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Gedanken fern von mir weilten/ ohne Zweifel träumte er | von der schönen blonden Erbin. Mit einem Gemisch von Freude und Bangigkeit erfüllte mich der Gedanke, daß ich jetzt auf dem Weg nach Blackporr war, wo ich sicher Gelegenheit haben würde, das schöne, glückliche Geschöpf zu sehen, das sein großes, edles Herz erobert hatte.
Ich war in dem Gasthof nicht erwartet worden, allein die Wirthin nahm mich mit großer Güte auf. Mit ihrer Hünengestalt und ihrem dunklen, düsteren und unerforschlichen Gesicht machte sie auf mich einen imponirenden Eindruck. Als Doctor Vandine mich mit den Worten vorstellte: „Ich habe Ihnen hier eine Freundin mitgebracht, Miß Poole — ich empfehle sie Ihrer Güte an," da schienen ihre schwarzen, durchdringenden Augen mich bis in's innerste Mark zu durchbohren.
„Hm!" antwortete sie.- „Nichts als Haut und Knochen/ es ist klar, daß das arme Ding in seinem ganzen Leben noch keine ordentliche Mahlzeit hatte."
Mit diesen Worten führte sie mich in die Küche und setzte mir ein vorzügliches Abendbrod vor. Während ich aß, saß sie, den Kopf in die Hand gestützt, mir gegenüber und beobachtete mich schweigend. Das Zimmer war voll fetter Katzen, die sich schnurrend an mir rieben und mir auf jegliche Weise ihre freundschaftliche Gesinnung zu erkennen gaben.
Nach einer Weile sagte Miß Poole: „In der ganzen Welt giebt es blos zwei oder drei Personen, die ich leiden mag. Doctor Vandine ist eine davon. Da er sich nicht schämt, sich Ihren Freund zu nennen, so sollen Sie hier guten Lohn und gute Behandlung finden/ Sie können Ihren Dienst morgen früh antreten."
Sie hatte also das Glück, bei Mercy Poole und ihren Katzen Gnade zu finden.
Der Uebergang von dem Steele'schen Hause zu diesem ruhigen, alten Gasthof erschien mir wie eine Versetzung vom Fegfeuer in das Paradies. Zum ersten Male in meinem Leben verdiente ich Geld. Und dann sah ich Doctor Vandine täglich, und ob er mich anblickte oder nicht, ob er sprach oder schwieg, welches letztere meistens der Fall war — dieser tägliche Anblick des geliebten Mannes war mein höchstes irdisches Glück.
Bald hatte ich den alten Gasthof, das nahe Meer mit seinem Wellengemurmel, die fetten Katzen und selbst Mercy Poole liebgewonnen, obwohl letztere eine Person war, die Fremde eher abstieß, als anzog. Nach Verlauf einer Woche war ich mit meiner neuen Heimath bereits völlig vertraut, allein obwohl ich Augen und Ohren weit offen hielt, hatte ich von der schönen Erbin, die Vandine liebte, noch nichts gesehen und gehört.
Ich pflegte früh aufzustehen, gewöhnlich lange vor den übrigen Mitgliedern des Haushaltes, und mich mit meinem Nähzeug in einer ruhigen Ecke niederzulassen, bis Mercy Poole mich zum Frühstück oder zu einer anderen Beschäftigung rief.
Eines Morgens, acht Tage nach meiner Ankunst im Gasthof, als der Tag kaum angebrochen war und Blackport noch in tiefem Schlummer lag, begab ich mich nach dem Wohnzimmer hinab, öffnete ein Fenster, das auf die Hauptstraße des Städtchens ging, nahm eine Näharbeit zur Hand und nähte emsig darauf los. Die Katzen leisteten mir Gesellschaft.
„Ravaillac," schnurrte auf dem Fenstergesims dicht bei meinem Ellbogen/ „Charlotte Corday" leckte den Thau einer mitternächtlichen Wanderung von ihren Pfoten, während „Pontius Pilatus" und die Familie „Borgia" auf einem Canapee in einer Ecke der Stube ihr Morgenschläfchen machten.
Emsig und ohne Unterlaß flog meine Nadel durch den Stoff/ nur einmal machte ich eine Pause, um einen Blick aus die leere Straße zu werfen. Meinem Fenster direct gegenüber befand sich die Post des Städtchens / als ich aufblickte, gewahrten meine Augen ein riesiges Plakat an der Mauer des Postgebäudes dicht neben der Thür.
Der Zettel enthielt die Ankündigung eines Concerts, das am folgenden Abend von der „Orpheus-Compagnie" in der Stadthalle von Blackport gegeben werden sollte. Da die Straße ziemlich eng war, so vermochte ich die Namen der ganzen strahlenden Künstlerschaar zu lesen, welcher die verehelichen Bewohner von Blackport ihre Aufmerksamkeit widmen sollten. Da war Mademoiselle Eurydice, die „weltberühmte" Sopransängerin, Monsieur Regnault, der „unvergleichliche" Tenor/ eine andere Mademoiselle, welche die Altstimme eines Seraphs besaß, und ein zweiter Monsieur, der sich des herrlichsten Basses im Universum erfreute. Außer diesen Sternen erster Größe prangten noch andere „berühmte" Namen in Riesenlettern auf dem Plakat.
Ich buchstabirte die seltsamen Namen nicht ohne Mühe heraus und ließ alsdann meine Nadel mit verdoppelter Hast weiter arbeiten. Was lag mir an der „Orpheus-Compagnie?" Ich war in meinem Leben noch nie in einem Coucert ober Theater gewesen.
Jetzt Erschien der jugendliche Gehülfe des Postmeisters an der Thür drüben und steckte den Schlüssel ins Schloß. Auch er las das Plakat und wandte sich eben mit befriedigter Neugierde von demselben weg, als sich das Geklirre von Pferdehufen auf dem Straßenpflafter vernehmen ließ und eine junge Dame in einem grünen Reitkleide und eine Feder auf dem Hute zur Thür heraugaloppirt kam.
Mit einer Stimme, die klar und hell an meine Ohren drang, rief sie dem Postgehülfen zu: „Keine Briefe für mich diesen Morgen?"
Der junge Bursche kannte die Dame augenscheinlich; rasch war er in dem Gebäude, und als er wieder erschien, schüttelte er seinen ungekämmten Kopf und sagte: „Nein, Miß — nichts hier für Sie."
Die junge Dame lenkte ihr Pferd wieder um, und während sie dies that, fielen ihre Blicke auf das Plakat und auf die Namen, die dasselbe in gigantischen Buchstaben enthielt. Es war mir, als ob sie plötzlich die Farbe wechselte.
Der Knabe beobachtete sie neugierig. „Werden Sie auch hingehen, Miß?" fragte er, indem er mit dem Finger auf die Anzeige deutete.
„Wahrscheinlich," erwiderte sie. „Wie ich sehe, hat Blackport ebenfalls seine Zerstreuungen."
Dann ritt sie über die Straße und hielt dicht vor meinem Fenster au. Ich blickte von meiner Arbeit aus und gewahrte die herrlichste weibliche Gestalt, die ich je in meinem Leben gesehen hatte — die junge Erbin, in die Doctor Vandine verliebt war. Ich war völlig überzeugt, daß dieses bezaubernde Wesen der Gegenstand seiner Liebe war, auf dessen Anblick ich schon acht Tage gewartet hatte. Es war, als ob ein elektrischer Schlag mich getroffen hätte — die Nadel entfiel meiner Hand.
„Guten Morgen, „Ravaillac," sagte sie, indem sie ihre Reitpeitsche über die Katze hielt, die mit ihrer grauen Pfote danach griff und allerlei drollige Sprünge ausführte. „Ist Mercy Poole schon auf?" fragte sie dann, indem sie sich zu mir wendete.
Die Zunge klebte mir am Gaumen / ich vermochte nicht zu antworten und saß wie versteinert da.
„Die Wirthin des Gasthofs," setzte sie hinzu, offenbar erstaunt über meine Dummheit.
Noch immer starrte ich sprachlos auf das schwarze Pferd und auf die aristokratische Blondine in dem Sattel. W>e ein Blitz aus heiterem Himmel traf es in diesem Augenblick meine Seele — eine Ahnung — eine Ueberzeugung — ell,e Gewißheit! Das Gesicht hatte sich im Laufe der Jahre allerdings verändert, und doch war es dasselbe. Ja, wohl kannte ich sie, diese Veilchenaugen, diese goldgelben Haare, diesen Lilien-Teint der Haut. Hatte ich nicht hundert Mal erklärt, daß ich meinen verlorenen Liebling zu jeder Zeit und an jedem Orte wiedererkennen würde? Hier endlich bewahrheiteten sich meine Worte.
Von einem unwiderstehlichen Impulse angetrieben, sprang


