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natürliche Beraterin und Vormünderin. Ich will die Sorge für Deine Zukunft und Dein Vermögen übernehmen, Du sollst in keiner Weise mit dummen Geldangelegenheiten be­lästigt werden, was Dir wohl recht lieb sein dürfte, da Du noch viel zu jung bist, um in Geschäftssachen ein Urtheil zu haben. Ich bin ein geborenes Finanzgenie, und Du mußt mir die Verwaltung Deines Vermögens sofort übertragen. Als Mutter und Tochter sind unsere Interessen natürlich dieselben, und darum sollten auch alle unsere Besitzthümer gemeinschaftlich sein. Du hast vorläufig genug damit zu thun, Dir die nothwendigsten Schulkenntnisse zu erwerben."

Ehe ich ein Wort zu antworten vermochte, fuhr sie fort: So ganz häßlich bist Du denn doch nicht. Feine Manieren lassen sich aneignen und die Toilette vermag bei einem Weibe Wunder zu thun. Deine Augen sind nicht übel und Dein Gesicht hat einen spanischen Typus, der einer reichen Erbin gut ansteht. Nun höre! Ich habe bei mir beschlossen, daß Du Sir Gervase Greylock heirathen sollst. Bleibe ganz ruhig, mein Kind, widersprich mir nicht! Oh, ich bin eine famose Heirathsstifterin, Ethel! Kam der Baronet nicht nach Amerika, um die Erbin von Greylock Woods zu heirathen? Warum sollte er diesen Vorsatz jetzt aufgeben? Du mußt ihn über den Verlust seiner ersten Braut trösten. Muth, mein Kind, Du kannst es thun, wenn Du auch nicht Nans Schönheit besitzest."

Ich war so bestürzt und empört, daß ich unwillkürlich aufsprang und rief:Aber, Mutter!"

Sie lachte und sagte:Wie einfältig Du aussiehst! Sei nicht thöricht, sondern überlasse es mir, die Sache einzu­fädeln. Sir Gervase"

Halt! Kein Wort mehr! Das ist ja empörend!" rief ich, indem ich mir die Ohren zuyielt und den Salon schleunigst verließ.

Nach etlichen Tagen kam die unvermeidliche Krisis. Meine Mutter verließ die Rosen-Villa ganz und gar und quartierte sich im Herrenhause ein. Hier erregte ihr Einzug allgemeine Verwirrung. Die alte Hopkins und die übrigen Dienstboten weigerten sich positiv, Befehle von ihr anzu­nehmen. Miß Pamela floh nach ihren Gemächern und er­klärte, dieselben nicht verlassen zu wollen, so lange die Wittwe ihres Neffen im Hause bliebe.

Sir Gervase blickte ernst darein. Ich selbst sagte nichts und that auch nichts. Sie war meine Mutter was konnte ich thun?

Eines Morgens saß ich mit Sir Gervase in dem warmen, Hellen Frühstückszimmer und sprach mit ihm über die gänz­liche Erfolglosigkeit unserer Bemühungen, auf Nans Spur zu kommen. Er hatte mir werthvollen Beistand in der Ange­legenheit geleistet, ob es aber um Nans willen oder aus Ge­fälligkeit gegen mich geschehen war, vermochte ich nicht zu entscheiden. Seine Zurückhaltung war undurchdringlich, ich wußte so wenig wie je, ob er Nan noch liebte oder nicht. Nach zweitägiger Abwesenheit, deren Grund er nicht erklärte, war er eben nach Greylock Woods zurückgekehrt- ich konnte deutlich sehen, daß er sich Gewalt anthun mußte, um heiter und gutgelaunt zu erscheinen.

Es ist doch sonderbar," begann ich,daß ich noch immer keine Spur von Nan habe! Ich habe Jedermann in meine Dienste gepreßt, ich habe erfahrene Detectivbeamte nach allen Richtungen ausgesandt, doch Alles ohne den ge­ringsten Erfolg. Wenn ich nur den allerschwächsten Anhalts­punkt hätte, so würde ich ohne Zögern selbst in die Welt hinausgehen und nicht eher zurückkehren, als bis ich Nan gefunden hätte."

Ich glaube," sagte Sir Gervase ernst und mit Nach­druck,daß sie auf die Bühne gegangen ist."

Ich blickte ihn mit großen Augen an.

Nichts ist wahrscheinlicher," fuhr er fort.Sie wissen vielleicht nicht, daß sie eine wundervolle Tänzerin ist; ein Talent, welches sie ohne Zweifel von ihrem Vater geerbt hat. Sie wird den Marktwerth desselben schon erkannt haben.

Hochgebildete Mädchen von tadellosem Ruf werden zuweilen durch die Noth gezwungen, sich dem Ballet zu widmen."

Dem Ballet!" wiederholte ich mit Entsetzen,Nan in Tricot, kurzen Röcken und Flitterkram? Nein, das glauben Sie selbst nicht, Sir Gervase, so weuig wie ich, so tief würde sie sich nie erniedrigen. Sie sind auf der falschen Fährte."

Ich denke nicht," antwortete er kopfschüttelnd.

Wenn Sie eine Spur haben, warum sagen Sie es mir nicht?"

Ich habe keine," erwiderte er;als ich aber gestern und vorgestern in der Stadt war, zog ich unter Bühnen­mitgliedern Erkundiguugen ein, besuchte auch selbst mehrere Theater in New-Uork. Keine Person, die mit Nan Aehnlich- keit hat, war dort gesehen worden, und dennoch brauche ich nur an ihr wundervolles Tanzen zu denken, um mich in meiner Ueberzeugung zu bestärken."

Die Kinder der Armuth können ihren Beruf nicht selbst wählen. Wie konnte ich wissen, ob Nan in ihrer Noth und Verlassenheit nicht wirklich zu dem Entschlüsse gekommen war, dieses erweckte Talent zu verwerthen, um sich vor Hunger und Mangel zu schützen?

So senden Sie Boten nach anderen Städten, nach anderen Theatern," rief ich.Wir müssen die ganze Welt nach ihr durchsuchen! Glauben Sie, daß ich sie einem solchen Leben überlassen werde?"

Nein, ich weiß, daß Sie dies nicht thun werden," er­widerte er.Ich bin Ihren Wünschen in diesem Punkte bereits zuvorkommen, Cousine, und habe eine zuverlässige Person abgesandt, um unter dem Balletcorps anderer Städte Nachforschungen anzustellen."

Tausend Dank!" rief ich, doch ehe ich ein weiteres Wort sprechen konnte, ging die Thüre auf, und meine Mutter trat herein.'

Sie war reizend gekleidet, und an ihrem Busen prangte ein prächtiges Rosenbouquet. Als sie Sir Gervase bei mir allein sah, begannen ihre Augen zu funkeln. Sie gewahrte meinen Unwillen über die Unterbrechung unseres Gespräches, legte demselben aber eine falsche Deutung bei.

Nun, was ist mit Euch Beiden los?" fragte sie, indem sie auf uns zuhinkte.Ein Zank? Pfui, pfui! Ah, Sir Gervase, Sie beabsichtigten doch nicht, nach England zurückzu­kehren ?"

Noch nicht," antwortete der Baronet;ich habe hier noch eine Aufgabe zu lösen, ehe ich mich nach meiner Heimath einschiffe."

Wie freut mich das! Ethel scheint sich jetzt ganz und gar auf Ihren Rath und Ihre Hülfe zu verlaffen. Ich bin überzeugt, daß sie sich ohne Ihren Beistand in ihrer neuen Stellung nicht zurechtfindeu würde. Oh, ich verstehe," fuhr sie fort, indem sie uns einen scharfen Blick zuwarf,Ihr spracht da eben von Nan. Hat man noch nichts von ihr erfahren?"

Nein," antwortete ich trocken.

Sie zog plötzlich einen Brief aus der Tasche. Die Luft schien mit Electrieität geschwängert zu sein. Ich athmete tief auf in der Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.

Bereitet Euch auf einen herben Schlag vor," sagte meine Mutter mit ihrem süßesten Lächeln.Soeben habe ich diese Zeilen von der armen Nan erhalten. Sie kennen ihre Handschrift jedenfalls, Sir Gervase. Lesen Sie! Das unbegreiflich verblendete Geschöpf hat sich wirklich verheiralhet. Und mit wem, meinen Sie? Nun, mit dem tollen Anbeter, der sie bei den alten Salzgruben zu tödten suchte. Roman­tische Mädchen find nur geneigt, solche Dinge zu verzeihen, da sie nur einen Beweis der Liebe darin erblicken."

Ich blickte Sir Gervase forschend an. Sein braunes Gesicht wurde plötzlich blaß wie der Tod. Er ergriff den Brief, den meine Mutter ihm dareichte; ich konnte deutlich sehen, wie seine Hand zitterte.