Ausgabe 
20.7.1897
 
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iS rroerbt Euch Wissen!

Wenn Ihr es braucht, so ist's ein Kapital, Und wenn Jhr's nicht bedürft, so ist's ein Schmuck.

Das Kind der Tänzerin.

Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann.

(Fortsetzung.)

Es war ihre Absicht gewesen, den Abscheu des jungen Mannes zu erregen, und seine Miene verrieih, daß ihr dies in einer Beziehung gelungen war. ,,Sie eine Ballet­tänzerin!" Das Entsetzen, das sich in seinem Tone kundgab, erfüllte ihr Herz mit lebhafter Freude.Wenn Sie dadurch, daß -ich das Erbe verlor, vor diesem Schicksal bewahrt wurden, sa danke ich Gott. Ich hatte übrigens nicht den geringsten Anspruch darauf und auch kein Verlangen danach."

Sie bringen mich in Versuchung," sagte sie heiter, //Ihnen zu zeigen, daß ich meinen Beruf verfehlte daß td) zu Ruhm und Reichthum hätte gelangen können, wenn Großpapa bei seiner Hartherzigkeit verblieben wäre. Geben Sie ein wenig Acht!"

Im nächsten Augenblick war sie aufgesprungen, und nun schwirrte, wirbelte, schwebte und flatterte sie auf dem mond­hellen Rasen hin und her, daß dem Baronet bei ihrem Anblick fast die Sinne vergingen.

Der Shawl war auf der einen Seite von ihrer Schulter geglitten- ihr Helles Gewand und ihre blendende Hautfarbe M^ds ^h k*C Erscheinung eines lebendig gewordenen

Sir Gervase hatte in verschiedenen Ländern reizende Ezerinnen gesehen- niemals aber solche Grazie, wie dieses Mädchen sie besaß.

Die Fontaine plätscherte weiter, und auch der Mond fch'en fort, Ethel tanzte, ohne auf ihre Umgebung zu achten, >hr reiches Gewand, das sie mit der einen Hand ein wenig emporhielt, schimmerte wie Reif in einer Herbstnacht- ihr ^aar glich einem goldenen Nebelflor- die Perlen auf ihrem ^wellenden Busen und an ihren runden Armen glänzten ,le Thautropfen - sie sah mehr einem Traumgebilde als «nem Geschöpf aus Fleisch und Blut ähnlich.Sagen Sie >un selbst," keuchte sie, indem sie stehen blieb, um Athem

zu holen,ob es nicht sehr thöricht von mir war, daß ich der Bühne entsagte?"

Er antwortete nicht- vielleicht war er zu erschüttert, um Worte zu finden. Im nächsten Augenblick wirbelte sie wiederum im Kreise umher und sührte die schwierigsten Bewegungen mit einer Leichtigkeit und Grazie aus, um die erfahrene Balletkünstlerinnen sie hätten beneiden können.

Wiederum hielt sie vor seinem Stuhle an- ihre Lippen waren halb geöffnet- ihr goldenes Haar wallte aufgelöst auf die Schulter herab. Ihre leuchtenden Augen blickten voll in die des Baronets.Ich könnte die ganze Nacht so forttanzen," sagte sie endlich-wie entsetzlich Sie aussehen, lieber Cousin, faffen Sie Muth! Sie wissen ja, daß dieses Uebel nicht aus dem Blute der Greylocks stammt."

Er sprach kein Wort, gab kein Zeichen von sich. Wie verzaubert saß er da und blickte sie an.

Sie trat einen Schritt näher und fuhr mit einer spöttischen Geberde fort:Ich errathe Ihre Gedanken- Sie brüten über die unerforschlichen Wege eines merkwürdigen halbcivilistrten Geschöpfes, des amerikanischen Mädchens, nach."

Endlich fand er seine Sprache wieder.Nein," ant­wortete er mit einem Tone, der ihre Nerven erbeben machte - ich lege mir eben die Frage vor, ob der Himmel je ein zweites Wunder wie Sie schuf, Ethel!"

Sie erröthete tief und war im Begriff zu antworten, allein ein seltsamer Ausdruck seiner Augen verschloß ihr den Mund.

Wie in einem Traume breitete der Baronet seine Arme aus, als wollte er die Himmlische an seine Brust ziehen.

Ethel erblaßte. Ein plötzlicher Schrecken bemächtigte sich ihrer - sie wandte sich rasch um und floh, während Sir Gervase verblüfft auf dem Gartenstuhl bei der Fontaine sitzen blieb.

20. Capitel.

Aus Pollys Aufzeichnungen.

Die Stunde, in der ich der Familie Steele Lebewohl sagte und mit Doclor Vandine nach Blackport abreiste, war die glücklichste meines Lebens. Keine trüben Ahnungen be­gleiteten mich- ich ließ meine Sclaverci hinter mir und reiste mit meinem einzigen Freunde hinaus in die Welt, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen.

Er war während der Reise sehr gütig gegen mich- zwar zerstreut und oft einsilbig, doch stets freundlich. Ich fühlte, daß er meiner Verlassenheit halber Mitleid mit mir hatte, und ach! es ist ein trauriges, bitteres Ding, bemit­leidet zu werden! Seine Zerstreutheit zeigte, daß seine