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hundert Mal überlegt, ob ich das Dynamit noch spare, das da liegt, oder ob ich Dich in die Luft schicken soll, daß Du den Weg zum Himmel suchst, den Du Dir so reichlich verdient hast."
Der kalte Schrecken, der Doctor Jaksch bei diesen Worten von Neuem überlief, erhöhte nur noch die wüthende Freude seines Sohnes, ihn so vor sich zu haben. „Und ich will Dir auch sagen, wer mir dies elende Leben gefristet hat, während Du schon hofftest, ich wäre tobt und verfault. Meine Mutter hat es gethan, die Deine Geliebte gewesen ist, die Du mit Füßen getreten hast, wie mich, und die Dich jetzt haßt und verachtet, wie ich Dich hasse und verachte, ich, Dein Sohn!"
Wieder schleuderte er ihm das Wort entgegen, als sei es die schärfste Waffe, die er gegen ihn gebrauchen könne. Nur eines Athemzugs Länge aber schwieg er, um die Wirkung seiner Rede zu beobachten, dann fuhr er mit gleicher Leidenschaft fort: „Bis unter die Erde zu den tobten Heiligen haben mich Deine Bluthunde gehetzt. Es ist nur gut, daß ich dort besser Bescheid wußte, als die dummen Laffen mit den blanken Knöpfen. Sie haben sich ihre dicken Schädel beinahe eingerannt an den Wänden, um die Thür zu suchen, durch die ich entwischt war. Ja, es giebt Thüren, die sie alle nicht kennen, die klugen Herren, und es giebt einen Gang, der unter der Erde hinführt bis unter dieses Haus! Heute kann ich es Dir ja erzählen, denn Du wirst keine Gelegenheit mehr haben, es auszuschwatzen."
Er machte wieder eine Pause, um zu sehen, wie diese neue Todesdrohung den bleichen Mann in der Ecke erschütterte, dann fuhr er fort: „Darum habe ich ja das Vergnügen gehabt, mit Dir unter einem Dache zu wohnen, weil wir diesen alten Rattenkasten entdeckt hatten, in den man hinein konnte, ohne durch Die Hausthür zu gehen. Du interessirst Dich ja so für uns Anarchisten, — erzähl' es doch den hohen Herren von der Pvlizei, daß hier unter ihren Füßen eine ganze anarchistische Werkstatt besteht mit Bomben und Dynamit und all den schönen Dingen, vor denen sie zittern. Gelacht haben wir ost, wenn wir davon sprachen, daß gerade der vornehmste Heilige ihrer frommen Stadt uns ein Obdach gewährte in seiner Gruft, damit wir hübsch in Gemüthsruhe verabreden konnten, wie wir am besten Euch Alle in die Luft sprengten mitsammt Eurer sogenannten gesellschaftlichen Ordnung, — deren herrlichstes Produkt Du selber bist!"
„Sie werden Ihrem Vater nichts zu Leide thun." Klar und ruhig, wie reiner Aeeord nach wilden Disharmonien, so klang Busenius' Stimme in das momentane Schweigen hinein, das Neuerts letzten Worten gefolgt war. Er hatte dem Rasenden seine linke Hand auf die Schulter gelegt, und mehr noch unter dem Blick der Augen, denen er aufschauend begegnete, als unter dieser Berührung, zuckte der Tobende zusammen und wich zurück.
„Das werden wir sehen- ich weiß, was er verdient hat," gab er kurz zur Antwort, aber eine verlegene Scheu, ein instinetives Gefühl der Ohnmacht vor geistiger Ueberlegen- heit ließen ihn seine Stimme dämpfen und einen halb ehrfurchtsvollen Blick dem Manne zuwerfen, der hoch aufgerichtet ihm gegenüberstand.
„Das zu entscheiden, ist keines Menschen Sache. Sie brauchen ihn nicht zu strafen, er hat sich die Strafe schon selbst erworben."
„Ich besorge meine Geschäfte gern in eigener Person. Es dauert mir zu lange, bis der Teufel sich die Mühe macht, ihn zu holen." 0r sagte es mit höhnischem Lachen, aber etwas von der Scheu, mit der er kämpfte, sprach doch noch aus seinen Worten und seiner Haltung.
„Das künftige Leben, das er sich bereitet hat, wird schlimmer sein, als die Hölle. Er wird elender sein, als Sie es gewesen sind durch eigene Schuld. Ist Ihnen das nicht Strafe genug?"
„Ich frage nicht nach dem künftigen Leben und weiß nichts davon. Ich liebe es, sicher zu gehen indem, was ich
vorhabe, und gebe Ihnen mein Wort, daß dieser Mensch hier heute noch sterben wird."
Jaksch machte eine Bewegung, als wenn er sprechen wolle, doch seine Lippen blieben stumm- er trat nur aus riner Ecke hervor bis zu dem großen, von einer Lampe beschienenen Tisch, auf den er sich stützte. Das Gefühl der Beruhigung, das er in Busenius' Nähe und beim Klang seiner Stimme empfunden hatte, war wieder geschwundener hatte die dumpfe Empfindung, als lauere neben den wilden Drohungen seines Sohnes noch etwas Anderes, das er mehr fürchtete als sie, ohne in seinen verwirrten Gedanken es benennen zu können. Es war ihm, als schwebe eine dunkle, drohende Gewitterwolke über ihm, die den Blitz noch zurückhielt.
„Und wenn er hundert Mal den Tod verdient hätte," rief Busenius, „Sie sind sein Sohn, Sie dürfen ihn nicht richten. Um Ihrer selbst willen gehen Sie nicht weiter, damit Sie nicht dereinst noch schwerer leiden müssen, als Sie schon gelitten haben Und wenn Ihr gegenwärtiges Dasein Sie gleichgiltig und stumpf gemacht hat gegen sich selbst, dann denken Sie darüber nach, ob Sie nicht doch ein einziges Wesen auf der Welt noch haben, das Sie lieben —"
Er verstummte jäh vor dem wilden, unverständlichen Rufe thierischer Wuth, der über Neuerts Lippen kam. Er hatte linderndes Oel auf eine Wunde legen wollen, und hatte es dafür in ein loderndes Feuer gegossen, das nun mit verdoppelter Glnth verzehrend emporflammte. Vor Neuerts Augen wiederholte sich die Scene, die er am vergangenen Abend hatte sehen müssen. Es war ihm, als stehe er noch einmal im Hofe drunten vor dem Fenster des behaglichen Gemaches im Erdgeschoß und presse das Gesicht gegen die Scheiben, um aus der Dunkelheit ins Licht zu schauen und Zeuge des Glückes zu werden, das er so heiß begehrt hatte, und das nun ein Anderer an seiner Stelle genoß. Er meinte Marthas Antlitz zu sehen, von Freude und Hoffnung strahlend, um dann jäh zu erbleichen, indem sie mit ihren Augen seinen Blicken begegneten. Und als er sich diese Wirkung seines unverhofften Erscheinens auf das Mädchen zurückrief, das für ihn ein guter, hilfreicher Geist hätte werden können, das mit dem Wink eines Fingers — das meinte er zu fühlen, — ihn aus den dunklen Tiefen hätte Hervorrufen können, in die sein Lebensweg ihn immer weiter hinnntergeführt hatte, da ging dies Gefühl wie ein schneidiger Dolch ihm durch die Seele und tödtete Alles, was noch menschlich und gut in ihm geblieben war. Auch die Erinnerung an seine Mutter, deren er sonst mit Dankbarkeit gedachte für das, was sie heimlich für ihn gethan hatte in der letzten Zett, starb und erlosch in diesem Augenblick, hinweggeweht von dem Sturmwind einer mächtigeren Empfindung.
(Fortsetzung folgt.)
Einiges über die Lebensweise des Steinkauzes.
(Vortrag in einer Ausschußsitzung des hiesigen Thierschutzvereins.)
Die Raubvögel werden bekanntlich in Tag- und Nachtraubvögel eingetheilt, und zu den letzteren gehört das Stein- känzchen, dem man auch den Namen Leichenhuhn ober Todten- vogel beigelegt hat. Abergläubische Menschen, bereu es leib er jetzt noch eine ziemlich große Anzahl gibt, werben von bem Steinkauz oftmals in große Angst unb Furcht versetzt- beim seinen allerdings etwas schauerlichen Ruf „kuwit," ben dumme Menschen „komm mit" gedeutet haben, läßt er namentlich gern vor den erleuchteten Krankenzimmern erschallen, und dann gilt das gute Thierchen als Vorbote des nahen Todes, als ob ein unvernünftiges Geschöpf das Schicksal der Menschen vorauswissen könnte! Es ist nicht zu begreifen, daß es in unserem Jahrhundert noch Menschen gibt, die an einen solchen Wahn glauben, da sie doch gewiß in ihren Schulen gehört haben müssen, daß der Steinkauz von dem Kranken absolut gar


