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Ein paar von den Briefen und Zeitungen steckte der Doctor zu sich als Waffe und Beweis, die übrigen versenkte er wieder in die halbdunkle Höhlung, der ein modriger Geruch entströmte. Nun warf er auch einen Blick in das kleine Buch, das er öffnete und durchblätterte. Ein Gebetbuch! Mit einem Ausdruck, in dem Hohn und Verwunderung häßlich sich mischten^ sah er zu dem Schlummernden hinüber. Ein Gebetbuch bei einem Anarchisten! Der Doctor lachte jetzt, die Geschichte begann ihn zu amüsiren, und noch einmal blätterte er ein paar Seiten des Büchleins durch. Aber plötzlich verschwand diese freche Heiterkeit von seinem Gesicht,- ein Gefühl, wie aus einem Hinterhalt ihn überfallend, jenem anderen Gefühl geheimnißvoll verwandt, das er vorhin beim Blick in die Augen des Kranken empfunden hatte, war mit unvermutheter, schreckender Gewalt über ihn gekommen. War es nicht wie ein ferner Glockenton aus den Tagen der Kindheit, der in sein Ohr geklungen war, ihm Bilder weckend, die lange erloschen waren? Für einen Augenblick meinte er sich selbst zu sehen, wie er vor langen Jahren gewesen war, jung und unschuldig, mit gleichalterigen Genossen zum Gottesdienst der Kinder gehend, ein Buch wie dieses hier in der Hand. Nein, dieses selbe Buch! Wie ein Stoß vor die Brust, so traf ihn dies jähe Gefühl. Dieses selbe Buch! Kannte er es wirklich, oder glich es nur einem anderen, das er einstmals besessen hatte? Er meinte es zwischen seinen Fingern brennen zu fühlen, als er es wieder und wieder durchlätterte und seine Blicke über die frommen Worte dahingehen ließ, die ihm so fremd geworden waren und nun plötzlich mit einem feierlichen und drohenden Klang an sein Ohr zu tönen schienen. Und er kannte nicht nur die Worte- seltsam vertraut war ihm auch das Aeußere dieses Buches, dieser halbabgerissene Einband, diese verwischten Goldbuchstaben des Titels auf dem Rücken, dies gelbliche, altmodische Papier, in dem Sandkörner hie und da sich fanden, die zum Theil herausgekratzt waren, wie er in langweiligen Unterrichtsstunden es zu thun gepflegt hatte. Und hier dieser Fleck, — stammte er nicht von einer Thräne, die er geweint hatte in einer Zeit, bevor er das Weinen verlernte? Wie ein gespenstiger Schatten trat seine vergangene Jugend mit einem Male vor sich hin, traurig zugleich und drohend auf ihn blickend.
Die Blätter des alten Buches knisterten so laut zwischen seinen bebenden Fingern, daß er meinte, der Kranke habe sich geregt, und es erschrocken verbarg. Aber Neuert lag ruhig, sein Athem ging leiser und regelmäßiger. Und nun setzte der Doctor seine hastige, zitternde Untersuchung des Buches fort, blätterte bis zum Titelblatt zurück und zu dem Blatte, das noch vor diesem war. Seine Pupillen erweiterten sich, seine Stirn zog sich zusammen, als er die Worte las, die hier standen: „Meinem lieben Franz zur Erinnerung." Der wüste Traum, der ihn während der letzten Minuten geängstigt hatte, wurde zur Wirklichkeit,- Phantasiegestalten gewannen Fleisch und Bein, er hielt ein Geheimniß in Händen, das seines eigenen Lebens Geheimniß war. Er wußte jetzt, daß in fernen Tagen in Wahrheit dieses Buch sein Eigenthum gewesen war, er kannte die Handschrift der Widmung, er wußte, daß eine Mutter für ihr Kind diese Worte geschrieben hatte, und daß diese Mutter seine Geliebte gewesen war.
Aber noch sträubte er sich gegen den Glauben an eine Entdeckung, die ihn fast lähmte. Ganz leise legte er das Buch bei Seite, erhob sich mühsam vom Boden, wo er noch immer gekniet hatte, glitt geräuschlos, aber mit Anstrengung — zuweilen zusammenzuckend vor einem Ton, den er zu vernehmen meinte, — zu dem Lager hinüber und schob mit unmerklicher Bewegung das Haar von der Schläfe des Kranken, dicht über dem rechten Ohre, zurück. Eine Narbe war sichtbar, schon stark verwachsen, aber deutlich zu erkennen, einer weißlichen, erhabenen Naht vergleichbar. Das war das Zeugniß, das ihm noch gefehlt hatte! Er konnte sich nicht mehr gegen die Wahrheit sträuben, die augenblendend vor ihm aufging - der Kranke hier war sein Sohn! Der Schlosser, der Anarchist, der Feind der Gesellschaft, er war sein Sohn! Er hatte
ihn zu entfernen gesucht von seinem Lebenswege, hatte seine Spur verloren für lange Jahre, hatte gehofft, er werde untergehen und verschwinden, — und nun war er hier, unter einem Dache mit ihm, so nahe ihm selbst, so verderblich nahe!
Er athmete tief und trat von dem Lager zurück, von Weitem den Kranken eine Weile unverwandt betrachtend. Der erste Schrecken über die Entdeckung war so stark gewesen, daß er sich an den Ofen lehnen mußte- denn er fühlte, daß )ie Kniee unter ihm zitterten. Allmälig aber beruhigte sich der Sturm in seiner Seele. Er vermochte gefaßt den Dingen ins Auge zu sehen, die sich ihm so plötzlich enthüllt hatten.
(Fortsetzung folgt.)
Von der Gastfreundschaft.
Plauderei von M. von Weihenthurn.
------- (Nachdruck verboten.)
Zu den allgemeinen Anschauungen, welche die Erziehung den Menschen beibringt, gehört jene, daß die Tugenden durch die erhöhte Civilisation gesteigert werden. Ob dies vollkommen wahrheitsgemäß sei, ist wohl noch in Frage zu stellen, denn auch in längst vergangenen Zeiten, wo der Begriff „Civilisation" noch ein sehr unklarer war, hat es Tugenden gegeben, die volle Anerkennung verdienten und heutzutage viel weniger geübt werden, wie anno dazumal, was allerdings in den veränderten Verhältniffen, in den steigenden Bedürfnissen der Menschen und in der ebenfalls steigenden Theuerung des Lebens seine naturgemäße Begründung hat.
Im grauen Alterthum,' im Mittelalter und selbst zu Beginn unseres Jahrhunderts, pflegte man die Gastfreundschaft als eine durch Religion und Sitte begründete Tugend in reichstem Maße zu üben. In den religiösen Bestimmungen der Griechen,. Araber und Germanen sand sie entsprechende Würdigung, und in erster Linie waren es die Araber, welche dieselbe bekanntlich auf die erhebendste Weise cultivirten. Gegenseitige Bewirthung und Aufnahme, wenn Geschäfte die Menschen zu einander führten, war etwas ganz Selbstverständliches. Jeder bot solche Gastfreundschaft und hielt sich für vollberechtigt, das Gleiche zu fordern. Heutzutage ist jene Gastfreundschaft, wie sie in vergangenen Jahren Sitte war, weder nothwendig, noch möglich, weil Menschen, Dinge und Verhältnisse sich geändert haben, aber die moderne Cultur geht in dem, was sie in Bezug auf die Gastfreundschaft nicht bietet, zu weit und daran sind wiederum die Menschen selbst schuld, denn sie werden nicht dazu erzogen, liebenswürdige und rücksichtsvolle Gäste zu sein, wodurch jenen, welche Gastfreundschaft üben könnten oder wollten, natürlich die Lust benommen wird, es zu thun. Wer viele Erfahrungen gemacht hat auf dem Gebiete der Gastfreundschaft, wird das begreifen. Zu einem gelegentlichen Diner oder Souper kann man füglich mit Vergnügen einen größeren Kreis von Freunden um sich sehen, ohne unangenehme Erlebnisse verzeichnen zu müssen, ein paar Stunden lang beherrscht sich selbst der rücksichtsloseste Mensch, er schlüpft in sein moralisches Festgewand und spielt den Liebenswürdigen auch dann, wenn er es im Grunde genommen nicht ist, sich mit dem Bewußtsein tröstend, daß der Zwang nicht lang ausdaure und es ihm dann frei stehe, nach Herzenslust seinen mehr oder minder unangenehmen Eigenarten Audienz zu ertheilen.
Die Logirgäste aber, das ist die Klippe, an welcher schon manche nicht im Feuer zusammengeschweißte Freundschaft zerschellt ist, denn der Logirgast pflegt in der Regel länger zu verweilen, zeigt sich im Seelennegligo, wird rücksichtslos und dadurch unbequem. In jedem Hausstande herrschen gewisse Gewohnheiten, jede Familie hat ihre Eigenart und mag dieselbe auch noch so seltsam sein, der Gast ist dazu verpflichtet, sich derselben anzupaffen- selbstverständlich ist es Pflicht und Obliegenheit der Gastgeber, den Gästen möglichst zuvorkommend zu begegnen, für ihr Behagen zu sorgen, ihnerz


