Ausgabe 
21.10.1897
 
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thun wollen, und das erfüllte seine Seele mit bitterem, leidenschaftlichen Rachedurst.

Seltsame Widersprüche vereinigte sein Herz in dieser Beziehung. Er war ein frommer Mann, voll wahrhaft kindlichen Glaubens und Gottvertrauens. Er hatte sich, ohne je zu murren oder mit dem Höchsten zu hadern, in das traurige Schicksal gefügt, welches er ihm beschieden, jetzt aber, wo seine Seele voll innigsten Dankes gegen Gott war, beherrschte ihn dennoch ein schier unersättlicher Rachedurst, und der leidenschaftliche Wunsch, seinen Feinden mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Und dieses Sinnen und Trachten vereinigte er ohne Skrupel mit seinem Kinderglauben. Er sagte sich, daß Gott die irdische Justiz geschaffen und bewilligt hat, um das Böse zu strafen. Wollte man alles dem lieben Gott als Rächer der Schandthaten überlaffen, so brauchte es keine hohe Obrigkeit zu geben, und in diesem Falle würde der Heiland uns nicht ermahnt haben, dem König und seinem Gesetz unterthan zu sein.

In diesem Falle nun erachtete sich Graf Willibald selber als Richter, welcher berechtigt ist, Justiz zu üben und ge­schehene Frevel zu strafen. Hatten doch die Grafen von Niedeck seit grauen Zeiten die eigene Gerichtsbarkeit ausgcübt. Die Zeiten hatten sich geändert.

Er konnte die Bürger von Angerwies und den Vetter Rüdiger nicht mehr unter die Rechtslinde laden, den Stab über sie zu brechen, aber er hatte dafür andere Mittel in der Hand, ihre Untreue empfindlich zu strafen, und dieser Mittel wollte er sich bedienen.

Wenn man Graf Willibald verrückt nannte, so that man ihm bitter Unrecht, aber als einen Sonderling eigener Art konnte man ihn sicher bezeichnen, denn das war er in der That.

Die langen Jahre weltferner Abgeschlossenheit hatten wunderliche Characterschrullen in ihm reifen lassen, welche schließlich sein Wesen beherrschten.

Sie waren nicht bösartig aber seltsam, und die seltsamste von allen Marotten, welche er je gezeitigt, war wohl der Plan, wie er sich am Bittersten an seinem Todfeinde Rüdiger rächen könnte.

Tage- und wochenlang hatte er gesessen und über diesem Plan gegrübelt, bis seine Augen schließlich voll Triumph aufleuchteten und seine Lippen glückselig murmelten:Ja, so ist es gut! so muß es gehen! und ich denke, wenn alle Vorbedingungen glücken, führe ich mein Vorhaben auch durch."

Sein Aufenthalt in der Residenz hatte ihm, über­raschender Weise, recht gut gefallen. Das Reisen hatte ihm Spaß gemacht, und der Anblick des lustigen Stadtgetriebes weckte eine heiße Sehnsucht in ihm, der verschmähten Welt doch wieder ein wenig näher zu treten.

Er schritt vor den Spiegel und sah sich prüfend an. Er war noch nicht zu alt und auch gar nicht so entsetzlich häßlich, um nicht noch heirathen zu können! Und heirathen wollte er und mußte er, denn just darin bestand der erste Theil seiner Rache, daß er Vetter Rüdiger jeden Anspruch an das Majorat ein für allemal entzog. Ja, er wollte heirathen!

Aber eine Tochter des Landes mit sechzehn Ahnen mußte die Zukünftige sein, denn ohne diese hätte die Ehe keinen Zweck gehabt.

Ein majoratsberechtiAer Sohn, wie ihn die strengen Erbschastssatzungen vorschrieben, mußte ihm geboren werden, denn nur ein solcher machte Wulff-Dietrich als dem Aelteren die Erbschaft streitig.

Eine Frau mit sechzehn Ahnen! Die Tochter eines land­angesessenen Geschlechts! Das war eine schwierige, üble Sache!

Graf Willibald ward bleich vor Schreck bei dem Ge­danken, daß an einer solchen Gattin sein ganzer schöner Plan scheitern könne!

Boll fiebernder Ungeduld stürmte er in die Bibliothek und holte den Adelskalender.

Er las und las und zählte und rechnete und fand doch nur die eine, ihm schon von früher her bekannte That- sache bestätigt, daß es nur drei Damen in dem kleinen Herzogthum gab, welche die nöthige Ahnenzahl aufweisen konnten. Die eine war Stiftsoberin zu Schlierstein, eine Jungfrau von einigen siebzig Jahren, welche auf keinen Kinder­segen mehr rechnen konnte, die zweite, eine vierunddreißig' jährige Johanna von Nördlingen-Gummersbach hatte einst die Hüfte gebrochen und war jahrelang im Rollstuhl gefahren, ob sie jetzt wieder gehen kann, ahnt er nicht und die dritte, Johannas kleine Nichte, Pia von Nördlingen, zählte erst vier Lenze, war also wieder viel zu jung für den alternden Erbherrn von Niedeck.

Willibald kraute sich voll höchster Bestürzung den Kopf, dann setzte er sich langsam auf seinen Sessel nieder und überlegte den so äußerst schwierigen Fall.

Johanna! ja, Johanna war der Strohhalm, an welchen sich all seine Hoffnungen klammerten! Auch eine Frau mit gebrochener Hüfte kann Mutter eines Sohnes werden!

Auf jeden Fall war sie die einzige, welche in Betracht kam. Ob so oder so, heirathete er sie, war doch immer die Möglichkeit vorhanden, während er als Junggeselle keinerlei Chancen für die Erfüllung seines Planes hatte. Ja, er mußte heirathen! Diese Noth- wendigkeit hatte ihn sein Feind gelehrt, nun ward sie Pflicht.

Sollte er an Johanna schreiben? Nein, er will persönlich zu ihr gehen und um sie werben!

Abermals wurden die Koffer gepackt.

Capitel 7.

Lavendel, Myrt und Thymian, die blühen in dem Garten, Wie lange bleibt der Freiersmann, ich kann es nicht erwarten!

Freischütz.

Als Graf Willibald allein in dem Coup« erster Klasse saß und Station um Station vorüberflog, ihm jedesmal von Neuem kündend, daß er sich der Residenz in Sturmeseile nähere, überkam ihn Plötzlich wieder das Gefühl tödtlichster Beklommenheit und Angst, welches ihm stets die Kehle zu­geschnürt hatte, wenn er an den entsetzlichen Moment eines Heirathsantrages dachte!

Er starrte bleich und verstört auf seine nagelneuen Glacehandschuhe nieder und sein Athem ging so schwer, daß er einem Stöhnen glich.

Dennoch war diesmal der Grund seiner bangen Er­regung ein völlig anderer wie ehedem.

Wenn er sich früher in die Situation eines Freiers versetzte, so überkam ihn das Entsetzen bei dem Gedanken: Was sollst du bei deiner tölpelhaften Verlegenheit sagen? Was sollst du anfangen, wenn sieJa" sagt und dir an die Brust sinkt? Wie sollst du dich im Verkehr mit einer Dame überhaupt benehmen, mit einer Dame, die dann deine Braut ist, die Zärtlichkeiten, Liebesworte und zarte Aufmerksamkeiten verlangt?

Diese Vorstellung hatte ihm stets den Angstschweiß auf die Stirn getrieben und weil,, er sich so sehr vor demJa" der künftigen Braut fürchtete, hatte er es nie über sich ver­mocht, die verhängnißvolle Frage an sie zu richten.

Heute lagen die Dinge völlig anders. Das Blatt hatte sich gewendet.

Diesmal zitterte Graf Willibald vor der Möglichkeit, einNein" als Antwort zu erhalten.

Mit dem Fanatismus des Haffes hatte er sich in den Gedanken verbissen, Rache an seinen Feinden zu nehmen und die Leidenschaft hatte seine Energie gestählt und sein Selbst­bewußtsein wachgerüttelt.

Er fürchtete sich nicht mehr vor dem Heirathsantrag, vor dem Verkehr mit der Braut, er wußte genau, was er sagen wollte aber er bebte vor einem Nichtersolg, er