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Im V-Zug.
Von Willy Weber.
------- (Nachdruck verboten.)
Drei Jahre lang amtirte er schon als Assessor beim Amtsgericht in der kleinen Stadt Masurens, aber noch immer hatte er keine Italien Reffe unternommen. Und die gehörte doch zu den Attributen seiner Würde! In diesem Sommer war die Reise unmöglich mehr aufzuschieben und dann galt's in der Hauptsache doch nur die Fahrt nach Berlin. Die war ebenso zeitraubend wie langweilig, aber dann — Blitzzug Berlin—Rom und damit war die Sache gemacht.
Felix von Winterfeldt ließ also seinen Koffer packen. In Berlin verbrachte er einen sehr vergnügten Tag und eine sehr vergnügte Nacht, 's ist doch ein tolles Leben und Treiben in diesem Spree Babel, — als er Morgens aufwachte, suchte er mühselig seine Gedanken zusammen, aber es gelang ihm nicht, zu ergründen, welchen Localen er wohl s inen werthen Besuch abgcstattet hatte. Viele waren's un bedingt gewesen, in einem war wohl auch getanzt worden, dann hatte er irgendwo noch einen „Schwarzen" getrunken.
Er fuhr in einer gewiffen Katerstimmung nach dem Bahnhof. Gerade um 12 Uhr Mittags kam er an, er halte noch 20 Minuten Zeit, da besorgte er sich einen Eckplatz, kaufte einige Reiselectüre und machte sich's im Wagenabtheil so bequem wie möglich. Ec war ja der einzige Fahrgast in demselben, und im letzten Augenblick würde sicher Niemand mehr kommen. Mit dem kleinen Katerchen wollte er sehr bald fertig werden) ein solides Frühstück im Speisewagen, das genügte! Und außerdem rasselte er ja gleich durch, ec konnte also ausschlafen/ bis Rom hatte er gerade 47 Stunden Bett
Der Zugführer mit dem rothen Bandelier stand gerade vor seinem Wagenfenster. Der sah nach dem rothbemützten Stationsvorsteher und dieser nach der Bahnhofsuhr. Langsam hob der Zugführer die Hand und setzte die Signalpfeife an die Lippen. „Na nu mal los," brummte der Assessor, „ich möchte gefälligst bald in Rom sein." Plötzlich ließ der Zugführer die Signalpfeife wieder fallen. „Hier herein, schnell, in der nächsten Secunde fahren wir ab," rief der Schaffner und leitete eilfertigst zwei Damen in das Abtheil, in welchem der Assessor saß. Die Lignalpfeise schrillte zweimal auf, ein durchdringender Pfiff der Locomotive und der Zug rollte aus der Halle.
Der Herr Assessor raffte eilfertig Bücher und Zeitungen, die er aus dem Sitze neben sich ausgebreitet hatte, zusammen und dann traten die Damen auch schon herein. Die eine schlank, beinahe hager, mit hochblonder Frisur, weißem, zartem Teint, — oho, — sollte etwa etwas Puder nach- geholfen haben? . . . Die andere klein, untersetzt, schwarzes Haar, rothe Backen ä la Landpomeranze. Das Gepäck mußten die Damen schon vorher aufgegeben haben, — wahrscheinlich durch ein Reisebureau, — denn die Blonde führte nur eine Handtasche mit sich und die Schwarze hatte lediglich ein Reisetäschchen über die Schulter hängen.
Ein achtungsvoller Gruß seinerseits, — eine kühle Verbeugung der Blonden, ein Knix der Schwarzen, der sie sofort in die Polster schleuderte . . . ein solcher Blitzzug zerstört das Gleichgewicht aller Menschen.
Durch die sandreiche märkische Ebene mit ihrem dürftigen Tannenbestand raste der Train. Der Assessor blickte rechts, . . . niederer Baumwuchs, Wiesen, Kornfelder, — er blickte links, ... die Blonde hatte aus ihrer Tasche schon ein belegtes Bcödchen genommen und aß lustig drauf los. Die Schwarze nahm — ach, das war seltsam — aus einer Tasche ihres Kleides ein Fläschchen heraus mit einer sehr hellen, fast weißen Flüssigkeit. Diese Damen schienen bedeutend Hunger und Durst zu haben. Na, natürlich, — wenn man von drüben rüber ... Der Herr Assessor versank in tiefes
Nachdenken — eine Beschäftigung, bei der er sich noch nie ertappt hatte. So also begann seine Rom-Reise! Sein Gegenüber war sicher eine „englische Miß" oder nein, das war eine „Missis", — vielleicht etwas Amerikanisches sogar, denn so tornisterblond sahen selbst Engländerinnen nicht qu§' Und die Schwarze? Nun, das war ihre Zofe, es mag jä Amerikanerinnen geben, die ganz allein reisen, aber sein Gegenüber war eben noch nicht so emanzipirt, sondern nahm sich als Schutzdame die schwarze Donna mit. So eine amerikanische Erbin, — etwa die Tochter Vanderbilts oder Goülds, die Millionen nur so aus der Erde stampfen können,--■
hm, der Herr Assessor Felix von Winterfeldt beschloß, den angenehmen Schwerenöther zu spielen. Das Wörtlein „von" hat auf die Amerikanerinnen von jeher einen tieferen Eindruck gemacht und es gab Exempel von Beispielen . . .
Da wurde die Thür des Wagenabtheiles geöffnet und der Beamte erschien, um die Platzgebühr zu erheben. Die Blonde machte eine Gebärde des Schreckens und die Schwarze warf ihm einen flehenden Blick zu, den er sofort verstand.
„Gnädiges Fräulein haben wahrscheinlich kein kleines Geld bei sich?" fragte er höflich. „Würden Sie gestatten, daß ich für die Damen auslege?"
»Yes,“ antwortete die Blonde mit reizender Naivität.
Der Assessor zahlte, — er hatte sich nicht getäuscht, es waren zwei Engländerinnen. Nun stellte er sich vor.
„Mary—annason," kam die Antwort so schnell zurück, daß er nicht verstehen konnte, ob das Janson oder Hanson oder wie immer heißen sollte. Das that aber nichts, er würde den Namen schon erfahren, vielleicht war an einem der Reisekörbe die Visitenkarte befestigt, und wenn er den Damen an der Grenzstation bei der Zollrevision behilflich sein würde, konnte er ja einen discreten Blick darauf werfen. Vorläufig aber hieß es, das Gespräch in Fluß zu erhalten.
„Wenn wir erst aus Preußen heraus sein werden, wird die Landschaft reizvoller," tröstete er die Damen, die sich auf ihren Sitzen nicht gerade behaglich zu fühlen schienen. „Benutzen gnädiges Fräulein den Train auch bis Rom?"
„No,“ erklärte die Blonde und schlug die Augen zu Boden. Die Schwarze verließ eilig das Coupö und dem Assessor kam es so vor, als ob sie sich draußen in dem Gange mit dem Fläschchen wiederum beschäftigte. Das Kammerkätzchen schien großen Durst zu haben, ihre Herrin wahrscheinlich Hunger, — wenn er sich nun ein Herz nähme und . . . (Schluß folgt.)
Literarisches.
Als siebenter Band des sechsten Jahrgangs der Verösfentlichungen des „Vereins der Bücherfreunde, Berlin" erschien soeben: »EtylVN* von Professor Dr. Emil Schmidt (Leipzig). — 21 Bogen- 39 ganz- eitige Bilder und eine Karte. Preis: geheftet Mk. 5.—, geb. Mk. 6.—. — So viele Reiseschilderungen auch die herrliche Tropen-Schönheit Ceylons preisen, so beschränken sie sich doch alle auf den Südwesten des Perlen- und Zimmt-Eilandes; wie die von dem Weltverkehr weiter entfernten Theile der Insel beschaffen sind, darüber erfahren wir aus den bisherigen Reiseberichten so gut wie gar nichts. Der Verfasser des vorliegenden Buches gießt in der Beschreibung einer quer durch die ganze Insel von West nach Ost ausgeführten Reise ein vollständigeres Bild von der Natur jenes Tropenlandes, er zeigt uns nicht nur das durch die Gunst des Klimas in reichster Pflanzenpracht prangende südwestliche Unterland und die ernste, große Natur des Hochlandes, sondern er führt uns durch die heißen, trockenen Gebiete jenseits der Berge, in denen Pflanze, Thier und Mensch einen harten Kampf um's Dasein kämpfen. Der zweite Abschnitt des Buches behandelt die Geschichte Ceylons, die uns durch die Chroniken buddhistischer Klöster in lückenloser Folge mehr als zwei Jahrtausende weit erschlossen ist, dann zeigt es uns die Bewohner der Insel, die sich aus Singhalesen, Tamilen und Weddas zusammensetzen, es bespricht die körperlichen Eigenschaften der drei Völkerstämme, ihre Lebensweise, technischen Leistungen und socialen Verhältnisse. Das letzte Kapitel giebt dann noch eine Darstellung der verschiedenen religiösen Bekenntnisse, des drawidischen Dämonenglaubens, des Hinduisthen polytheistischen Systems und des Buddhismus, zu dem ich die Singhalesen in überwiegender Mehrzahl bekennen. — Weitere Auskunft über den „Verein der Bücherfreunde" ertheilt jede Buchhandlung, sowie die Geschäftsleitung Schall u. Grund, Bayerische Hofbuchhändler, Berlin W. 62, Kurfürstenstraße 128.
Redaction: 8L Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.


