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Georg blickte empor.Also weißt Du?" fragte er.

Mein Gott, ich kann doch sehen! Du hast Dich ver­liebt in unsere interessante Frau Henninger, hast ihr vielleicht schon von Liebe gesprochen, und nun erfährst Du, daß fie eine Sünde begehen und einen Eid brechen müßte, wenn sie Dich heirathen wollte."

Auch das weißt Du?"

Es ist kein Kunststück, zu wissell, was die ganze Stadt weiß. Wir Aelteren wenigstens, die schon ein paar Jahre länger darin sind, als Du. Die Geschichte hat coloffales Aufsehen gemacht, damals. Jetzt ist eilt wenig Gras darüber gewachsen, aber wenn irgend ein Zufall so eine scheintodte Sache wieder aufweckt, ist sie lebendiger als je. Das weiß man ja aus Erfahrung. Man muß also ver­meiden, sie zu wecken."

Ich sage mir das Alles, habe es mir in dieser Nacht hundert Mal gesagt, aber ich liebe diese Frau!"

Armer Kerl! Ist die Geschichte wirklich so ernst? Du, das thut mir furchtbar leid, wahrhaftig! Und Vorwürfe muß ich mir nun auch machen, daß ich nicht eher dazwischen gekommen bin. Es ist 'ne verteufelte Sache um ein zu weiches Herz! Im Uebrigen bin ich ja so ziemlich abgebrüht, Du lieber Gott, ein Arzt! Aber Dir gegenüber, mein lieber Georg, da geht das Gefühl mir immer mit dem Ver stände durch. Wenn ich Dir etwas versagen muß, Dir von irgend einer Sache abrathen, die Du zu Deinem Glücke für nöthig hältst, da sehe ich Dich immer vor mir, wie Du als vierzehnjähriger Junge zu mir gebracht wurdest, als Deine Eltern so rasch nach einander gestorben waren. Die gute Therese, Du wärest ja ihr ganzes Glück gewesen."

Er hielt einen Augenblick inne, als überwältige ihn die Rührung- dann spülte er die Thränen in seiner Kehle mit einem Schluck Sherry hinunter.

Na, wir wollen uns nicht weich machen," fuhr er fort. Wir haben heute die Stärke nöthig, Du besonders, mein armer Junge. Denn wo Du die Verhältnisse nun kennst, wirst Du Dir ja schon selbst gesagt haben, daß an eine Heirath zwischen Dir und Frau Henninger nicht zu denken ist."

Ist es denn wahr?" Wie ein Schrei der Verzweiflung kamen die Worte von Georgs Munde.

Ob was wahr ist? Die Geschichte mit dem Eid? Selbstverständlich. Ich würde vielleicht daran zweifeln, wenn ich nichts weiter davon wüßte, als das Gerede in der Stadt. Aber ich habe es von ihm selbst. Jawohl, von ihm selbst. Er lebte noch ein paar Tage, nachdem er ihr den Eid abge­nommen hatte. In dieser Zwischenzeit habe ich ihn besucht, wie ich es als Hausgenosse öfter tyat. Ich war nicht sein Arzt, aber wir waren befreundet, recht innig befreundet, kann ich wohl sagen. Und da erzählte er mir das Alles. Damals wunderte ich mich, daß er den Verdacht aussprach, sie könnte ihren Schwur vielleicht einmal brechen. Dann sollte ich, na, lassen wir das ruhen. Aber jetzt sehe ich, daß er in der Beurtheilung ihres Characters recht hatte. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß sie den Eid jetzt überhaupt ableugnen wird."

Das wird sie nicht thun, wenn sie ihn wirklich ge­schworen hat. Sie ist eine wahre, ehrliche Natur!"

Na ja, bis zu gewissen Grenzen. Aber die Frauen­zimmer, ich kenne mehr von der Sorte als Du. Und Frau Henninger hat, was man mit höflicher Umschreibung einen starken Geist nennt. Die setzt sich über Manches hin­weg. Aber wir brauchen uns," fügte er auf eine abwehrende Bewegung seines Neffen hinzu,ja gar nicht die Köpfe darüber zu zerbrechen, was sie thun oder nicht thun würde- es handelt sich nur darum, was Du selber zu thun hast. Und ich meine, das ist klar."

Ich weiß es, ich sühle es," stöhnte Georg,und doch suche ich immer wieder nach einem anderen Ausweg."

Die Sache ist leider sehr einfach. Eine Heirath ist absolut ausgeschlossen, Du hast als Ehrenmann also die Pflicht, in Deinem und in ihrem Interesse Dich von ihr zurückzuziehen.

Sieh, Georg, es thut mir weh, Dir das sagen zu müssen aber ich kenne Dein zartes Empfinden, Dein stark ausge­bildetes Moralgefühl. Es giebt für Dich nur diese eine Möglichkeit. Und ich weiß auch," er senkte die Stimme ge- heimnißvoll, indem er diese Worte sprach,daß der Himmel Dich strafen würde, wenn Du seine Gesetze miß­achtetest."

Georg nickte nur zur Antwort, zu reden vermochte er nicht. Der Doctor aber ergriff seine Hand, und indem er sie leise streichelte, sagte er:Ich mache sonst nicht viel Aufhebens von meiner Religion und spreche nicht ost von den Dingen, die uns Allen die heiligsten sein sollen. Aber ich habe meinen Gott und habe meine Religion und ich weiß, daß dieser Gott schon auf Erden die Sünde und den Wort- bruch bestraft. Ich selbst habe es erfahren."

Er ließ die Hand los, die er gehalten hatte, und stand auf, als treibe eine mächtige Erregung ihn von seinem Sitz empor.Du hast mich einmal gefragt, warum ich nicht ge= heirathet habe. Damals habe ich Dir nicht geantwortet, heute will ich es Dir sagen- denn mein Schicksal hat große Aehnlichkeit mit Deinem. Auch ich liebte eine Frau, eine Wittwe, und wurde von ihr wieder geliebt. Kein heiliges Versprechen an ihren Gatten stand zwischen uns, aber sie hatte ihm oft gesagt, daß sie niemals einen Anderen nach ihm würde lieben können. Auch das hat dem Himmel als ein Versprechen gegolten. Es war ein Mädchen da aus der ersten Ehe, ein dreizehnjähriges, früh entwickeltes Kind, dos mit leidenschaftlicher Liebe an der Mutter hing und mich mit wüthender Eifersucht verfolgte. Wir achteten nicht darauf in unserer Verblendung - aber eines Tages, als wir im Garten neben dem Hause saßen, jene Frau und ich, und von unserer Liebe sprachen, da belauschte uns das Kind von einem Fenster des Hauses aus und da"

Er machte eine Pause und starrte vor sich hin, als sähe er eine Erscheinung. Dann fuhr er noch leiser fort: Da stürzte das Kind sich von oben herab auf den Kies des Gartens und blieb zerschmettert liegen, wenige Schritte von uns entfernt. Ich habe die Frau niemals wieder ge­sehen. Eine Todte steht zwischen uns, wie ein Todter zwischen Dir und dieser anderen Frau."

Georg antwortete nicht- mühsam stand er aus mit bleichem, zuckendem Gesicht und ging langsam zur Thür.

Wo willst Du hin?"

Ich weiß nicht. Irgend wohin. Es ist ja gleich." Aber an der Thür blieb er noch einmal stehen und wandte sich um.Das Eine sag' mir noch: ist auch da» Andere wahr, was man sich erzählt?"

Welches Andere?"

Daß er, der Todte, gedroht hat, mit etwas Schreck­lichem"

Du meinst, daß er gedroht hat, zurückzukommen, wenn das Gelübde verletzt würde? Mein Gott, es war ja Thor- heit, halbe Fieberphantasie vielleicht, aber wahr ist auch das."

Auch das!" Georg schauderte zusammen- dann ging er langsam, mit den tastenden Schritten eines Nachtwandelnden aus dem Zimmer.

Als der Doctor allein war, dehnte er sich und reckte behaglich die Arme, als habe er eine schwere Arbeit hinter sich, mit deren Ausführung er zufrieden sei - dann stürzte er den Rest des Weines hinunter, der in dem Glase geblieben war.

Ein ganz leises, gedämpftes Lachen ließ ihn zur Thur des Nebenzimmers hinüberblicken. Geräuschlos hatte sich die Portisre getheilt, und Fräulein Tietjens war hereingetreten. Er lachte gleichfalls, nur lauter und herzlicher, als er sie sah

Hast Du gehört?" fragte er.

Das meiste," gab sie zur Antwort,ich kam gerade zur rechten Zeit."

Habe ich meine Sache nicht gut gemacht?"

Daß Du ein Schurke bist, weiß ich lauge," gab Pe ruhig zur Antwort,den Schauspieler in Dir habe ich 9clIte bewundert."