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raffinirt jedes äußere Merkmal ihrer Krankheit zu verstecken suchen.
Man sah der Lösung der Dinge im großen Ganzen ziemlich gleichgültig entgegen, denn Graf Rüdiger war ein reicher Mann, dessen Verhältnisse durch den gewonnenen Prozeß kaum eine sichtbare Aenderung erfahren durften, und der Erbherr von Niedeck war zu unbekannt, um die große Menge zu interessiren.
Die Angelegenheit nahm den gewöhnlichen Verlauf, die Zeugen wurden verhört und die Sachverständigen walteten ihres Amtes. Sie hatten ihre Gutachten bereits abgegeben, nachdem sie auch in Niedeck die Rechnungsbücher und den Stand und die Lage der allgemeinen Gutsverhältnisse geprüft hatten.
Nun erwartete man die endgültige Entscheidung des Amtsgerichts.
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In dem elegantesten Villenviertel der Residenz lag in mitten eines wundervollen Parkes der Prachtbau der Villa Casabella, das Eigenthum des Kammerjunkers des Herzogs, Grafen Rüdiger von Niedeck, welcher mehr zum Vergnügen und um wenigstens eine Beschäftigung zu haben, diese Stellung am Hofe bekleidete. Villa Casabella strotzte von Prunk und Schönheitsfülle, wie ein Schmuckkästchen, in welches unersättliche Hände stets Kostbarkeiten häuften.
Man hatte in der Hofgesellschaft Anfangs etwas glossirt über die beinahe unfeine und protzenhafte Weise, mit welcher das gräfliche Ehepaar ihre Reichthümer zur Schau stellte und spottete leise und laut über „la dame parvenue“, welche mit ihrem Speculanten - Geschmack jedwedem Dinge des gräflichen Haushalts den Stempel aufdrückte. Aber Graf Rüdiger war stets tonangebend gewesen und allen Lästerzungen durch sein gefürchtetes Mundwerk so überlegen, daß Niemand wagte, auch nur im Mindesten an seiner gesellschaftlichen Position zu rühren!
Er verstand es, sich voll genialer Arroganz überall zu behaupten, und da seine „Schandschnauze" fabelhaft amüsant und sein opulentes gastliches Haus sehr bequem und angenehm war, so beugte auch diesmal die Macht des Geldes die Rücken der Leute, und Derjenige, welcher zeitlebens am meisten und schärfsten über Mesalliancen gespottet, bewies den Leuten, daß man seine Ansicht ändern und doch des Beifalls der Menge sicher sein kann.
Leute, welche einen großen Onkel oder viel Geld besitzen, genießen nun einmal in der Welt das Prestige, immer Recht zu haben! und wer den Mund am unverschämsten voll nimmt, der wird zur Monstranz, vor welcher sich Alles demüthig neigt und auf die Kniee fällt, wann und wo sie sich nur blicken läßt! — Villa Casabella blähte sich immer hoch- müthiger und dominirte als Königin unter ihren viel bescheideneren Nachbarinnen. Der Park lag im ersten Frühlingsgrün. Die auserlesensten Blumen dufteten und prunkten auf den Teppichbeeten, kostbare Marmorstatuen waren der winterlichen Umhüllungen entkleidet und leuchteten voll märchenhaften Zaubers durch den smaragdenen Schleier jungen Laubes.
Fernerhin, wo sich die herrlichsten Baumexemplare dichter zusammendrängen und einen Wald bilden, wo eine künstliche Ruine für Staffage sorgt und kühle Grotten und Lauben für den pikanten Zauber italienischer Nächte bereit stehen, huscht eine schlanke Knabengestalt über die buntglitzernden Sandwege.
Hie und da bleibt Wulff - Dietrich stehen und späht vorsichtig den Weg zurück, welchen er gekommen. Ringsumher schweift sein Blick in ruhigem Forschen, dann athmet er tief auf. Ec ist dem Haushofmeister unbemerkt entwischt, er ist allein und ungesehen.
Er huscht in die nächste noch kahle Laube, in welcher jedoch schon elegante Bambusmöbel aufgestellt sind, — wirft sich in einen Rohrsessel nieder und zieht ein Buch aus der Sammetblouse.
Mit leuchtenden Augen schlägt er es auf und vertieft sich in die Lectüre der „Aeghptischen Königstochter", welche ihm, als noch nicht Paffend für seine Jahre, von dem Erziehungstyrannen untersagt ist.
Wulff-Dietrich liebt aber nichts mehr auf der Welt, als gute, interessante Bücher.
Er versteht sie auch besser als man ahnt, denn seine Seele gleicht einem stillen, tiefen Wäsferlein, auf dessen Grunde es von heimlichen Schätzen gleißt.
Wer aber hat in Villa Casabella Zeit und Lust, das zu erforschen? — Wulff-Dietrich genießt nicht die Sympathien wie sein kecker, übermüthiger und amüsanter jüngerer Bruder Hartwig.
Er ist ein ernster, schweigsamer Knabe, stolz und spröde bis zur Empfindlichkeit, — seinen Jahren weit voraus, er sieht und beobachtet scharf, und ist ein strenger, ober gerechter Kritiker.
Das ist der Leichtlebigkeit unbequem, und oft hat Gräfin Melanie schon ärgerlich den Kopf geschüttelt und geklagt: „Wo der Junge nur das schwere Blut her hat! — Gewissenhaftigkeit ist ja recht schön, aber wenn sie übertrieben wird, wirkt sie als Pedanterie! Wulff - Dietrich hat alle Anlage zum langweiligen Moralprediger und wenn er sich nicht noch sehr ändert, wird Niedeck unter seinem Commando ein Kloster oder eine Universität!"
Ja, Wulff - Dietrich war ein eigenwilliger Knabe, ein Character im Flügelkleide, aber es war keinerlei Unnatur in seinem Wesen und der kleine Moralist sündigte sogar mit größter Kaltblütigkeit, wenn es galt, an verbotenen literarischen Früchten zu naschen.
Seine großen, dunklen Augen blitzten stolz auf, als ihn sein Vater darüber zur Rede stellte. „Ich lese keine gemeinen und keine gottlosen Bücher," antwortete er fest, „und mir eine gute Lectüre zu verbieten, ist Unsinn. Ob ich sie verstehe oder nicht, — das ist meine Sache."
Dennoch beharrten Eltern uud Lehrer bei ihrem Verbot und dennoch sündigte Wulff - Dietrich mit bestem Gewissen dagegen, so oft sich ihm eine Gelegenheit bot.
Den Kops tief herabgeneigt, las er mit heißen Wangen. Fern her hallte der Straßenlärm, über ihm zwitscherte es im Gezweig. Der künftige Erbe von Niedeck war ein schlanker, und doch sehr kräftiger Knabe, dessen Antlitz schon jetzt den Ausdruck trug, welcher es einst als Männergesicht veredeln und interessant machen wird.
Schmale, feingeschnittene, etwas blasse Züge, welche stolz und ruhig, beinah allzu leblos erscheinen würden, wenn nicht die dunklen Augen tief und seelenvoll aus ihnen hervorleuchteten. Das Haar ist in altdeutscher Art tief in die Stirn geschnitten und fällt bis auf die Schultern, über welche ein kostbarer Spitzenkragen breit zurückfällt.
Der ganze Anzug des jungen Grafen ist so elegant wie kaum bei einem Prinzen.
Die seidenen Kniestrümpfe, die Lackschuhe, der dunkelblaue Sammetanzug sind tadellos, und nach Ansicht der Gräfin sofort unbrauchbar, wenn er auch nur das kleinste Fleckchen aufweist. Die Spitzen des Battisthemdes fallen über die Hand, und wenn die Knaben einmal geturnt, oder mit Kameraden wild gespielt haben, wandern die echten Valenyiennes in die Lumpen! Wer hätte die Kinder jemals gelehrt, Rücksicht auf ihre Kleidung zu nehmen?
„Schonen" war ein ebenso plebejisches Wort wie „sparen", darum war Beides im Hause Niedeck verpönt.
Wulff-Dietrich hatte die Füße übereinander geschlagen und lebte so sehr in allen Gedanken an den Ufern des Nils, daß ihn erst ein leises Bellen ganz in der Nähe aufschrecken ließ.
Das Schooßhündchen der Mama kollerte wie ein weißer Seidenknäuel über den sammetweichen Rasen, und in kurzer Entfernung folgten ihm Graf und Gräfin hastigen Schrittes. Ihr Sohn sprang jählings empor und starrte erschreckt durch das knospende Laub. Die Eltern waren seit einigen Tagen in der schlechtesten Laune, zankten und


