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Sie empfand nicht die geringsten GewisscnSlnsse über ihre niederträchtigen Handlungen. Sie dachte weder an den alten Mann, der tobt in der Bibliothek lag, noch an das Elend, das sie über die arme Nan gebracht hatte. Wie gegen ihren Willen herangezogcn, trat sie noch näher auf mich zu, zupfte mich an dem Shawl und sagte mürrisch: „Nimm diese Dinge ab,- ich will Dich sehen, wie Du bist."
Mechanisch legte ich Hut, Shawl und Handschuhe ab.
Iris Grehlock schaute mich scharf an; sie athmete schwer, ihre mit Juwelen bedeckten Finger zuckten krampfhaft. Sie schien gegen eine unwillkommene, aber überwältigende Wahrheit anzukämpfen.
„Du erinnerst mich an mein eigenes Selbst oder vielmehr an das, was ich vor zehn Jahren war," sagte sie. „Zwar bist Du nicht halb so hübsch, wie ich damals war — Deine Augen sind die einzige anständige Partie Deines Ge sichts. Allein es ist etwas in Deiner Erscheinung, was mich an meine verlorene Jugend mahnt. Jedoch," fuhr sie unwirsch fort, „Du bist nicht mein Kind. Warum redest Du nicht? Bist Du stumm? Glaubst Du etwa, daß Du meine Tochter seiest?"
„Ja," antwortete ich, „und Sie glauben es ebenfalls."
„Noch nicht, noch nicht!" rief sie mit fieberhafter Hast. „Mein Baby hatte ein Zeichen an sich, an dem ich es aus allen Kindern der Welt heraus erkannt haben würde — ein Muttermal, das ihm, wie ich jetzt deutlich sehe, von der Vorsehung aufgedrückt wurde, um mir in einem Augenblick wie diesem zur Hilfe zu kommen. Sei so gut und ziehe Dein Kleid aus, so will ich Dir sagen, was ich meine."
„Ich weiß es schon," antwortete ich, indem ich mein Kleid aufknüpste und dasselbe von meiner Schulter streifte.
Sie stieß einen lauten Schrei aus und taumelte von mir weg. Sie hatte das rothe häßliche Mal gesehen, das mit dem Abdruck einer Hand Aehnlichkeit hatte- ich hatte dasselbe stets als einen meiner vielen Schönheitsfehler betrachtet.
„Wohl erinnere ich mich dieses Males!" keuchte sie. „Ich maß stets dem armen Robert die Schuld bei. Oftmals während unserer häufigen Wortwechsel Pflegte er mich bei der Schulter zu fassen und mich zu zwingen, ihn anzuhören, wenn ich keine Lust dazu hatte. — Es ist mir jetzt unmöglich, länger zu zweifeln. Ich bin gerettet! Ich bin gerettet!" rief sie. „Eine solche glückliche Wendung hätte ich nicht erwartet. Du bist zwar nicht so, wie ich Dich gern hätte, allein Du bist Godfrey Greylocks Enkelin und somit seine Erbin, und das ist Alles, was nöthig ist. Ich bin doch ein wahres Glückskind. Jeden Streich, den das Schicksal mir spielt, macht es auf der Stelle wieder gut. Durch Dich ändert sich natürlich die ganze Sachlage; Sir Gervase kommt gar nicht mehr in Betracht. Ethel — so muß ich Dich nun wohl nennen — Du magst mir jetzt die Hand küssen! Ich habe wirklich Ursache, mich über diese Entdeckung zu freuen. Mit der Zeit werden wir ganz gut miteinander auskommen, namentlich wenn ich Dich so gelehrig und folgsam finde, wie die arme Nan es war."
Ich küßte ihr die Hand nicht und gab auch keine Versprechungen für die Zukunft. Sie hatte mich zwar als Tochter anerkannt, allein ich fühlte, daß ich ihr weder Vertrauen noch Achtung schenken konnte. Sie lieben? — Nein, das war unmöglich. In mir sollte sie nie die Folgsamkeit finden, welche sie an Nan gerühmt hatte.
Sir Gervase hatte inzwischen Miß Pamela von den gemachten Entdeckungen in Kenntniß gesetzt. Auf der Stelle ließ mich dieselbe rufen und drückte mich mit Inbrunst an ihr Herz.
„Mein armes, geprüftes Kind!" rief sie mit mütterlicher Zärtlichkeit. „Welch' schreckliche Erfahrungen mußtest Du machen? Das Alles hast Du Deiner Mutter zu verdanken. Denke nur an all' das Unglück, das heute durch sie über dies Haus kam! Mein Gott, mein Gott! Wo mag die arme Nan sein? Wie bereue ich es, daß ich sie in der Kirche von
mir stieß! Ich war jedoch so entsetzt und erschüttert, daß ich nicht wußte, was ich that. Ich werde mir ewig über mein Benehmen Vorwürfe machen. Das arme Kind! Ihr ist kaum minder übel mitgespielt worden als Dir!"
„Nan muß aufgefunden und hierher zurückgebracht werden," antwortete ich.
„Edles, großmüthiges Mädchen!" schluchzte Tante Pamela, indem sie mich auf's Neue an ihr Herz drückte.
Zeitungsaufrufe, in denen Nan gebeten wurde, unverzüglich zu ihren trostlosen Freunden zurückzukehren, wurden in sämmtlichen hervorragenden Blättern des Landes veröffentlicht,- Privatdetectivbeamte machten sich nach allen Richtungen hin auf die Suche nach der Verschwundenen- doch ach, weder die gedruckten Aufforderungen noch die unablässigen Bemühungen der erfahrenen Beamten hatten den geringsten Erfolg! Nan kehrte nicht zurück- alle unsere Maßregeln verschafften uns nicht die geringste Spur, die zu ihrer Entdeckung führen konnte.
Godfrey Greylock wurde an einem stürmischen December- tage zu Grabe getragen. Miß Pamela, der Baronet und ich als die einzigen Leidtragenden gaben ihm das letzte Geleite. Als die Beerdigung vorüber war, kehrten wir nach dem Hause zurück, um der gerichtlichen Oeffnuug des Testamentes beizuwohnen.
Es war ein kurzes Dokument. Außer einer reichen jährlichen Leibrente für Miß Pamela und angemessenen Legaten für die treuen Dienstboten des Hauses war das ge- sammte Vermögen des Dahingeschiedeuen — Häuser, Ländereien und Geld — bedingungslos seiner Enkelin Ethel, der Tochter seines tobte« Sohnes Robert Grehlock, unb ihren Erben vermacht.
Der Anwalt der Familie gratulirte mir mit freundlichen Worten.
Tante Pamela drückte mich an ihre Brust und flüsterte mir zu: „Das ist, wie es sich gebührt."
Sir Gervase nahm meine Hand in die seine und sagte ruhig: „Sie sind jetzt im unbestrittenen Besitz des Greylvck'schen Vermögens und ich hoffe, Sie werden darin eine Entschädigung für die erduldeten Leiden und Entbehrungen finden. Und nun, liebe Cousine, was gedenken Sie in Ihrer neuen Position zuerst zu thun?"
„Nan aufzufinden und mein Vermögen mit ihr theilen," erwiderte ich ihm.
Er lächelte traurig. „Immer treu und aufopfernd!" murmelte er. „Und dann?"
Meine Achtung vor dem Baronet stieg von Stunde zu Stunde. Er war durch und durch redlich und edel gesinnt- ich konnte mit ihm offen reden als mit irgend einem Menschen in der Welt. „Zunächst muß ich in die Schule," antwortete ich. „Ich schäme mich jetzt meiner gänzlichen Unwissenheit."
Er blickte mich mit freundlichen, mitleidigen Augen an und sagte: „Sie sind noch jung genug, Cousine, um sich ein paar Jährchen der Aneigung nöthiger Kenntnisse widmen zu können."
Nachdem alle Anderen den Salon verlassen hatten, hatte ich eine Unrerredung mit Iris Greylock. Miß Pamela war bei ihrem Eintritt mit allen Zeichen des Abscheus geflohen, worauf meine Mutter mich lachend bei meinem Trauerkleide ergriff und mich neben sich auf das Sopha zog.
„Ich glaube, es wäre dieser unausstehlichen alten Jungfer lieber gewesen, wenn ich mich heute gar nicht eingestellt hätte," fing sie lebhaft an- „sie denkt nur an meine kleinen Fehler, nicht aber an die unglücklichen Umstände, denen die Schuld beizumeffen ist. Nun, mein Kind, es ist Zeit, daß wir einander verstehen lernen. Du bist jetzt im Besitze eines fürstlichen Vermögens, weißt aber nicht, wie Du dasselbe richtig zu verwalten hast. Denke an das, was Du gewesen bist — eine Dienstmagd, eine Straßenbettlerin! — Puh, es ist zu ekelhaft, davon zu reden! — Denke an Deinen gänzlichen Mangel an Bildung und Kenntnisse! Du bedarfst einer fähigen Person, um für Dich zu denken und zu handeln. In mir, Ethel, findest Du, was Dir fehlt. Ich bin Deine


