387

Ich verzeihe Ihnen," versetzte sie kalt und streng, allein Ethel Greylock existirt nicht mehr, und Miß Smith kennt Sie nicht kann und will Sie nicht kennen."

Das ist eine matte Vergebung," sagte er mit traurigem Lächeln.

Es ist Alles, was ich Ihnen bieten kann."

Er trat einen Schritt zurück.Sie sind erbarmungslos, Ethel. Was soll ich, was kann ich thun, um Ihnen meine Reue zu beweisen und Ihre volle Verzeihung zu gewinnen?" Verlassen Sie mich und kehren Sie nie wieder zurück! Wagen Sie es nie wieder, sich mir zu nähern! Es lebt keine Person auf Erden, deren Anblick mir so verhaßt ist wie der Ihrige."

Er ließ den Kopf hängen.Sie haben zu befehlen, und mir ziemt es, zu gehorchen," sagte er mit erstickter Stimme, indem er sich umwandte und auf die Stadt zuschritt, ohne auch nur einmal zurückzublicken.

Miß Smith verweilte noch eine Zeit lang am Flusse, um nicht auf's Neue mit diesem dunklen Geist aus ihrer Vergangenheit zusammenzutreffen. Als sie keine Gefahr mehr zu befürchten hatte, trat sie den Weg nach ihrem Kosthause an.

Der Mond war noch nicht aufgegangen, und die Sterne blickten nur matt am Abendhimmcl. Der schmale Fußpfad war jetzt sehr dunkel und einsam. Nur die Heimchen zirpten im Grase, und die Wellen des Flusses brachen sich mit sanftem Gemurmel am Ufer. Unwillkürlich beschleunigte Miß Smith ihre Schritte.

Sie hatte die Hauptstraße beinahe erreicht, als zwei Gestalten langsam von der Fabrik her geschlendert kamen. Es war unmöglich, die Gesichter derselben in der Dunkelheit zu erkennen, allein die rothe Gluth brennender Cigarren verrieth, daß es Männer waren. Als die Beiden auf dem dunklen Pfade an Miß Smith vorüberschritten, traf es sich, daß einer von ihnen sie etwas unsanft berührte.

Um Vergebung!?" sagte er höflich und verschwand dann mit seinem Gefährten in der Dunkelheit.

Es war dieselbe Stimme, die sie am Flusse vernommen hatte.

Von einem plötzlichen Schrecken überwältigt, lief sie aus Leibeskräften nach dem Kosthause zurück. Das Abend- brod war bereits vorüber, und die übrigen Kostgänger hatten den Tisch verlassen. Sie trank eine Tasse kalten Thee, einige Bissen Butterbrod und flog dann nach ihrem eigenen Zimmer hinauf, einer Dachstube, die zum Glück so klein war, daß sie nur für eine einzige Person Raum hatte.

Sie zitterte an allen Gliedern, und ihre Augen hatten den Ausdruck eines gehetzten Rehes. Hastig schloß sie die Thür hinter sich zu. Sie mußte gehen, mußte mit dem ersten Morgenzuge Millbridge verlassen den Platz, an dem sie vor zwei Jahren Arbeit und Obdach gefunden hatte. Wiederum mußte sie in die weite Welt fliehen. Sie öffnete eine Schublade in ihrer Commode. Dort lag das Geld, das sie sich von ihrer Fabrikarbeit erspart hatte) es war nicht viel, doch immerhin genug, um damit nach einem Orte zu reisen und sich dort zu ernähren, bis sich wieder Gelegen­heit zur Arbeit bot.

Mechanisch machte sie sich daran, ihre Sachen zusammenzu­packen. Während sie damit beschäftigt war, vernahm sie in der Stube, die direct unter der ihrigen lag, schallendes Gelächter, hin und wieder von hohlem Husten unterbrochen. Die Fabrikmädchen hatten sich in dem Zimmer der armen Lizzie zu einer Abendunterhaltung versammelt. Sie pflegten dies oft zu thun, doch nie hatte ihr Frohsinn Miß Smiths Ohren so unangenehm berührt wie an diesem Abend. Als dieselbe ihre Vorbereitungen beendigt hatte, löschte sie die Lampe aus, und warf sich angekleidet auf ihr Bett, da sie mit Tagesanbruch abreisen wollte.

(Fortsetzung folgt.)

Hygienische Winke für alle Brillenbedürftige.

Von Dr. Otto Gotthilf.

----- (Nachdruck verboten.)

Brillen haben einzig und allein den Zweck, dasjenige zu ersetzen, was dem Auge fehlt. Sie bilden keine eigentlichen Heilmittel, sondern nur allerdings sehr wichtige Hilfsmittel, sie sind gleichsam die Krücken des Auges; denn wie diese die erkrankten Gliedmaßen zum Gehen und Stehen befähigen, so die Brillen das nicht normale Auge zum richtigen Sehen. Da nun aber das Erkennen der verschiedenen Fehler und Erkrankungen des Auges unbedingt große wissenschaftliche Kenntnisse voraussetzt, so erheischt auch die Wahl der für jeden einzelnen Fall paffenden Gläser bedeutende Erfahrung und Sorgfalt. Deshalb sollte ein Brillenbedürftiger nie allein oder nur mit Hilfe des Optikers die Art und Nummer der Gläser sich aussuchen, sondern stets erst einen Arzt zu Rathe ziehen. Brillen müssen eben, wenn sie den Augen wirklich zum Vortheil gereichen sollen, wie Arzneien ver­schrieben werden. Unzählige Jirthümer, welche sehr oft die Schwächung des Sehvermögens und den gänzlichen Verlust desselben nach sich ziehen, würden dadurch sicher vermieden. Schon durch das lange, ungeregelte Suchen und Probieren beim Optiker werden die Augen in hohem Maße angestrengt. Die Größe der Pupille ändert sich je nach dem Glase,- das Auge muß sich jedem anpassen und es geschieht dann häufig, daß man sich zuletzt nach langem Suchen zu einer Brille ent­schließt, welche den ermüdeten Augen für den Augenblick zu­träglich scheint, die sich aber später, nachdem das Auge aus­geruht, als unzweckmäßig und höchst schädlich erweist. Die Gläser selbst dürfen natürlich, worauf man beim Einkauf wohl achten möge, keine Riffe, Luftblasen, Sprünge und der­gleichen haben, da die geringste Unvollkommenheit dieser Art nicht nur den Zweck der Brille vereiteln, sondern auch das Auge wirklicher Gefahr aussetzen würde. Solche Fehler bemerkt man am leichtesten dadurch, daß man das Brillenglas einem Kerzenlicht gegenüber stellt und es in einer Entfernung, welche die ganze Fläche des Glases gleichmäßig erleuchtet, vor dem Auge hin und her bewegt. Auch Schmutzflecke be­einträchtigen die Deutlichkeit der wahrgenommenen Bilder ganz bedeutend, da das auf sie wirkende zerstreute Licht trübe Spectra erzeugt, die sich über die Bilder lagern. Die Brillen sollen deshalb während des Nichtgebrauches immer in passen­den Futteralen verwahrt werden. Zu ihrer Reinigung empfiehlt sich feines Linnenzeug. Rohleder hat zwar den Vorzug der Weichheit, doch wird es bei längerem Gebrauch leicht fettig und erfüllt dann nicht mehr seinen Zweck.

Als Material für die Brillenfaffung dient am besten mattpolirtes Metall, aber nicht das blendende Gold. Horn und Schildpatt sind zwar leichter, werfen sich aber gern und verändern so die Stellung der Gläser zum Auge. Und gerade diese ist von großer Bedeutung. Die Fassung muß nämlich die Gläser in der Weise fixiren, daß der Mittelpunkt jedes Glases genau dem Mittelpunkt der Hornhaut jedes Auges entspricht. Daher muß das Gestell die Gläser vor den Augen so befestigen, daß, wenn der Kranke gerade vor sich schaut, die Sehoxen seiner beiden Augen genau durch die Mittelpunkte beider Gläser gehen. Steht ein Glas zu hoch (zunächst dem Augenbrauenbogen) und das andere zu tief (zunächst der Wange), so sieht man zunächst doppelt,- nach einiger Zeit suchen sich allerdings die Augen durch gewaltsame Zusammenziehung der betreffenden Muskeln dem wider­natürlichen Zustand anzupassen, aber diese mächtige Spannung gereicht den Augen zum Nachtheil. Ferner sollen die Ge­stelle auch der Gesichtsbildung der Brillenbedürftigen ent­sprechen. Die Biegung und Gestalt des Nasenbügels muß je nach der Nasenform verschieden sein,- für die niedrigen Nasenrücken sind mehr geradli ige Bügel nöthig, für die hohen mehr nach oben gewölbte, und noch andere für die Nasen ä la Bourbon. Auch müssen im Gestell die Mittelpunkte beider Gläser genau dieselbe Entfernung von einander haben wie die Mittelpunkte der Augen. Welche üble Folgen die