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verkam in Unruhe und Angst, daß Johanna ihm einen Korb geben könnte.
Nur das nicht! — Alles Andere soll sie ihm anthun, ihn mit Launen und Grillen quälen, ihn tyrannisiren, verspotten und ärgern — nur nicht abweisen! nur nicht seinen Antrag ausschlagen!
Und ist überhaupt eine Möglichkeit, daß sie ihn erhört?
Graf Willibald drückt die Hände gegen die Schläfen und schließt wie ein Schwindelnder die Augen. Johanna ist jahrelang leidend gewesen, das hat sie vielleicht menschenfeindlich und verbittert gemacht, — hat sie weltlichen Interessen entfremdet. — Wie oft hört man nicht von kranken Mädchen, welche mit allem Irdischen abschließen, um treu, entsagungsvolle Bräute des Himmels zu werden!
Und wäre Johanna auch keine freiwillige Nonne geworden, — je nun, so hat sie doch sicher von dem graulichen Prozeß gehört, welchen Vetter Rüdiger gegen ihn, den angeblich Verrückten, angestrengt!
Welch ein Mädchen aber hat Muth und Selbstverleugnung genug, einen Mann zu wählen, welcher im Ruf eiues Geisteskravken steht, über welchen man so viel gelästert und gehöhnt hat, wie über den Majoratsherrn von Niedeck? Und außerdem . . . wird Johanna es über sich gewinnen, ihn, den häßlichen, unansehnlichen Mann zu freien?
Ein Frösteln geht durch die Gestalt des Denkenden, Graf Willibald erhebt sich und tritt jählings vor den kleinen Spiegel, welcher über dem rothen Sitzpolster an der Wand angebracht ist. Er starrt sich an, als müßte er sein eigener Richter sein.
Gott im Himmel, wie häßlich ist er! Noch nie im Leben ist es ihm so aufgefallen wie heute. Aber Graf Willibald vergißt, daß er in diesem Augenblick in ein Gesicht blickt, welches Angst und Aufregung verzerrt haben!
Seine sonst so freundlichen, schwermüthigen, milden Augen blicken jetzt starr und ausdruckslos, — sie treten weit hervor und geben dem heißgerötheten Gesicht einen fremden, erschreckenden Ausdruck.
Der Einsiedler von Niedeck sinkt ächzend wieder zurück und stützt den dicken Kopf auf die Hände. „Nein, — sie nimmt mich nicht! — sie nimmt mich nicht!" — stöhnte er auf, und die Verzweiflung überkommt ihn und flüstert ihm zu „kehr um, Du Narr! und blamire dich nicht erst!"
Soll er wirklich umkehren? — Soll er's — Nein! tausendmal nein! — Dazu ist auch später noch Zeit, wenn Alles verloren ist! — Rüdiger soll nicht triumphiren! er haßt ihn! o, so wie er diesen Menschen haßt, so hat wohl noch kein Anderer einen Anderen verabscheut! Er will sich rächen an ihm — um jeden Preis! Und ist er auch häßlich und von der Welt verhöhnt, es giebt ja doch vielleicht noch ein Mädchenherz, welches sich seiner erbarmt — gerade die Kranke, welche weiß, wie bitter das Verlassensein ist, gerade sie, die ebenso einsam ist, wie er, fühlt Mitleid mit ihm!
O, wenn sie es thäte! wie wollte er ihr dieses Opfer lohnen! Willibalds Augen leuchteten auf in schwärmerischem Entzücken. Wie eine Göttin wollte er sie anbeten! wie ein Sclave ihr dienen! sie überschütten mit Liebe — Gold und Schätzen!
Der Zug sauste an großen Güterschuppen und langen Reihen rangirender Wagen vorüber, hohe Häuser rechts und links, — ein Pfiff — langanhaltendes Schrillen der Signale . . . man fährt in den Bahnhof der Residenz ein.
Der Majoratsherr schrickt zusammen. Alles Blut drängt nach seinem Herzen. Noch einmal überkommt ihn eine lähmende, entsetzliche Angst. — Soll er umkehren?!
Mechanisch greift er nach seiner kleinen Handtasche, und starrt, ohne zu erkennen, in das Gewühl der Bahnhofshallen hinaus.
Die Coupsthür wird aufgeriffen, Kuhnert steht mit freudigem Gesicht auf dem Perron, schwingt sich empor und ergreift das Handgepäck seines Herrn.
„Zur Stelle, Herr Graf!" meldet er heiter, „Nun '
Glück auf!" — Verdutzt blickt ihn Willibald an. Ahnt der Alte etwa — — Nein, unmöglich. Sein Plan liegt
als Geheimniß tief in seiner Brust eingesargt. Ntckdenklich sieht er den Getreuen an.
„Warum bist Du so vergnügt, Kuhnert?" fragt er.
Der Getreue lächelt verschmitzt: „Diese Reise bringt uns Glück, Ew. Gnaden! die alte Lene hat mir gestern die Karten gelegt."
Der Majoratsherr wird dunkelroth. Mit energischem Ruck richtet er sich empor.
„Unsinn! — haben denn Lenes Karten schon öfters die Wahrheit gesagt?"
„Immer, Herr Graf- — man kann darauf schwören. Wo befehlen Ew. Gnaden hin?"
„Wieder nach British Hotel!" nickt Willibald hoch- aufathmend. — „Vorwärts!"
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Die Altstadt der mitteldeutschen Residenz bestand nicht aus engen, hohen, verräucherten Straßen, sondern aus jener Sptcies von kleinstädtischen Gassen, welche durch vornehme Altmodischkeit auffallen.
Langgestreckte Fachwerkhäuser mit vielen gleichmäßigen Fensterreihen, breiter Thorfahrt vor steinernen Freitreppen, erzählten dem Beschauer, daß hier seit vielen hundert Jahren der alte Landadel seine Heimstätte gegründet halte. Noch prangten hie und da die Wappen über den wunderlich geschnitzten und verschnörkelten alten Thüren, ein Garten drängte sich, durch hohe Mauern abgeschlossen, zwischen die Häuser und über manchen Thorbogen nickten dunkele Lindenwipfel oder knorrige Akazien, welche noch von Zeiten erzählten, da die alten gräflichen Galakutschen mit den feierlich geputzten Lakaien über das holperige Pflaster schwankten, die gräflichen oder freiherrlichen Familien zu Festen und Ehrentagen in das Schloß ihres Herzogs zu bringen.
Andere Zeiten waren gekommen und hatten gar Manches in den herrschaftlichen Straßen der kleinen Residenz geändert. Manch schöner Garten, welcher ehemals der Stolz und friedliche Erholungsplatz der Großeltern gewesen, war dem practischen Erwerbssinn der Enkel zum Opfer gefallen.
Da, wo ehemals die blühenden Wipfel über die Mauer nickten, erhoben sich nun neue, vierstöckige Gebäude, welche wunderlich abstachen gegen ihre niederen altehrwürdigen Nachbarn! Hier und dort war auch einer der herrschaftlichen Besitze verkauft, und seine großen, niederen saalartigen Zimmer waren in Magazine und Geschäftsräume umgewandelt, und da, wo ehemals die Krone über dem Wappen geprangt, leuchteten jetzt die buntgemalten Firmenschilder und die Reclametafeln.
So waren die alten Gassen ein eigenartiges Gemisch von „ehemals und jetzt" geworden, ohne doch im großen Ganzen ihren eigenartigen, ruhigen und altmodischen Character zu verlieren. In einem der grauen, einstöckigen Gebäude wohnte auch jetzt noch der Freiherr von Nördlingen-Gummersbach, so wie es Väter und Vorväter vor ihm auch gethan hatten.
Außer dem alten Haus war kein großes Erbe auf den jungen Offizier überkommen, als seine Eltern gestorben waren und ihn und seine Schwester Johanna in bescheidensten Vermögensverhältnissen zurückließen.
Die Geschwister wohnten nach wie vor in dem Vaterhause, dessen unteren Stock sie günstig au eine verwittwete Hofmarschallin vermicthet hatten. Hans Georg stand als Offizier in dem Leib - Grenadier - Regiment seines Herzogs, und als er Hauptmann geworden war, vermählte er sich mit der Tochter des Staatsministers, welche außer ihrem vornehmen Namen auch nicht mehr wie die Caution mit in die Ehe brachte.
Die Eltern aber unterstützten durch gute Zulage, eine alte Pathentante that desgleichen, und so lebte das junge Paar in sorglosen und glücklichen, wenn auch nicht glänzenden Verhältnissen. (Forts, folgt.)


