Der Majoratsherr.
Roman von Nataly v. Eschstruth.
(Fortsetzung.)
Erwartete er auch ihren Namen zu hören? Der Hals war ihr wie zugeschnürt, — Lilian Luxor — wollte nicht über ihre Lippen. Der Assessor trat an ihre Seite und Beide schritten langsam aus.
„Ein Eselsritt gehört meiner Ansicht nach nie zu den Annehmlichkeiten —" begann er die Unterhaltung, „und ein Galopp auf solchem Renner muß geradezu fürchterlich sein! Ich bedauere lebhaft, daß ich Ihnen keinen Wagen zur Verfügung stellen kann! Sie sind gewiß auf's Höchste ermüdet!"
„Das schließen Sie nach meinem desolaten Aeußeren?" lächelte sie, hastig nach ihren Haaren fassend, mit dem Versuch, sie wieder aufzunesteln; sie hatte gesehen, wie sein Blicks während er zu ihr sprach, wie gebannt an der gelösten, goldschimmernden Pracht hing; „ich kann mich in dieser Verfassung gar nicht in anständiger Gesellschaft sehen lassen, und doch weiß ich nicht, wie ich dem Schaden abhelfen soll, da ich zu meinem Schreien sehe, daß ich sämmtliche Nadeln verloren habe!"
1897.
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Zum Todtenfest!
’wMgarutn es so viel Leiden, So kurzes Glück nur gießt? Warum denn immer scheiden, Wo wir so sehr geliebt?
So manches Äug' gebrochen. Und mancher Mund nun stumm,
Der erst noch hold gesprochen — Du armes Herz, warum?
„Daß nicht vergessen werde, Was man so gern vergißt: Daß diese arme Erde Nicht uns're Heimath ist l"
Wer im Gedächtnis; seiner Lieben lebt, Ist ja nicht tobt, er ist nur fern;
Todt ist nur, wer vergessen wird.
Ihr Begleiter nickte mechanisch vor sich hin.
„Wie freundlich von dem Schicksal, daß es Ihnen diese kleinen Verbündeten raubte! Wie schön ist dieses lange, offene Frauenhaar, und wie selten wird uns die Freude seines Anblickes! Ich versichere Sie, daß Ihre Frisur für Jedermann nur erquicklich sein kann!" — Er sprach sehr ruhig, ohne im Mindesten zu markiren, daß er ihr eine Eloge sagen wollte. Dann fuhr er unvermittelt fort: „Sie stehen gleich mir im Begriff, eine Rheinreise zu machen?"
„Wir haben dieselbe heute in Kastell begonnen!"
„Und Sie sehen den herrlichsten und königlichsten aller Ströme auch zum ersten Mal?"
Sie schüttelte verneinend, ohne ihn anzusehen, den Kopf. „Ich kenne den Rhein zu allen Jahreszeiten, allerdings nur von dem Schiff oder dem Eisenbahncoups aus,- ihn aber gründlich zu Fuß oder zu Esel zu studiren, beabsichtigen wir jetzt zum ersten Male."
„Und wann gefiel er Ihnen bisher am besten?"
Sie sah mit sinnendem Blick an ihm vorüber, in die maienhelle, jubelnde, farbenbunte Pracht der Landschaft hinaus.
„Das ist schwer zu sagen, weil alle Schönheit nur Geschmacksache ist! Ich für meine Person werde dem Winter stets den Vorzug geben."
„Ah — tatsächlich? Sie überraschen mich. Ich bildete mir ein, gerade das frische Blühen, Leben und Treiben gäbe dem Rhein und seiner Umgebung das characteristische Gepräge! Ehrlich gestanden, kann ich mir dieses reizende Bild kaum unter starrendem Eis und Schnee vorstellen!"
„Und dennoch hat es mich entzückt. Die wunderbar feierliche Ruhe gestaltet Alles, was jetzt nur lieblich erscheint, im Winter geradezu majestätisch. Das, was am Rheinufer einzig häßlich ist, die unbelaubten Rebengelände mit ihren unpoetisch starrenden Spalieren und Stäben, welche den Bergen im Frühling und Spätherbst das Aussehen von Stachelschweinen geben" — er lachte leise auf — „die hüllen sich im Winter in schimmernde Schneedecken und thun dem Auge nicht mehr weh durch die practischen Gebilde von Menschenhand! Der Fluß selber wogt in gewaltiger Schöne still und einsam dahin, oder er gleicht einem schimmernden Spiegel von fleckenlosem Krystall — oder bietet gar das unbeschreiblich großartige Schauspiel eines Eisganges, dieser unvergleichlichen Illustration aller wild entfesselten Leidenschaft! und darüber thronen wie funkelnde Märchengebilde die Ruinen und Schlösser, — weiß in weiß — geheimniß-


