voll, unerreichbar und zauberhaft, die Träume, welche eines Dichters Phantasie in die Wolken malt!"
Sie hatte schnell und lebhaft gesprochen, sie fühlte, daß sein Blick unverwandt an ihrem Antlitz hing und darum sprach sie immer weiter, um einer gewissen Verlegenheit Herr zu werden. Noch hatte sie außer dem ersten schnellen Blick keine Gelegenheit gefunden, sein Antlitz genau zu sehen, jetzt blieb er plötzlich stehen und wandte sich, um rheinab zu schauen.
„Alles Ungewohnte übt einen besonderen Reiz auf den Beschauer," sagte er ernst. „Und wenn die stille, verschneite Wintereinsamkeit Sie entzückt, so beweist es mir, daß Sie dazu verurtheilt sind, Ihr Leben in großen Städten in rauschender, wechselvoller Geselligkeit zu verbringen. Bei mir ist es umgekehrt der Fall, ich komme aus dem Gebirge, wo monatelang die Krähen am Himmel meine einzige Gesellschaft waren. Ich habe gelitten unter der trostlosen Stille und Verlassenheit, unter den Gefängnißmauern von Eis und Schnee, welche mich umgaben! Nun muthet mich dieses frische, pulsirende, glückselige Getreide hier an, wie einen Menschen, welcher neugeboren in die Welt tritt und mit vollen Zügen ihren Lebens- und Liebesodem einathmet!"
Und er athmete auch tief — tief auf, als er sprach, und zog den Hut vom Kopf und strich die Haare aus der heißen Stirn.
Pia sah ihn cm; welch ein interessantes, einnehmendes Gesicht! Vornehm edle Züge, — ernst, ruhig, wettergebräunt wie das Profil einer antiken Broncestatue.
Ein Zug herber Energie lag um die Lippen, welche von dunklem Schnurrbart beschattet wurden. DasJagdcivil hob die kraftvoll elastische Gestalt, welche trotz der anspruchslosen Kleidung einen so distinguirten und eleganten Eindruck machte, als sei ihr Träger gewohnt, tm Tressenkleid und Ordensband über das Parkett zu schreiten, nicht aber als Einsiedler in weltfernen Bergen zu hausen.
Mit einem Interesse, welches ihr sonst den Herren gegenüber fremd war, blickte Pia zu ihm auf. „Leben Sie denn ganz allein im Wald?" fragte sie, weil ihr keine bessere Antwort einfallen wollte. Er drückte den weichen Filzhut wieder in die Stirn und schritt an ihrer Seite weiter.
„Ganz allein, — wenn Sie mein Forstpersonal und eine alte Wirthschafterin abrechnen."
„Liegt denn keine Stadt in der Nähe, welche Ihnen zeitweite Abwechselung bieten könnte?"
„Das wohl, aber dieselbe ist oft monatelang unerreichbar für mich; wenn wir in den hohen Bergen eingeschneit sind, leben wir unter ähnlichen Verhältnissen, wie einst Robinson aus seiner Insel, ihn trennte das Weltmeer von der Heimath, uns der Schnee und sein Wasser. Solche Zustände können Sie sich gewiß gar nicht vorstellen, mein gnädiges Fräulein, Sie leben stets in großen Städten?"
„Ja, das Landleben ist mir völlig fremd."
Eine kleine Pause entstand und sein Blick hing wie in fragender Erwartung an ihren Lippen, wohl in der Hoffnung, daß auch sie ein wenig von daheim erzählen werde.
Feines Roth stieg abermals in die Wangen des jungen Mädchens. Sie wandte den Kopf und blickte zurück.
„Wie weit sie immer noch entfernt sind; sicherlich wollen ihre Esel durch Saumseligkeit wieder gut machen, was der meine an Voreiligkeit sündigte!"
„Sie reisen mit Ihren Eltern?" fragte er, ebenfalls dem fernen Reiterpärchen entgegenfchauend.
Pia zögerte mit der Antwort; die kleine Comödie, welche man ihr zumuthete, fiel ihr so schwer. Unnöthige Lügen wollte sie keinesfalls sagen: „Ich stehe unter dem Schutz pnJeI und Tante, die Reiterin, welche Sie dort sehen, Iebo$ Souftne, deren Mutter im Wagen nachfolgen totrb'r^le s® elne tie6t e§ sehr, mich Schwester zu nennen, um sich dadurch einen heißen Wunsch in der Einbildung wenigstens zu erfüllen. Sie hat leider nie Geschwister besessen und wird von den Eltern in weitgehendster Weise ver
wöhnt; auf ihren Wunsch mußten wir diese fatale Eselpartie unternehmen und unser behagliches Stillleben auf dem Dampfschiff unterbrechen."
Er lächelte und sah die Sprecherin mit seltsamem Blicke an.
„So bin ich dem kleinem Fräulein zu besonderem Dank verpflichtet, denn ohne den treuen Hans würde ich wohl nicht' die Freude gehabt haben, Sie kennen zu lernen!"
„Die Freude würde wohl eine sehr getheilte sein. Sie kommen um meinetwillen nur sehr langsam vom Fleck!"
„Ich habe nichts zu versäumen und sagte Ihnen bereits, gnädiges Fräulein, daß ich armer Einfiedler für jede Minute welche ich in so liebenswürdiger Gesellschaft verleben dar/ dankbar bin!"
„Es wäre doch wohl besser, ich kehrte um und ginge den Memen entgegen! Hans kommt wohl in Begleitung seiner Grethe sicher in Rüdesheim an!"
Der Assessor blieb abermals stehen und faltete mit düsterem Blick die Brauen an. „Ihr Wille ist Befehl!" antwortete er resignirt. „So waren diese Minuten der Freude gar kurz und gezählt!"
„Aber, Fräuleinchen, warum wollen Sie sich denn so müd machen und zu Fuß laufen!" mischte sich der Eseltreiber in das Gespräch, — „in zehn Minuten sind die anderen Herrschaften bei uns und dann können Sie allesammt bequem im Sattel sitzen!"
Pia nickte. „Sie haben recht, — also zählen wir die Minuten weiter, Herr."
Sein Blick leuchtete auf, — unwillkürlich schritt er schneller aus, als wolle er die Entfernung zwischen dort und hier vergrößern, anstatt verringern.
„Werden Sie in Rüdesheim bleiben, gnädiges Fräulein?"
„Wohl nur heute Nacht, um morgen in Bequemlichkeit die Partie nach dem Niederwald machen zu können. Wir verschmähen die Bergbahn und hoffen mehr Genuß von einer Wagenpartie zu haben, welche in Aßmannshausen endigen soll."
„Just so lautet auch mein Plan, — nur mit dem Unterschied, daß ich die Tour zu Fuß machen wollte! Sie ist ja nicht im Mindesten anstrengend und würde auch Ihnen sicherlich zusagen!"
„Ohne Zweifel! ich wandere außerordentlich gern durch Gottes schöne Welt! Fränzchen und Onkel würden wohl auch meiner Ansicht sein, aber die arme Tante ist sehr schlecht zu Fuß und gezwungen, Wagen oder Reitthier zu benutzen. Werden Sie längeren Aufenthalt in Aßmannshausen nehmen? das dortige Kurhaus soll eine der herrlichsten Sommerfrischen sein, welche man aufsuchen kann!"
Er schüttelte langsam den Kopf: „Dazu fehlt mir die Zeit! Ich habe mir vorgenommen, gar viel Schönes zu sehen, wollte, wenn irgend möglich, noch einen Abstecher nach der Mosel machen und vielleicht auch Ems ansehen, - der Urlaub aber ist nicht allzulang bemeffen, und da heißt es, rüstig ausschreiten, um Alles genießen und ausnutzen zu können!"
Ein paar Landleute kamen singend des Weges daher.
„Und die Welt so offen — und das Herz so weitl Ach wie wunderschön ist die Frühlingszeit!« —
„Ja, wie wunderschön ist sie, die Jugend- und die Frühlingszeit!" athmete der Assessor tief auf, und sein Blick schweifte wie trunken über Strom und Gelände und haftete an dem wallenden Blondhaare seiner Nachbarin, welches der Wind leicht und duftig wie einen goldenen Schleier hob. „Singen Sie auch?" fragte er plötzlich. Sie schüttelte sehr energisch das Köpfchen: „Nur dann, wenn es mir danach zu Sinne ist! Ich bedarf einer besonderen Stimmung zum Singen."
„Und ist die glückselig jubelnde Lenzesstimmung nicht da? liegt sie nicht zauberhaft in der Luft und lockt die Lieder über die Lippe?"
Sie lächelte: „Diese Stimmung — so sehr sie mich


