Ausgabe 
20.7.1897
 
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ich von meinem Stuhl auf.Es ist Nau! Es ist Nau!" war der Ruf, der sich mir aus der Seele auf die Lippen drängte und sich jedenfalls laut geäußert hätte, wenn Mercy Poole nicht in diesem Augenblick in das Zimmer getreten wäre.

Das dunkle Gesicht der Wirthin nahm beim Anblick des Mädchens am Fenster einen freudigen Ausdruck an. Kommen Sie herein, Ethel Greylock," sagte sie mit mehr warmem Gefühl in ihrer Stimme, als rch während meines Hierseins je an ihr wahrgenommen hatte-frühstücken Sie mit einer freudenlosen Jungfer, der Ihr Gesicht stets wie ein Sonnenlicht erscheint!"

Greylock also? Ja, das war der Name der Schönen, die Vandine liebte.

Die strahlende Erscheinung vor dem Fenster schüttelte den Kopf.Nein, ich danke Ihnen- Großpapa wird immer ärgerlich, wenn ich nicht bei Tisch erscheine."

Und was macht der englische Lord?" fuhr Mercy Poole trocken fort. Der wird wohl auch ärgerlich, wenn er Sie nicht bei Tisch erblickt? Sie haben den Männerherzen iibel mitgespielt, seit Sie nach Blackport zurückkehrten. Docior Vandine wird untröstlich sein, wenn Sie mit Gervase abreisen."

Die junge Dame warf einen raschen und, wie mir schien, erschrockenen Blick über ihre Schulter nach dem Plakat. Ich werde nie mit Sir Gervase abreisen," antwortete sie mit leiser Stimme - Sie müssen dem Stadtklatsch keinen Glauben schenken, Miß Poole."

Oh der Seelenqual, mit der die Entdeckung, die ich gemacht hatte, mich erfüllte! Die alte Narbe an meiner Stirne ein bleibendes Zeichen der Hufe, die über mich hintrampelten, als ich meiner verlorenen Schwester nachzu­eilen suchte begann auf's Neue wie Feuer zu brennen. Mein Herz pochte gewaltig. Es war Nan, die Vandine liebte es war Nan, die schön und vornehm wie eine Fürstin da draußen auf dem prächtigen Pferde saß es war Nan, die mit dem kalten, gleichgültigen Blick einer Fremden, eines Wesens höherer Art, auf das arme Näh­mädchen des Gasthofs niederschaute.

Mercy Poole war die erste, die etwas Ungewohntes in meinem Gesichte wahrnahm.Sie sehen so blaß aus," sagte sie theilnehmend, indem sie ihre sehnige Hand auf meine Schulter legte.Sie sind zu früh aufgestanden, armes Kind. Gehen Sie in die Küche und frühstücken Sie tüchtig, ehe Sie weiter arbeiten."

Kein Wunder, daß ich blaß geworden war. Das offene Fenster, die Gestalten des Pferdes und der Reiterin schwammen mir vor den Augen. Ohne ein Wort zu sprechen, legte ich meine Arbeit nieder und entfernte mich.

Ist dieses Mädchen ein neues Mitglied Ihres Haus­halts, Miß Poole?" hörte ich Ethel Greylock sagen, als ich durch das Zimmer schritt.

Ja," antwortete Mercy Poole -Doctor Vandine brachte sie von New - S)ort hierher. Sie ist sehr schüchtern, Ihr Anblick schien ihr den Athem zu benehmen."

Ich hielt sie für stumm oder einfältig," entgegnete die schöne Reiterin.

Bald darauf galoppirte sie davon. Ich lief nach der Hausthür und blickte ihr nach. Es war Nan, allein sie hatte ihre Vergangenheit offenbar völlig vergessen und er­innerte sich weder an Harmony - Alley, noch an Großmutter Scrag, noch an die Schwester, aus deren Armen sie vor Jahren gerissen wurde.

Ich verrichtete an jenem Tage meine Arbeit schweigend und in schmerzliche Gedanken vertieft. Nur einmal wagte ich es, Mercy Poole anzureden, indem ich bat:Wollen Sie vielleicht so gut sein, mir etwas von der jungen Dame zu erzählen, welche diesen Morgen zu Pferde vor dem Fenster anhielt?"

Miß Poole lächelte düster.Was soll ich Ihnen von chr erzählen? Sie ist die reichste Erbin weit und breit, ein Glückskind, das nicht zu arbeiten braucht. Sie lebt bei

ihrem Großvater in Greylock Woods, einem Herrensitz in der Nähe von Blackport, und wird von Jedermann bewundert. Ihr Freund, Doctor Vandine, ist einer ihrer vielen Anbeter. Der Mann, den sie heirathen soll, ist jedoch ein englischer Baronet, ein Verwandter von ihr. Die Greylocks sind eine sehr alte und sehr aristokratische Familie."

Ich danke Ihnen," sagte ich.

Ich wagte keine weitere Frage, denn ich wollte Mercy Pooles scharfblickendem Geist keinen Stoff zu irgend welchem Argwohn geben. Ich war entschlossen, mein Geheimniß treulich zu bewahren.

Den ganzen Tag lief ich im Gasthof hin und her oder saß bei meiner Näharbeit und quälte mich dabei mit Ge­danken ab, bis mir der Kopf zu springen drohte. Mit Ein­bruch der Nacht war mein Entschluß gefaßt. Nachdem ich mich aller meiner Pflichten entledigt und von Mercy Poole Erlaubniß erhalten hatte, einen Gang in's Freie zu machen, nahm ich Hut und Shawl und schlug die Straße nach Greh- lock Woods -ein.

Ich sand den Weg ohne Schwierigkeit. Weder zur Rechten noch zur Linken abschweifend, trat ich durch die offene Pforte und schritt eine von hohen Tannen und Kastanien­bäumen beschattete breite Allee entlang.

Es war ein imposanter Platz, der Sitz großen Reich- thums und Geschmackes, welcher sich vor meinen Augen aus­breitete - allein er beherbergte, wie ich wohl wußte, einen ungeheuren Betrug, ein verbrecherisches Geheimniß. Ich hielt nicht an, bis ich in die Nähe des Hauses kam. Auf einer Terrasse in der Nähe desselben wandelte ein Mann von auristokratischem Aussehen mit gemessenen Schritten auf und nieder.

Ich blieb stehen, beobachtete ihn einige Augenblicke und fing dann an zu zittern. Was suchte ich an diesem Orte? Wer würde mir Glauben schenken, wenn ich ihm meine Ge­schichte erzählte? Ein Hund fing an zu bellen, und von plötzlichem Schrecken ergriffen, schlug ich mich seitwärts in das Gebüsch, jedoch nur, um einer neuen Gefahr entgegenzueilen.

Von dem Hause erstreckte sich ein großer Rasenplatz bis zu dem Gebüsch hinab. Ich befand mich dicht am Rande desselben, aber hinter einem Gürtel von niedrigem Immer­grün verborgen. Durch das Gesträuch hindurch blickend, gewahrte ich, in geringer Entfernung Ethel Greylock selbst, an einer Florastatue gelehnt, den leichten Sommerhut mit der weißen Straußenfeder in der Hand und die Schleppe des veilchenblauen Seidenkleides auf dem grünen Rasen ausgebreitet. Der letzte Strahl der scheidenden Sonne spielte um die herrliche Gestalt und beleuchtete das liebliche Gesicht der jungen Erbin.

Sie summte eine Lied vor sich hin, unterbrach sich aber- plötzlich mit lautem Lachen und rief:Da gehtChasseur" mit Ihrem Hut in's Gebüsch, Cousin! Rufen Sie ihn zurück, sonst ist es um Ihre Kopfbedeckung geschehen. Das Thier ist voll toller Streiche."

Der Angeredete, ein hübscher junger Mann von wetter­gebräuntem Ansehen, lag wenige Schritte von der weißen Florastatue auf dem Rasen, während ein halbes Dutzend Hunde um ihn her spielte.

Komm, Chasseur! Bring mir meinen Hut zurück!" rief er einem Windspiel zu, dann richtete er seine Augen auf Ethel und sagte:Es ist ein hübsches Lied, das Sie da eben gesungen haben, schöne Cousine! Es birgt sich eine tiefe Wahrheit in den Worten:

Dio Liebe kennt kein Gesetz, Als ihren Willen nur."

Die Liebe ist sich selbst Gesetz," antwortete Ethel kurz.

Kein sehr weises, wie sich aus dem Kummer ergiebt, den sie so häufig durch ihren Eigenwillen über den Liebenden bringt," bemerkte der junge Mann ernst.

(Fortsetzung folgt.)