftsbildes zu genießen.

Ja, die alten Ritter wußten gar wohl, was Poesie und Schöne war, darum bauten sie sich ihr Heim droben auf die Berge, wo die Freiheit wohnt, und wo die Welt es dem trunkenen Blick erst zeigt, wie herrlich und wunderbar sie der gütige Gott geschaffen!

Und heute stand Pia mit doppelt frohem und erregtem Herzen an der Mauerbrüstung und spähte hinab zu Thal,

wo der weiße Rauchstreif der Locomotive kräuselte, wo der Schnellzug wie eine dunkle, pfeilschnell daherschießende Schlange sich durch das bergige Terrain wand.

Nun wird es noch eine halbe Stunde währen, und sie hält die Eltern und den Bruder in den Armen, die Eltern, nach welchen sie sich in ihrer Herzensnoth doppelt gesehnt hat, den Bruder, welcher ihr durch lange, lange Jahre hindurch fern gewesen, welchen sie stets besonders geliebt, und dessen Briefe ihr das theuerste Band mit der Heimath gewesen, ihr lieber, lustiger Gert, an welchem ihr Herz im Geheimen die heißesten und sehnlichsten Wünsche knüpft!

Auf der grauen Steintreppe taucht eine Gestalt auf und springt immer, zwei Stufen auf einmal nehmend, zu dem Söller empor, Fränzchen.

Richtig! Dachte ich es doch, daß Du hier wieder auf demLug ins Land" steckst, brauchtest gar nicht so hoch zu klettern, ich habe den Zug schon seit zehn Minuten von dem Erkerfenster drunten beobachtet!"

Pia schaute auf. Ihr Blick überflog voll beinahe ängst­lich prüfenden Interesses die eckige, ungraziöse Mädchen­gestalt, welche, vom Hellen Sonnenlicht bestrahlt, mit großen Schritten auf sie zukam. Es war ja schrecklich! Grade heute sah Fränzchen unvortheilhafter wie je aus!

Sie trug selbst als großes Mädchen meist noch Hänge­kleider von vollendetster Kinderfaeon, welche durch eine Schärpe um die Taille herum zusammengefaßt wurden.

Dennoch konnte die merkwürdig gedrungene, plumpe Figur kaum verdeckt werden. Die Taille war eigentlich nur dem Namen nach vorhanden, von irgend welcher weiblichen Ueppigkeit keine Rede, ja, Bülow hätte bei dem Anblick der Comteffe sicher sein berühmtes Wort noch einmal wiederholt: Ich liebe es nicht, wenn die Damen den Rücken vorne haben!

Obwohl Fränzchen nicht übermäßig groß war, sah sie doch lang aufgeschossen aus, namentlich in diesem Augenblick, wo sie so lebhaft mit den spitzknochigen Armen gesticulirte und das elegante, weißgestickte Kleid unbeschreiblich schlampig um die großen Füße schlug.

Pia hatte diese Betrachtungen ja schon oft gemacht und sich manchmal kopfschüttelnd eingestanden:sie ist die wahre Carricatur von einem Mädchen," heute, wo sie die Erscheinung der Cousine voll ganz besonderer Sorge musterte, fiel ihr das Unschöne und Lächerliche besonders daran auf!

Ach, was wird Gert, dieser verwöhnte, was Geschmack anbelangt, so fein beanlagte Mann dazu sagen! Wie jähe Verzagtheit will es das junge Mädchen überkommen, da blickt sie in die strahlenden Augen des Väschens, diese wunderschönen großen Augen, in das freudegeröthete lebhafte Besicht, und sie athmet tief auf und denkt:Seltsam, trotz aller Häßlichkeit kann sie doch so herzgewinnend hübsch aussehen!"

Fränzchen bleibt hochathmend vor ihr stehen.

In einer halben Stunde sind sie da!" lacht sie, daß die ganzen Zähne sichtbar werden,ich habe soeben mit Friedrich und ein paar anderen Dienstbolzen die Feldschlangen vor dem Thor geladen,- wenn der Wagen an der Weg» biegung in Sicht kommt, donnern wir los! Famose Idee, was?"

Aber ich bitte Dich, liebes Herz, wenn die alten Dinger platzen! Bedenke, wie lange nicht daraus geschossen ist, es kann ein Unglück geben!"

I wo! Der Doctor und ich haben sie heute morgen selber mit Putzen helfen!"

Der Doctor! Was versteht ein Erzieher von Geschützen!"

O bitte, er hat sein Jahr bet der Artillerie abgedient und ist in militärischen Dingen ein ganz fixer Kerl! Als ob sie mir einen anderen hätten geben dürfen! Sein Dienstjahr imponirt mir mehr wie alles Latein, alle Mathe­matik und alles Vocabelpauken!"