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leiserem Ton zu seiner Frau gewandt, fort: „Menn der Fritz nur nicht an unsere Ursel denkt." — Ganz erstaunt blickte Frau Linde zu dem Sprechenden auf: „Aber, Mann, sie ist ja noch das reine Kind!"
„Ach was, Kind! Kind hin, Kind her, darnach fragen die Herren Lieutenants nicht, wenn das Kind nur Geld hat. Sie wird ja auch mit jedem Jahr älter. Wodurch ich noch besonders auf diesen Gegenstand gekommen bin, ist Folgendes. Als ich den alten Malten im vorigen Jahr auf der lernt) wirtschaftlichen Ausstellung traf, meinte er: „Der Junge, der Fritz macht mir Sorge; ich möchte, daß er eine nette, gute Frau fände!" — Ja, ja, mögen nette Sorgen sein! Schulden, Liebeleien!--Na, Alte, brauchst nicht gleich
ein so bitter ernstes Gesicht aufzusetzen," unterbrach er sich dann Plötzlich, „noch haben wir das Mädel ja! Und merken wir Unrath, wird der Lieutenant an die Luft gesetzt." „Und ich glaube auch wirklich," meinte schon wieder beruhigt Frau Linde, „unser Kind denkt noch gar nicht an so etwas. Siebzehn Jahre!" — „Na, na, Alte!" Schelmisch drohte der Mann mit dem Finger. „Wieviel Sommer zähltest Du denn, als wir uns im Mondenschein in Eurem Garten trafen?"
Lächelnd nickte die Gefragte mit dem Kopf. „Ja, ja, Du hast recht. Als wir heiratheten, war ich achtzehn Jahre, --und erst nach zehn Jahren kam unsere Ursel an. Weißt Du noch? Erst der Schreck, und dann die Freude!"
„Aber die Freude war schließlich doch größer als der Schreck, nicht?" Zärtlich glitt die Hand des Mannes über den glatten Scheitel seines Weibes. „Doch da ist mein Pferd! Adieu, adieu! Um vier Uhr kann der Fritz hier sein, für einen Wagen zur Abholung sorge ich."
In einem Rauchcoupe zweiter Klasse saß Lieutenant Fritz Malten, oder vielmehr lag Lieutenant Fritz Malten auf dem Rücksitz ausgestreckt und verfolgte — eine Cigarre im Munde — mit großem Interesse die blauen Ringe, die er kunstgerecht in die Luft sandte. Er war, was die Welt „einen hübschen Kerl" nennt. Er hatte dichtes, lockiges, blondes Haar, ausdrucksvolle, blaue Augen, einen langen, blonden Schnurrbart, und wenn er den Mund öffnete, wie augenblicklich bei einem herzhaften Gähnen, kamen zwei Reihen herrlicher, gesunder Zähne zum Vorschein, denen man es ansah, daß noch kein Zahnarzt mit ihnen in nähere Berührung gekommen war.
Jetzt hielt der Zug. Der junge Mann machte Miene sich zu erheben, verharrte aber doch in seiner bequemen Lage. Wozu auch aufstehen! Es war ja nichts los auf solcher kleinen Station, man bekam nicht einmal ein anständiges Glas Bier! Und mit einem leisen Seufzer zündete er sich eine frische Cigarre an. Da plötzlich wurde die Thür auf- gerissen. „Ach! ein neuer Fahrgast," dachte ärgerlich der Lieutenant, „da muß ich mich doch am Ende ein wenig erheben." — Bevor er aber sein Vorhaben ausführen konnte, wurde er am Arm ergriffen und eine Stimme rief: „Fritz! Malten! Bist Du es wirklich? Nein, wie mich das freut, kann ich garnicht sagen!" Mit einem Ruck stand der Angeredete auf den Füßen —: „Forken! wo kommst Du her?" Einen Augenblick hielten sich Beide an den Schultern und sahen sich glücklich in die Augen, dann entgegnete der mit „Forken" Angeredete: „Ich komme von meinen Eltern und will zu meinem Schwager, der hier in der Nähe ein Gut hat. Ich möchte mir die Landwirthschaft ein wenig genauer betrachten- wer weiß, was man noch thut! Denn mit dem Wiedereintritt in mein Regiment wird es doch nichts."
„Armer Junge Du," meinte in weichem Tone der Lieutenant, „geht es noch immer so schlecht mit Deinen Füßen? Das thut mir zu leid."
„Nicht bedauern, Fritz! Du weißt doch, das soll nicht gut sein." Ein wehmüthiges Lächeln huschte über das Gesicht des Sprechenden. „And am Ende giebt es doch auch noch ein größeres Unglück, als so ein bischen Podagra. Im Winter war es ja leidlich, aber mit den Frühlingsstürmen
begann es auch wieder in meinen Füßen zu rumoren. — Doch das ist langweilig, laß' uns lieber von Dir reden. Wohin willst Du eigentlich? — Aber wie siehst Du mir denn nur eigentlich aus!" Ein prüfender Blick überflog die Gestalt des Freundes. „So elegant, ja, sogar höllisch elegant! Dieser feine, hellgraue Sommeranzug steht Dir fast noch besser als Deine Uniform. — Aber so sprich, st rede doch, Fritz! — Menschenkind, Du gehst doch wohl nicht auf Freierssüßen?"
„Ja, ja, alter Freund, es ist so," kam es mit einem Seufzer von des Lieutenants Lippen. Dann setzte er wie schuldbewußt hinzu: „ich muß wohl, es will mir ja Keiner mehr was pumpen, und was das Schlimmste ist, mein Alter am allerwenigsten."
„Aber Fritz, warum schreibst Du mir das nicht, ich habe Dir doch oft genug — —"
„Nein, Carl," unterbrach der Lieutenant abwehrend den Freund, „ich habe gerade genug bei Dir auf dem Kerbholz stehen. Nein, nein, gieb Dir keine Mühe, ich nehme keinen Heller mehr von Dir."
„Nun, aufdrängen will ich Dir mein Geld nicht," war die ein wenig empfindlich klingende Antwort Carl Forkens, „aber wer ist denn die Glückliche, die die Ehre haben soll, Deine Schulden zu bezahlen? Kennst Du sie schon?"
„Nein, das ist es ja eben, keine Ahnung! Eine entfernte Cousine, ein steinreiches Mädel. Wir haben fast nie mit der Familie verkehrt, nur unsere Väter trafen sich häufig. Na, und mein Alter hat mich dann auf den reizenden Gedanken gebracht. Sie soll übrigens ein reizendes Mädchen sein, und ich bin ja in dieser Beziehung auch nicht so schwer zufrieden zu stellen. Nur drei Bedingungen mache ich, sonst kann von Heirathen überhaupt keine Rede sein: reich, brünett, große, hübsche Erscheinung! — Nur nicht eine jener Puppen, bei denen man Gefahr läuft, ihnen durch einen gesunden Händedruck die Glieder zu verrenken, oder deren Knochen man bei einer herzhaften Umarmung knacken hört, nein —"
„Um des Himmels willen, höre blos aus," unterbrach ihn lachend der Freund, „da thätest Du ja besser, Du hei- rathetest so ein Kraftweib von irgend einer Specialitätenbühne, da hättest Du Derartiges nicht zu befürchten."
Nun lachten Beide herzlich. Dann fuhr Forken in ernstem Ton fort: „Aber Fritz, etwas gut sein mußt Du ihr doch auch, sonst wird es ja ein Höllenleben für Dich, so an ein Weib geschmiedet zu sein —"
„Ach was, Unsinn," rief lachend Fritz Malten dazwischen, „wer läßt sich denn auch gleich mit seiner Zukünftigen zu- sammenlöthen! Ich gedenke sehr ein besonderer Theil für mich zu bleiben."
„Na, laß' uns nicht darüber streiten, Fritz, hoffentlich kommt die Liebe noch bei Dir, Du kennst sie ja noch garnicht. Es wurde Dir ja sonst nicht so schwer, zu lieben, warum da nun gerade bei Deiner Frau eine Ausnahme machen!"
„Du, Du!" warnte der Lieutenant mit komisch ernstem Gesichtsausdruck, „keine Anspielungen! Ich habe alle meine Schiffe hinter mir verbrannt."
„Riecht auch mächtig sengerig," entgegnete hell auflacheud Carl Forken, „wird wohl ein ganzer Berg Briefe und Bilder gewesen sein. Aber da Pfeift der Zug schon, ich muß hier aussteigen, wie ist Deine Adresse?"
„Schon aussteigen? Ai-, wie schade! Adressire: Herrn Linde, Rittergut Worklin."
„Worklin! das ist ja herrlich, nach dort ist es ja von hier nur eine halbe Stunde mit der Bahn. Da mußt Du mich auf Deiner Rückreise besuchen. Das Gut meines Schwaqers heißt Klein-Muchow."
„Oder Du, Carl, kommst nach Worklin und siehst Dir meine Zukünftige an. Na, wollen sehen, so oder so, auf Wiedersehen bestimmt, adieu!"
„Adieu, adieu, Fritz!" Der Sprechende stand schon draußen. „Und laß mich bald wissen, ob blond oder braun, ob groß oder klein."


