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„O ja, ich habe einiges Talent," entgegnete er wohl- gesällig und warf einen Blick in den Spiegel. Aber das Beste war doch die Geschichte mit dem Kinde, das aus dem Fenster springt, was?"
Die letzten Spuren der anfänglichen Heiterkeit erloschen plötzlich in Fräulein Tietjens Gesicht, das drohend und finster wurde, als ziehe eine Gewitterwolke darüber hin.
„Als Du dies erlogene Kind umbrachtest, hast Du da nicht an ein anderes gedacht?"
„Sei still!"
„An Dein Kind, an unser Kind?"
„Sei still und geh'?"
„Ich gehe. Aber der Tag wird noch einmal kommen, au dem es zwischen uns Abrechnung giebt über diese Sache."
Er machte eine Bewegung, als wolle er sie zurückhalten, doch besann er sich und ließ sie schweigend hinausgehen. Er blieb allein, warf noch einen Blick auf den Spiegel und zündete sich eine neue Cigarre an.
Georg war auf fein Zimmer zurückgekommen, ohne zu wissen, wie; nun saß er dort, bis die frühe Dämmerung sich in Dunkelheit verwandelte und der Abend seinen schwarzen Mantel über die Erde breitete. Ohne Speise, ohne Licht saß der einsame Mann in dem finsteren, niedrigen Zimmer und grübelte vor sich hin, ohne einen Strahl von Hoffnung zu finden. Endlich duldete es ihn nicht länger in dem öden Gemach. Hut und Ueberzieher riß er vom Nagel und eilte hinaus. Auf dem Corridor des Vorderhauses, in der Nähe der Zimmer, in denen er die geliebte Frau vermuthete, ging er ganz leise auf den Zehen, als fürchtete er, sie durch seine Schritte herbeizurufen.
Auf der Straße wandte er sich seitwärts, unbelebten Gassen zu, die ihn rasch aus der Stadt hinaus auf den hohen Wall führten. Es hatte zu schneien aufgehört, aber der Schnee lag tief; einzelne Sterne kamen am gereinigten Himmel hervor. Hier auf dem Walle ging um diese Zeit kein Mensch, außer dem einen schmerzvollen Manne. Ganz langsam stieg er die Böschung hinan und ging an den Mauern der Gärten entlang, die zu der Irrenanstalt gehören. Dann immer weiter, der Biegung des Walles nach Süden folgend. Auf der Brücke, der Bischofsmühle gegenüber, blieb er einen Augenblick stehen, aber das Rauschen und Brausen des Wassers drang laut zu ihm empor, machte ihn schaudern und trieb ihn hinweg; nun wieder zum Wall an der anderen Seite der Stadt empor und unter den kahlen, schneebedeckten Bäumen dahin, bis er den Kehrwiederthurm links neben sich in der Tiefe erblickte. Er blieb aufs Neue nachsinnend stehen, und ein jähes Weh durchfuhr fein Herz, als er der schönen Sage gedachte, die ein verirrtes Mädchen durch den Klang der Glocken von diesem Thurm heimführen läßt aus Wildniß und Verderben. Für ihn gab es keine Heimkehr in sein bisheriges Leben! Keine Glocken gab es, die ihm freundlich und tröstlich den Weg zeigten, den er zu wandeln hatte, um Glück und Frieden wiederzufinden. Keine Hoffnung, keine Hilfe, keinen Ausweg aus dem furchtbaren Labyrinth!
Nachdem er noch eine Weile Planlos und ziellos umhergeirrt, überkam ihm eine angstvolle Sehnsucht nach Menschen und Licht. Er ging zur Union, der alten Paulinerkirche, die in seltsamer Verkehrung ihres Zweckes zum Restaurant geworden ist. Als er nun aber den gewölbten Raum betrat unb die Stimmen plaudernder, lachender Gäste vernahm, da flüchtete er sich doch vor ihnen in einen einsamen Winkel, wo Niemand ihn störte. Die Speisen, die er sich bringen ließ, berührte er kaum, ein Glas Bier stürzte er eilig hinunter, dann brach er wieder auf und begann mit ermattenden Knieen feine Wanderung aufs Neue, diese aussichtslose Flucht vor den eigenen Gedanken.
(Fortsetzung folgt.)
Unter den Trümmern von Pompeji.
Von Dr. Julius Pasig.
(Nachdruck verboten.)
Das tragische Geschick von Hereulanum und Pompeji ist genugsam bekannt. Beide Orte, wohlhabende friedliche Städte, unbelastet von dem Schwergewicht politischer Sorgen, an den herrlichen Ufern des Golfes von Neapel, in der Landschaft des glücklichen Campanien, am Fuße des damals bis an seinen Gipfel mit fruchtreichen Feldern angebauten Bergkegels des Vesuv wurden urplötzlich von dem vulkanischen Ausbrüchen dieses Berges verschüttet. Die Katastrophe war am 24. August des Jahres 79 n. Ehr. erfolgt, als eben die schau- und vergnügungslustige Menge ahnungslos im Amphitheater Pompejis versammelt war. Dunkle Nacht, nur von zuckenden vulkanischen Blitzen grauenvoll erleuchtet, verhüllten den ganzen Horizont der Gegend, über welche das Verderben unwiderstehlich hereinbrach. Und als nach drei laugen, bangen Tagen die Sonne die Aschen- und Rauchwolken endlich durchbrochen, waren die Reste des früher im Bürgerkriege halbzerstörten Stabiä, die blühenden Städte Hereulanum und Pompeji und die umliegenden Orte Öplontis unb Teglana vom Erbboben verschwunben, versenkt unb verschüttet in bas bunkle Grab für mehr als achtzehn Jahrhunberte.
Der römische Kaiser Titus hatte den Plan, die zerstörten Städte wieder Herstellen zu lassen; er war nur vorübergehend und ohne Erfolg. Hereulanum ist nämlich ungleich tieser verschüttet als Pompeji, es ist fast ganz von einem mächtigen. Lavastrom übeifluthet, der zu einer fetfenfeftea Rinde erstarrt unb auf dem zum größten Theile die heutige Stadt Resina erbaut ist. Pompejis Schicksal war allerdings ein günstigeres, ba es nicht von harten Lavaströmen, fonbern von leichten, lockeren Massen vulkanischer Asche, von Bimsstein, überschüttet war; boch hatten bie an Hereulanum gemachten Erfahrungen auch hier von Versuchen abgeschreckt, unb so gerieth denn alles, was ber Boben unb bie balb auf bemselben wnchernbe Vegetation beckte, in völlige Vergessenheit.
Dieser Vergessenheit würbe bie Tobtenstadt erst von der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis zur Mitte bes unsrigen allmählich entrissen; im Jahre 1748 regte sie sich, gleichsam zuerst im Schlafe unter bent Tritte von Bauern, bie beim Brunnengraben auf ihre Trümmer stießen; bann kamen bie Zeiten von Murat, welcher bas verschüttete Pompeji weckte, ein Bonaparte des alten Aegypten. Eins nach dem andern unb im Verlaufe ber Jahre traten nun Privathäuser, bas ganze Herz ber Stabt, das Forum civile (Marktplatz) mit allen umliegenden Gebäuden unb Villen, ber größte Th eil ber Stabtmauer, bie ganze lange sogenannte Gräberstraße, es trat mit einem Worte bas alte Pompeji, wie es einst gewesen, in seinen Trümmern wieber zu Tage.
Jetzt liegt es wieber offen unter bem freunblichen Lichte des eampanischen Himmels, ber ihm einst gelächelt. Wir können, bie leichte Luft bes Lebens athmenb, durch seine Straßen wandern, in seine Häuser eintreten unb seine Monumente im Strahle ber glänzenben Sonne betrachten, die Leben unb Freube weckend, die Gedanken an Tob unb Zerstörung aus unsrer Seele verscheucht. Hereulanum ist eine bunkle Gruft, in ber ein ganzes Geschlecht begraben liegt, Pompeji gleicht einet Stadt, die nach einer Feuersbrunst von den Bewohnern verlassen ist.
Freilich sind die Gebäude zum größten Theile nur Trümmer; die Tempel, die schönen weiten Säulenhallen, welche die öffentlichen Plätze umgaben, sind unter ber Last ber verschüttenben Massen zusammengebrochen, bie oberen, meist hölzernen Stockwerke von ber Hitze bes glühenden vulkanischen Auswurfes verzehrt, aber dennoch giebt es keine anderen Ruinen, welche so gut erhalten wären, wie diese. Außerdem fand man in ihnen eine solche Menge ber beweglichen Reste bes Lebens, bas in ihnen lebte, wie an keinem andren Orte der W.lt. Des Erhaltenen ist so viel, daß es


