Ausgabe 
20.2.1897
 
Einzelbild herunterladen

i er geduldig, den Blick fest auf Neuerts Antlitz geheftet, und wartete regungslos, bis dessen Athemzüge sich sänftigten, bis die Augen sich schloffen, und der Mund sich ein wenig öffnete wie es bei Schlafenden geschieht. Langsam, leise löste der Doetor nun seine Hand aus der des Anderen und erhob sich geräuschlos von seinem Sitz. Den Ton der Schritte selbst wußte er zu dämpfen, als er behutsam nach der Ecke des Zimmers hinüberschlich, auf der vorhin die Blicke des Kranken geruht hatten, im Vorübergehen die Thür sorgsam und laut­los verriegelnd. Dort im Winkel der geweißten Wände stand hinter dem niedrigen, eisernen Ofen eine flache, mit brauner Oelfarbe gestrichene Kiste, die hie und da schon ab­gestoßen war und die Naturfarbe des Tannenholzes hervor- blicken ließ, während zwei durch Löcher der Schmalseiten hindurchgezogene Stricke ihr als Handhabe dienten.

Vorsichtig prüfte der Doetor das Gewicht der Kiste sie war ziemlich leicht, er vermochte sie mühelos, ohne Geräusch emporzuheben und bei Seite zu stellen. Zunächst bemerkte er nichts Absonderliches auf der leer gewordenen Stelle des Fußbodens- erst, als er niederknieend sorgsamer die weißae- scheuerten Dielen musterte, sah er einen feinen Spalt, der quer über die eine von ihnen hinwegging. Er holte ein Messer hervor, warf noch einen Blick auf den jetzt ruhig Schlafenden und schob die Spitze der Klinge in den Spalt der Diele. Es kostete keine große Mühe, ein viereckiges Brettstück hervorzuheben, und in der entstandenen Oeffnung unter dem Fußboden zeigte sich ein ansehnliches Packet von Zeitungen, Schriften und Briefen. Ganz leise, durch das geringste Knistern des Papiers zu immer erhöhter Vorsicht gemahnt, nahm der Doetor Alles, was er gefunden hatte, an sich und legte es bei Seite, um noch einmal in die Oeffnung hineinzuspähen. Nein, es war noch nicht Alles. Ganz unten auf dem Boden lag noch etwas Viereckiges, Dunkeles. Mit einem letzten Griff holte er auch dieses hervor und sah tut helleren Lichte, daß es ein kleines Buch von geringer Stärke war in braunem Einband mit Lederrücken und Ecken von I hellerem, gelblichem Braun.

Aber dies Buch interessirte den Suchenden vorläufig am wenigsten. Er ließ es achtlos zu Boden gleiten und griff hastig nach einigen der Papiere und Briefschaften. Ein kurzer Blicke überzeugte ihn,, daß die Erwartung, die in seiner Seele bereits die Gestalt einer Hoffnung angenommen hatte, ihn nicht getäuscht hatte- es waren soeialistische und anar­chistische Schriften, die er in Händen hielt, und unter den Briefen sah er einige Namen von Männern, die in den Zeitungen mit Abscheu ober Furcht genannt wurden. Noch auf den Knieen richtete der Doetor Jaksch den Oberkörper zu voller Höhe empor, und ein Blick des Triumphs glitt zu dem Lager hinüber. Er hatte sich in einen Kampf mit diesem Menschen begeben, er wußte selbst nicht, weshalb. Er gab dem dunklen Gefühl, das ihn antrieb, keinen Namen und hätte gelacht, wenn ein Anderer es das Schicksal seines Lebens genannt, wenn er auf eine mächtige, unsichtbare Hand ihn hingewiesen hätte, die den Menschen leitet und den Schuldigen treibt, sich selbst das Verderben zu bereiten. Er wußte nur, daß er nicht anders hatte handeln können, als es geschehen war, daß eine Leidenschaft ihn getrieben hatte, mächtiger als Vernunft und Ueberlegnng. Er zitterte nachträglich bei dem Gedanken an die Gefahr, die er auf sich genommen hatte, an die Vernichtung seines Rufes als Arzt, wenn diese That so, wie sie wirklich geschehen war, dieser Vertrauensbruch an einem bewußtlosen Kranken jemals bekannt wurde. Aber alle diese Bedenken, die nur aus der Furcht, nur aus der Reue entsprangen, wurden übertönt und niedergedrückt durch das Gefühl des errungenen Sieges. Ja, nun hielt er diesen Menschen in der Hand, sein Geschick, seine Zukunft! Jetzt hatte das Fieber ihn niedergeworfen, ihn hilflos und elend gemacht, auch wenn er sich wieder erhob von dieser Nieder­lage, dann stand ein Anderer vor ihm, feindlicher und mächtiger als die Krankheit und jeden Augenblick bereit, von Neuem ihn niederzuwerfen und für immer!

Der Ton dieser Stimme und der Blick der fest auf ihn gerichteten Augen übten eine momentane Wirkung auf Neuert u». Er wurde ein wenig ruhiger, und auch seine Stimme klang leiser, als er weiter sprach.Ein Mal habe ich sie geküßt," sagte er, und ein Lächeln flog über sein Gesicht, das war schön! Wenn ich nur wüßte, wo es gewesen ist. Nein, in der Gruft war es nicht. Dahin ist sie niemals gekommen." Er warf sich auf die andere Seite, und in neuer Erregung fügte er hinzu:Aber die Hunde bellen schon wieder! Die Hunde in bunten Röcken mit blanken Knöpfen. Laßt sie nur kommen, ich fürchte mich nicht. Laßt sie Alle herein, und wenn sie darin sind, gehe ich nach unten, und dann"

Er brach ab- seinem Fieber zum Trotz mochte er den lauernden Ausdruck in des Arztes Augen bemerkt haben, und ein dunkles Gefühl der Vorsicht gleich einer leisen Warnung hielt ihn ab, ein Geheimniß auszusprechen, das ihm schon auf den Lippen lag. Doch gleich verschwand diese schwache Spur des Bewußtseins, das schutzreich ihm für ein paar Seeunden zurückgekehrt war, wieder aus seinen Blicken. Er lachte in sich hinein und zeigte die weißen Zähne zwischen den blutlosen Lippen.Wir sind doch stärker, als sie, wir hauen sie noch Alle zusammen. Was will denn die Frau dazwischen? Nein, nein, ihr sollt ihr nichts thun, sie ist gut gegen mich gewesen. Was haben Sie denn hier au thun?" 3

Sich halb emporrichtend, schrie er es mit wüthender Stimme dem Doetor entgegen, der nahe zum Bette getreten war, den herabgeglittenen Eisbeutel wieder auf den Kopf des Kranken zu legen. Aber indem er die Hand dazu erhob, kam ein seltsames Gefühl über ihn, das ihn zaudern und festgebannt stehen ließ. Was war in den Augen dieses Menschen, das ihn beängstigte, weil er es zu kennen meinte und doch nicht zu deuten wußte? Woher kam dieses lähmende Gefühl, das wie der Schatten einer gestorbenen Erinnerung in ihm auftauchte, wesenloser als der Schatten eines Blattes, eines Grashalms auf sonnebeschienenem Boden, und doch zu­gleich mächtiger, die Seele in den verborgensten, dunkelsten Gründen stürmischer bewegend, als eine wirkliche, greifbare Gefahr? Eine Gefahr? Drohte sie ihm von der hageren, abgezehrten, von Fieber und Leidenschaften geschüttelten Gestalt auf dem einfachen, eisernen Lager?

Er ließ die Hand sinken, mit der er dem Leidenden hatte Linderung bereiten wollen, setzte sich dicht an das Bett und heftete seine Blicke fest auf die Lippen des Kranken, der ermattet zurückgesunken war und für die kurze Zeit die Augen schloß. Im Halbschlaf murmelte er unverständliche Worte, auf seinem beweglichen Gesicht aber zeigten die Regungen der I Seele sich so deutlich wie auf einer Wasserfläche der wechselnde Lufthauch, der sie zittern macht, kräuselt und wieder glatt streicht mit sanfterem Fittich. Jetzt schien eine Hoffnung oder I eine angehme Erinnerung den Kranken zu bewegen, er lächelte, seme Stimme wurde wieder deutlicher, und auch seine Augen thaten sich von Neuem auf. Aber das Bewußtsein leuchtete doch nicht darin, als er die Blicke nun im Zimmer umher­schweifen ließ, bis sie auf der Ecke hinter dem Ofen hafteten, k ic. gut für uns, daß sie so dumm sind! Diese fristen Burschen, die sich wie all' das andere Lumpenpack vom des Arbeiters mästen. Ja, sucht nur, sucht nur! Lachen muß ich über Euch einfältiges Lumpengesindel. Was Ti SSt nur weg, Eure Mühe ist umsonst. Wenn ich Euch die Diele da in der Ecke nicht zeige, Ihr ?bet fj.etd£ mit Euren rothen Nasen, und ich werde mich rätber gesagt/ daß ich ein Ber-

2 nicht! Wie einen tollen Hund

sollt Ihr mich Niederschteßen, wenn ich es bin!"

Anstrengung der leidenschaftlichen Rede hatte ihn lanE ermattet zurück. Jetzt erneuerte der ® , tor, ben kühlenden Umschlag auf dem Kopfe des Kranken, ?gte 'hut die Hand, die er mit Eiswasser genetzt hatte, auf die Stirn und faßte die ferne mit ruhigem Druck. So saß

E Doetor er wie entströi das er Ausdri sah er einem begann paar <i diese f aus ei geheim Augen schrecke ein fei sein £ loschen zu seh unschu Kinde, dieses dies j lich, - festen zu feine ihm f feiert Und ihm c Einba Rückei hie ui wie e hatte. Thrä Wein verga zügle

feinet sich ruhig fetzte Buch Blat sich/ die 1 Der geän gerne das daß gewe wußl hatte

Entd Buch imm t nehn merk dicht schor lich ei das die der! der