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schalten über jede Kleinigkeit, — es würde eine sehr heftige Scene geben, wenn sie den ungehorsamen Sohn abermals bei verbotener Lectüre ertappten.
Schnell entschlossen sprang Wulff - Dietrich die kleine Anhöhe empor, in der Ruine Schutz zu suchen, — kaum aber, daß er sie betreten, bemerkte er, daß die Nahenden ihre Schritte ebenfalls nach dem alten Gemäuer richteten. Was thun?
Zur Seite lehnte eine kleine Thüre lose in den Angeln, sie schloß einen gewölbeartigen Raum ab, in welchem die Gärtner ihre Geräthschaften unterstellten.
Ohne sich zu besinnen, huschte der künftige Erbherr von Niedeck in den Keller hinein, athemlos wartend, daß die Eltern vorüberschreiten würden.
Er täuschte sich.
Tiefathmend trat die Gräfin in die Ruine, warf einen spähenden Blick ringsum und sank erschöpft auf die nächste Steinbank nieder.
„Hier sind wir ganz allein und ungestört, hier mach auf und lies!" stieß sie durch die Zähne hervor.
Graf Rüdiger schritt voll nervöser Aufregung noch einmal an den Mauern entlang, sich zu überzeugen, daß keine Beobachter in der Nähe waren, dann zog er einen Brief aus der Brusttasche und fuhr zuvor mit dem seidenen Taschentuche über die Stirn, ehe er ihn öffnete.
„Im Hause ist man ja keinen Augenblick unbelauscht — und ich ertrage es nicht mehr, all die Aufregungen schweigend in mich hineinzuwürgen! Je nun — so dann! — Laß uns unser Schicksal hören!"
Auf das höchste betroffen, starrte Wulff-Dietrich durch die Thürspalte.
Er zuckte zusammen, als er in die Züge des Vaters blickte, farblos, — zerrissen von Aufregung und wilder Leidenschaft, mit fest zusammengepreßten Lippen starrte er auf das Papier nieder, welches leise zwischen seinen bebenden Fingern knisterte. In angstvoller Spannung hingen die weit aufgeriffenen Augen der Gräfin an seinem Munde. Da rang sich ein heiserer Aufschrei von den Lippen des Lesenden. — Laut aufstöhnend hob er beide Fäuste und schlug sie wie ein Rasender gegen die Stirn: „Das Gericht lehnt den Antrag auf Entmündigung ab!" — schrie er auf. Wir haben verspielt, Melanie, wir sind vernichtet!"
Die Mutter war aufgesprungen und stand an der Seite ihres Gatten. Wulff-Dietrich wich jählings zurück, als er in ihr entstelltes Gesicht sah.
„Rüdiger!" rief sie außer sich, „Willibald behauptet sich? All unsere Mühe — all unsere namenlose Opfer umsonst gewesen? die ganze schauerliche Zeit in dem entsetzlichen Krähwinkel umsonst?"
Sie lachte schrill auf.
„O Du vortrefflicher Diplomat! Ich sagte Dir doch gleich, daß alle Kniffe und Pfiffe nichts nützen würden, daß wir den verrückten Kerl nun und nimmermehr unschädlich machen könnten!"
Der Kammerjunker lachte bitter auf: „O ja, wenn man vom Rathhaus kommt, ist man stets klüger, als wenn man hingeht! Warst Du es nicht selbst, die mich zuerst auf die Idee brachte, Willibald in ein Irrenhaus zu stecken?"
„Gewiß, es war ja das Einzige, was Du leisten konntest, um Deine Familie vor dem Verhungern zu schützen!" zuckte Melanie mit gehässigem Blick die Achseln.
„So? Und wer trägt die Schuld, daß wir verhungern müssen? Der saubere Herr Schwiegerpapa! Der Schwindler!"
„Rüdiger 1"
„Der Schmindler, der Bankrottmacher, der meineidige Halsabschneider, welcher den gräflichen Freier mit Millionen anlockte und ihm zum Schluß den Bettelstab vor die Füße wirft!" tobte der Graf in unbezähmbarer Math. „Ich habe mich auf Dein Vermögen verlassen, als ich heirathete, wenn sich dieses Vermögen aber als Dunst erweist, so trifft nicht mich, sondern Dich die Schuld!"
Melanie verschränkte mit schillerndem Blick die Arme unter die Brust. „Was der Tausend! Ein netter Freier, welcher sich von der lieben Gattin zeitlebens durchfüttern lassen will! Hättest Du jemals Ehr- und Pflichtgefühl gekannt, so würdest Du Dich vor allen Dingen bemüht Huben, selber etwas zu leisten, um Deine Familie ernähren zu können! Als Du aber die Millionen der grau in der Tasche zu haben glaubtest, da hatte der Herr Referendar weder Zeit noch Lust mehr, das Assessorexamen zu machen! Haha! Nun mußt Du Dich vielleicht jetzt noch auf die Hosen setzen und es nachholen, denn das siehst Du doch wohl selber ein, daß es nichts Verächtlicheres giebt, als solch ein Weltenbummler, der nichts weiß, nichts kann und nichts ist!"
Frau Melanie hatte in sinnloser Heftigkeit gesprochen, einzig von dem Gefühle geleitet, ihrem kochenden Grimm auf irgend eine Weise Luft zu machen, aber Wulff-Dietrich, welcher halb ohnmächtig vor Entsetzen hinter der Thüre kauerte, konnte ihre Gemüthsstimmung nicht beurtheilen, er hörte nur die klaren, nackten Worte und sah die Wirkung, welche sie auf den Vater ausübten. Zum ersten Mal im Leben fehlte Gras Rüdiger die Entgegnung.
Todtenbleich, an allen Gliedern zitternd, lehnte er den Kopf gegen das Gemäuer zurück und seine Rechte zerknäulte den Unglücksbrief, welcher diese Scene heraufbeschworen.
Der Ausdruck seines Gesichres machte einen unauslöschlichen Eindruck auf die Seele des lauschenden Knaben.
Er sah es dem Vater an, daß er sich auf die herbe Anschuldigung nicht rechtfertigen konnte, daß Scham und Demüthigung ihm die Kehle zuschnürten, daß ihn dieser Augenblick erniedrigte vor seiner Frau und sich selbst.
Dann aber zuckte ein Blick durch seine Wimpern, daß das Herz des Kindes erbebte.
Er hob langsam den Kopf und wände seiner Gemahlin langsam den Rücken, um unsicher, wankend wie ein Kranker, davon zu schreiten.
Frau Melanie stürmte ihm nach und hielt seinen Arm.
„Verzeih, Rüdiger! Ich habe Dich beleidigt, ich war so heftigrief sie plötzlich, wie ein Kind in convulsivisches Schluchzen ausbrechend. „Ach, ich bin so unglücklich, daß unser Plan fehlgeschlagen ist. Rüdiger, sag' mir um Gotteswillen, was soll nun werden?"
„Wart's ab!" entgegnete er rauh. „Vielleicht thue ich Dir den Gefallen und setze mich wieder auf die Schulbank!"
„Unsinn! Dein Assessorgehalt könnte uns auch nicht ernähren. Wir müssen etwas Anderes ausdenken, um zu Gelde zu kommen!"
Er stieß ihren Arm rücksichtslos von sich. „Gut, denk' Dir nur etwas aus — ich bin ja ein zu schlechter Diplomat! Wenn ich noch einmal Einen in's Irrenhaus bringen wollte, der leider nicht verrückt ist, möchte cs mir am Ende abermals nicht glücken!"
Die Stimmen verklangen, nur das schrille, weinerliche Organ der Gräfin hallte noch ein paar Mal zurück, dann war es still in der Ruine wie zuvor.
Die eiserne Thür schlug zurück und Wulff-Dietrich taumelte die steinerne Stufe empor.
Sein junges Gesicht war aschfahl, es sah gealtert aus wie das eines Mannes.
Er stand und strich mit zitternden Händen die Haare aus der Stirn, angstvoll, wie ein Mensch, welcher aus schwerem Traum erwacht, starrte er um sich her.
Wie ein Schüttelfrost flog es durch seine Glieder, mechanisch setzte er sich nieder und schlug die Hände vor das Antlitz. Die Eröffnungen dieser Stunde waren entsetzlich, so qualvoll überraschend, daß seine Seele sie kaum zu fassen vermochte.
Wulff-Dietrich war erst zehn Jahre alt, aber in dieser Stunde fühlte er wie ein Jüngling. Er empfand die Schmach, welche es ist, wenn ein Mann nicht auf eigenen Füßen steht, sondern von fremdem Geld und fremdem Willen abhängt.
(Fortsetzung folgt.)


