886 —
strömten einer Heerde Schafe gleich in die Straß . hinaus. Die ärmliche Kleidung dieser müden Männer und Frauen war mit weißen Wollflocken überschneit, und die Blässe ihrer Gesichter verkündete deutlich, wie unbarmherzig der beständige Aufenthalt in den schwülen Spinnereien ihre Gesundheit untergrub.
Einige der Mädchen lachten und plauderten miteinander, neckten die jungen Männer und tauschten Scherze, die nicht immer zarter Natur waren, mit denselben au§; doch unter ihnen war eine, die weder rechts noch links blickte, weder lachte noch scherzte. Obgleich auch eine Arbeiterin, nahm sie doch keinen Antheil an der Heiterkeit ihrer Genossinnen, welche sie an Schönheit weit übertraf. Selbst ihr schäbiges Cattunkleid, ihr alter grauer Shawl und ihr dünner Schleier dienten nur dazu, die reinen Linien ihres Antlitzes und das edle Ebenmaß ihrer Gestalt um so mehr hervorzuheben, je greller sie gegen dieselben abstachen. Ihr grober Strohhut bedeckte eine Fülle von goldenem Haar- durch den verschlossenen Schleier schimmerte eine Haut wie Alabaster und zwei große veilchenblaue Augen voll unaussprechlichem Weh. Wenige Personen in Millbridge begegneten je diesem Mädchen, ohne stehen zu bleiben und ihr nachzublicken.
„Sie sind wohl müde, Miß Smith?" sagte eine andere Arbeiterin mit hagerem Gesicht und tiefliegenden Augen, die neben der soeben Beschriebenen einherschritt.
„Ja — ein wenig, Lizzie," antwortete die Angeredete.
„Gott weiß, es ist ein hartes Leben," seufzte Lizzie mit einem Husten, der ihre dünnen Lungen zu zerreißen schien. „Ich habe den ganzen Tag Blut gespuckt. Ich werde es wohl nicht mehr lange anshalten. Oh!" suhr sie mit einem plötzlichen Anflug von kindlich r Lebhaftigkeit fort, „wissen Sie schon, Miß Smith, daß ein neuer Musiklehrer nach Millbridge gekommen ist? Etliche von den Mädchen haben sich ein wenig Geld erspart- sie wollen zu- sammenschießcn und eine Piano miethen, um in den Abendstunden Unterricht zu nehmen. Ist das nicht prächtig? Wie gern möchte ich mich daran betheiligen! Allein Sie sehen, daß es mir bei meiner Krankheit nicht möglich ist, etwas zu erübrigen- Alles was ich verdiene, reicht knapp hin, um die ewigen Arzneien zu bestreiten."
„Arme Lizzie!" sagte Miß Smith mit sanfter Stimme.
Das Mädchen bog in eine andere Straße ein. Keine der übrigen Arbeiterinnen sprach mit Miß Smith- sie war bei denselben nicht beliebt. Schon seit zwei Jahren arbeitete sie in einer ter Fabriken und hielt sich mit einer großen Anzahl Manns- und Frauenspersonen in dem großen Kosthaus am Flusse auf, und dennoch war sie immer eine Fremde in Millbridge. Niemand wußte etwas über ihre Vergangenheit- Niemand konnte sich der geringsten Vertrautheit mit ihr rühmen. Sie war artig und höflich gegen Jedermann, wußte aber ihre Mitarbeiterinnen in respectvoller Distanz zu halten.
Miß Smith eilte an diesem Abend nicht, wie sonst, nach ihrem Kosthaus zurück, sondern bog mechanisch von der geräuschvollen Straße in einen einsamen Fußpfad ein, der längs des Flusses hinlief. Sobald sie sich von Niemanden mehr beachtet sah, warf sie sich plötzlich in das verdorrte Gras am Ufer, riß Hut und Schleier ab und schob wie eine dem Ersticken nahe Person ihren alten Shawl von den Schultern zurück.
„Oh, ihr Götter, warum haltet ihr uns den Kelch der Freuden an die Lippen, nur um uns denselben zu entreißen, ehe wir ihn berührten?" murmelte sie leise vor sich hin.
Die Sonne war bereits untergegangen und graue Dämmerung lagerte über dem Fluß und der Stadt. Ein Boot fuhr mit leisem Ruderschlage auf dem Wasser hin. Miß Smith bemerkte dasselbe nicht- sie saß nachdenklich in dem dürren Gras und pflückte ze> streut Halm um Halm aus der Erde.
Was war es, das sie endlich aus ihren Träumereien
weckte? Das Boot kam zurück und ruderte stromabwärts den Fabriken zu. Durch die abendliche Stille drangen die Worte: „Ich muß morgen gehen, Denham."
Es war nur diese nichtssagende Bemerkung, welche sie vernahm, und der Name Denhams, welcher einer der reichsten Fabrikbesitzer der Stadt war, inleressirte sie durchaus nicht. Dennoch sprang sie, wie von einer Natter gebissen, auf. Ihr Gesicht wurde aschfahl- eine Empfindung des Erstickens schnürte ihr die Kehle zusammen. Das Boot fuhr weiter und verschwand hinter einem Weidengebüsch.
Welchen merkwürdigen Streich hatte ihre Einbildungskraft ihr gespielt? Welche krankhafte Erregung hatte sich ihrer Sinne bemächtigt?
Während sie noch athemlos und wie versteinert dastand, erschien plötzlich ein Mann mit einer Rolle Noten unter dem Arm auf dem Pfade, schritt an Miß Smith vorüber und blickte über die Schultern nach ihr zurück, blieb wie vom Blitze gerührt stehen, stieß einen lauten Schrei aus und stand im nächsten Augenblick keuchend vor ihr, indem er rief: „Mein Gott, Ethel Greylock!"
Sie wandte sich rasch um und blickte den Mann an- sie war todtenblaß geworden.
„Fürchten Sie sich nicht vor mir!" stammelte der neue Musiklehrer von Millbridge, indem er einen Schritt zurücktrat.
„Ich fürchte mich nicht," antwortete sie kalt.
„Gott sei Dank!" rief er. „Bei unserer letzten Begegnung war ich wahnsinnig, jetzt aber bin ich im vollen Besitz meiner Sinne. Wie aber kommen Sie hierher, und in dieser Verkleidung?" fügte er hinzu, indem er auf ihr schäbiges Cattunkleid deutete.
Sie setzte hastig ihren Hut wieder auf und zog den alten Shawl um ihre Schultern. Es ist keine Verkleidung," antwortete sie. „Ich bin eine Arbeiterin in einer der hiesigen Fabriken und verdiene mir mein Brod dadurch. Mein Name ist nicht Ethel Greylock, sondern einfach Miß Smith."
So standen sie einander denn wiederum gegenüber — Arthur Kenyon und das Mädchen, das er einst zu ermorden gesucht hatte. Kenyon sah alt, abgehärmt und heruntergekommen aus. Seine Augen waren blutunterlaufen und seine üppigen Locken bereits stark mit Grau vermischt.
„Ich habe von Ihrem Mißgeschick gehört," sagte er mit einem Anflug von Schauder. „Die Sache gelangte in die Zeitungen, für die dergleichen Dinge stets Leckerbissen sind. Mich überraschte die Geschichte nicht sehr, denn ich hatte wohl gewußt, daß Sie nicht Iris Greylocks Tochter sein konnten. Ich war einst der Gatte jener Frau, und wenn sie Ihre wirkliche Mutter gewesen wäre, so hätte ich mich Ihnen, weiß Gott, nie als Anbeter genähert. Sie haben Ihnen die Thür gewiesen — die ganze ehrenwerthe Sippe, mit dem Baronet an der Spitze. Pfui! Eine solche Liebe war des Besitzes nicht Werth, Ethel!"
„Ich muß es ablehnen, mich mit Ihnen über mich selbst oder meine früheren Freunde zu unterhalten^" antwortete Miß Smith mit einer stolzen Miene, die ihn an die Tage ihres Glückes und Glanzes erinnerte. „Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß Ihr Anblick mtr in der Seele zuwider ist."
Er fühlte sich getroffen. „Sie sind hart," erwiderte er vorwurfsvoll. „Ich verdiene mir jetzt meinen Unterhalt als Musiklehrer. Ich kam vor einigen Tagen nach Millbridge und hatte keine Ahnung, Sie hier zu treffen. Ach, Sie haben mir das feige Attentat, das ich vor zwei Jahren gegen Sie beging, noch nicht vergeben!" Er streckte die Rechte aus, indem er leidenschaftlich fortfuhr: „Dies tft die Hand, die ich damals gegen Sie erhob - ich hätte verdient, daß sie für immer gelähmt worden wäre. Bedenken Sie indessen, daß ich Sie verloren hatte - ein Unglück, das jedem Manne den Verstand rauben konnte. Ich liebte Sie mehr als mein eigenes Leben, und ich war toll — das j meine einzige Entschuldigung. Sicherlich sollten Sie mir vergeben, Ethel, ob auch die ganze Welt mich verdamm e.


