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Kann garnicht erst in Frage kommen! Groß und dunkel ist sie, das liegt bei ihnen in der Familie."

Noch einmal schüttelten sich die Freunde herzlich die Hände, dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung.

Zwei Stunden später finden wir den Lieutenant in Worklin am Kaffeetisch wieder, ihm gegenüber Cousine Ursel. Noch immer konnte er sich nicht von dem Schrecken erholen, der ihn vorhin durchzuckt, als das junge Mädchen das Thee- brett mit Taffen in den Händen das Zimmer betreten hatte. Im ersten Augenblick war ihm überhaupt garnicht der Ge­danke gekommen, daß das die Cousine sein könne. Erst die Worte des Onkelshier ist unsere Ursel!" hatten ihn fast entsetzt auf das zierliche, blonde Geschöpf blicken lassen, das in dem leichten, hellblauen Sommerkleide mehr einer jener schlanken, bläulichen Libellen da draußen glich, als einem Menschenkinde von Fleisch und Blut. Und als sie ihm dann mit einem herzlichenGuten Tag, Vetter" die Hand gereicht hatte, da war ihm leise seufzend die Unterhaltung mit dem Freunde eingefallen. Ja, hier durfte man sich keinen festen Händedruck erlauben. Und zaghaft, fast ängst­lich hatte er die kleine, winzige Hand für einen Augenblick in seiner breiten, kräftigen gehalten.

Nun, Fritz, wie ist es?" meinte Herr Linde nach dem Kaffee.Reitest Du ein wenig mit mir zu Felde, oder soll Ursel Dir unseren Park und, so weit es Dich interessirt, die Ställe zeigen?"

Einen Augenblick zögerte Fritz Malten mit der Antwort. Im Grunde war er stets mehr dafür, den Damen Gesellschaft zu leisten. Aber nein, nein, er wollte nichts mit einem so zerbrechlichen, blonden Geschöpf zu thun haben, gleich am ersten Tag wollte er ihr zeigen, daß sie nicht nach seinem Gelchmack sei. Nein, dieser lange, blonde Zopf! Fast mv ästhetisch! Immer hatte ihm nur der hünenhafte, dunkle Vater vorgeschwebt; daß das Kind auch nach der Mutter geartet sein könnte, die er erst heute kennen gelernt, daran hatte er keine Minute gedacht. Ja, warum hatte sie sich auch so garnicht nach dem Vater gerichtet!

Nun, Fritz?" mahnte die Stimme des Onkels,Du bleibst wohl lieber hier? Brauchst Dich nicht zu geniren, mir einen Korb zu geben, wir können ja ein anderes Mal" Nein, Onkel, ich komme mit, ich reite leidenschaftlich gerne!" Und ohne noch einen einzigen Blick auf die Cousine zu werfen, folgte er dem Hausherrn.

Am Abend dieses ersten Tages schrieb Fritz Malten, als er sich auf sein Zimmer zurückgezogen, an seinen Freund Forken wie folgt:

Carl! Carl! Wie kann das Schicksal einen Menschen nur so zum besten haben!! Sie ist schauerlich blond! Und eine Figur nein Earl, eine Figur! Ich dachte wirklich, ich sollte aus den Rücken fallen. Du warst doch früher einmal mit mir in einer Glasspinnerei, weißt Du noch? Nun, eine Figur wie aus Glas gesponnen, hat sie, man mag in ihrer Gegenwart gar nicht mal an einen gesunden Händedruck denken. Das Einzige zum Ansehen an der ganzen, kleinen Person, sind zwei große, braune Augen. Und dennoch kommt man in Versuchung, sich zu ärgern, daß diese Augen nicht blau sind, richtig wasserblau. Das würde besser zu dem impertinenten Goldblond passen.

Im ersten Augenblick glaubte ich, sie reiche mir lange nicht bis zur Schulter, aber als wir uns nebeneinander stellten, auf Wunsch des Onkels! Mir ist es völlig gleichgültig, ob sie mir bis zur Degenkoppel oder bis an die Herzgegend reicht, denn in letzteres hinein wird sie doch nie und nimmer gelangen trotz Gold und Goldeswerth (diesmal meine ich nicht den Zopf!) also, wie wir uns nebeneinander stellten, überragte ich diese Grasmücke doch nur um einen guten Kopf.

Aber wozu erzähle ich Dir dies Eigentlich Alles! Höchst langweilig! Onkel und Tante sind ja sehr freundlich gegen mich, und es gefällt mir sonst ja auch wunderschön hier, aber unter diesen Umständen werde ich doch wohl schwerlich

länger als ein paar Tage bleiben. Drei Wochen? Un­möglich ! Das hieße Zeitvergeudung.

Vielleicht komme ich von hier aus auf einen Tag zu Dir. ! Adieu! Nun mußt Du am Ende doch noch einmal pumpen Deinem alten Fritz."

Hätte Carl Forken ein paar Tage nach Empfang dieses Briefes einen Blick in den Workliner Park werfen können, er würde ganz erstaunt den Kopf geschüttelt haben. Da wandelten Lieutenant Fritz und Cousine Ursel in der größten Eintracht nebeneinander her und hatten es so emsig mit Reden, Zuhören und sich gegenseitig in die blauen und die braunen Augen zu schauen, daß sie all den warmen Frühlingszauber um sich herum kaum zu bemerken schienen.

Ursel, der Onkel sagte ja vorhin, Du solltest mir Deinen Lieblingsplatz zeigen. Wo ist der?"

Leise auflachend entgegnete das junge Mädchen:Nein, Vetter Fritz, den kann ich Dir nicht zeigen. Es hätte auch gar keinen Zweck, da dort nur Raum für eine Person ist. Oder die zweite müßte eben so schmal sein wie ich."

//Ja, ja, Cousinchen, Du bist mächtig zierlich," wie leichtes Bedauern klang es aus seiner Stimme.Daß Du aber auch so gar nichts von Deinem Vater hast! Ich hatte fest geglaubt, Du müßtest gerade so aussehen wie er."

Aha, Vetter, daher also am ersten Tage Dein entsetztes Gesicht, als ich in's Zimmer trat! Warte nur, ich habe es wohl bemerkt." Schelmisch drohte sie ihm mit dem Finger, fuhr dann aber gleich darauf in ernstem Tone fort:Du sagst, ich habe nichts von Papa? Das habe ich doch. Seine Augen habe ich, das sagt Mama so oft." Und ganz erregt blickten diese Augen jetzt zum Vetter auf, als solle er sich von der Wahrheit des Gesagten überzeugen.

//Ja, ja, die hast Du vom Onkel," bestätigte lächelnd Fritz Malten, aber sie passen gar nicht zu Deinem Haar. Blau müssen sie sein, ganz blau."

Ursula schwieg und sah vor sich nieder, während sich in ihrem jungen Herzen ein ganz klein wenig Trauer regte. Der Vetter zeigte doch auch zu offen, daß sie ihm so gar nicht gefiel. Aber nun hob sie schon wieder den Kopf und begann von Neuem:In den nächsten Tagen kommt eine Freundin von mir, paß' nur auf, die wird Dir gefallen. Große, schöne Figur, ganz dunkelblaue Augen und kurzes, schwarzes, lockiges Haar."

konnerwetter! Ganz nach meinem Geschmack!" ent­fuhr es unwillkürlich den Lippen des Lieutenants. Aber seine Aeußerung that ihm sofort leid, als er auf die blonde, zierliche Gestalt an seiner Seite blickte. Sie mußte seine Worte ja empfinden, und im Grunde war sie doch auch ein liebliches, kleines Menschenkind. Nur schade, schade, daß sie so gar keine Aehnllchkeit mit seinem weiblichen Ideal hatte. Aber er mußte ihr irgend etwas Gutes sagen, sie schaute ja ganz betrübt drein, und ihren langen, blonden Zopf ergreifend, meinte er freundlich:Wie gesponnenes Gold, Cousinchen!"

Ja, wenn's nur Gold wäre, dann würde Papa am Ende erlauben, daß ich ihn abschnitte, aber"

Um des Himmelswillen! Nicht abschneiden," unter­brach sie ganz entsetzt Fritz Malten,das wäre ja Sünde!"

Ach was, Sünde!" Ordentlich ärgerlich klang Ursulas Stimme. Ewig muß ich mich über den Zopf ärgern, überall ist er mir im Wege! Und wenn er noch braun wäre!" erschrocken hielt sie inne, der Vetter mußte ja denken, sie habe diesen Wunsch seinetwegen.

Ursula! Ursula!" ertönte da plötzlich der Mutter Stimme vom Hause her. Froh, so der Verlegenheit zu entrinnen, wollte Ursula mit einem kurzenEntschuldige einen Augenblick, Vetter!" dem Rufe folgen. Aber sie saß fest, der Vetter hielt sie am Zopf zurück.

(Fortsetzung folgt.)