378
Kind an, damit es so lieblich wie möglich aussieht; auf Ethel beruht all' meine Hoffnung."
Hannah gehorchte; sie war selbst ebenso erregt wie ihre Herrin. Der unbezahlte Lohn von zwei Jahren tauchte in ihrer Erinnerung auf; vielleicht zeigte sich dieser reiche Mann geneigt, die Schulden ihrer Gebieterin zu berichtigen. Die Beiden stiegen mit dem Kinde die Treppe hinab und nahmen ihre Sitze in der Equipage ein. Die Vollblutpferde setzten sich in Bewegung und Pflogen mit Windesschnelle von Blackport nach den Pforten von Greylocks Woods.
Iris lehnte sich in den weichen Polstern des Landauers zurück und drückte in freudiger Erwartung das Kind an ihre Brust. Seit langer Zeit war dies das erste Mal, daß ihr der Luxus einer Fahrt in einer eleganten Equipage zu Theil wurde; ihr Herz schwebte zwischen Furcht und Hoffnung; sollte sie einen Triumph oder eine Niederlage erleben? Die Pforte des Parkes stand weit offen, wie um sie zu be willkommnen.
Das Kind klatschte vor Freude in die kleinen Händchen. „Oh, der schöne Platz!" rief sie, „hier ist er, Mama, der schöne Platz!"
„Ja, mein Kind; sieh nur, wie herrlich er ist, und wisse, daß dies Alles einem Fremden zufallen wird, wenn Du es ihm nicht entreißen kannst."
Die Equipage fuhr unter den Kastanien der Hauptallee entlang, allein nicht nach dem Thor des Herrenhauses. Der schwarze Kutscher hatte seine Ordre erhalten. Zu Iris Erstaunen ließ er das stattliche, braune Gebäude hinter sich und fuhr weiter, an Treibhäusern, Blumengärten, einem Fischteich und einer Brücke vorüber, bis die Equipage endlich eine im Herzen des Parks gelegene Villa erreichte, die eine volle halbe Meile vom Herrenhause entfernt war. Hier hielt der Kutscher an.
Mrs. Iris Greylock blickte umher und sah ein hübsches weißes Haus mit phantastischen Giebeln und Erkern und einem luftigen Vorbau, auf welchem sich eine zierliche Hängematte im Winde schaukelte. Vom Dache bis zur Erde war die ganze Front von Rosen verhüllt, die jetzt in voller Blüthe standen, gelben, rothen und weißen, Moos- und Dornenrosen. Die Blüthen rahmten jedes Fenster ein; sie hingen wie Banner über den Thüren, bedeckten den Vorbau wie mit einem spanischen Schirm. Als der Kutscher vor dem Eingang der Villa Halt machte, kam eine fette, ältliche, weibliche Gestalt die Treppe herab, um die Gäste in Empfang zu nehmen. Es war Mrs. Hopkins, die Haushälterin im Herrenhause. „Ich habe von Mr. Greylock den Auftrag erhalten, Sie im Hause umherzuführen," sagte sie; „er wünscht, daß Sie stimmt liche Räumlichkeiten in Augenschein nehmen; er selbst wird bald hier sein, um mit Ihnen zu reden. Geben Sie mir das Kind."
Mit diesen Worten nahm sie Ethel in ihre Arme. Die Thränen rollten über ihre Wangen hinab. „Dies ist also des armen Robert Tochter! Gott segne sie! Sie hat die blauen Augen und hellblonden Haare ihres Vaters."
Iris stieg aus, nicht wenig verwundert über diesen sonderbaren Empfang. Unter den herniederhängenden Rosen hinkte sie, auf Hannahs Arm gestützt, in die Villa. Die alte Hopkins ging ihnen als Führerin voran und öffnete die Thüren auf beiden Seiten des breiten getäfelten Hausganges.
Da war ein eleganter Salon in Terra-Cotta und Blau, mit Tischen und Stühlen von Ebenholz, einem Plüschteppich und vielen kostbaren Kleinigkeiten, ein Boudoir in Rosa, mit Gemälden an den Wänden und einem Piano in einer Ecke, ein allerliebstes Speisezimmer mit einem von Rosen überhangenen Erkerfenster, Küche, Geschirrzimmer und im oberen Stock luftige und fchön möblirte Schlafzimmer, sowie eme Kinderstube voll Sonnenschein und Blumenduft.
„Schon seit Jahren hatte Mr. Greylock diese Villa vermiethet," sagte die alte Hopkins; „vor einigen Tagenaber zogen die Leute aus, und das traf sich gut. Wir haben
I unser Bestes gethan, um die Zimmer in Ordnung bringen * die meisten Sachen kamen aus dem Herenhaus. Doch bd klingelt es! Mr. Greylock ist hier; er wird Sie sostn zu sprechen wünschen."
Iris ließ Hannah oben; sie nahm das Kind bei der Hand und hinkte mit demselben die Treppe hinab nach dem Salon. . w
Godfrey Greylock war angekommen; er schritt langsam im Zimmer auf und ab und sah ungemein grimmig und feindlich aus, ganz und gar nicht wie ein versöhnlicher Schwiegervater. „Madame!" begann er, „ich habe Sie mit meiner eigenen Equipage holen lassen, um diese mir unangenehme Unterredung so rasch wie möglich hinter dem Rücken zu haben."
Er warf keinen Blick auf Ethel, die, ein wahrhaftiges kleines Engelsbild, neben Iris stand; vielleicht getraute er sich nicht, in die Veilchenaugen zu blicken, die denen feines tobten Sohnes so ähnlich waren.
„Ich habe reiflich über unsere gestrige Unterredung nachgedacht," fuhr der alte Herr fort, „sowie über Ihn und des Kindes Bedürfnisse. Meine Haushälterin hat Ihnen diese Villa gezeigt; wollen Sie hier bleiben?"
„Ganz entschieden."
„Ich will nicht, daß Robert Greylocks Tochter heimath- los ist oder der öffentlichen Mildthätigkeit anheimsällt; und da Sie als ein natürlicher Anhang zum Kinde zu betrachten sind, so ist es leider Gottes nothwendig, auch für Sie zu sorgen."
„Sie sind sehr gütig," antwortete Iris pikirt.
Er warf ihr einen durchdringenden, verächtlichen Blick zu und sprach weiter: „Ich biete Ihnen auf gewisse Bedingungen hin die Rosen-Villa zum Aufenthalte an. Sie halten sich Ihre eigene Bedienung, führen Ihre eigene Lebensweise; ich mache mich anheischig, Ihre Rechnungen zu zahlen."
„Ich habe leider einige Schulden."
„Auch diese sollen erledigt werden."
Iris schlang ihren Arm um das Kind. „Und die Bedingungen?" sagte sie.
„Er fuhr fort, im Zimmer auf und ab zu schreiten, ohne das Kind anzublicken. „Sie sollen hier in strenger Abgeschlossenheit leben, nie Besuche empfangen, nie ohne mein Wissen und meine Einwilluug dieses Anwesen verlassen. Innerhalb meiner Grenzen gilt mein Wille als absolutes Gesetz, dem sich Alle zu unterwerfen haben, die hier leben. Diese Villa ist eine ziemliche Strecke von dem Herrenhaus entfernt, Ihr Haushalt und der meinige dürfen nicht miteinander in Berührung kommen — ich möchte nicht zu häufig an Ihre Nähe erinnert werden; Sie sollen sich also fern von mir halten, jeden Verkehr mit mir meiden, der nicht alsolut nothwendig ist; Sie sollen es niemals vergessen, daß es einzig und allein um des Kindes willen geschieht, daß ich Ihnen diese Heirnath anbiete."
„Und um des lieben Kindes willen nehme ich dieselbe an!" antwortete Iris mit einem Anfluge von Würde.
„So wäre diese Angelegenheit also erledigt, erwarten Sie aber nichts von mir, weder jetzt, noch in der Zukunft. Ich wiederhole Ihnen, was ich bereits gestern sagtet Mein Testament ist gemacht, mein Erbe gewählt."
„Verzeihen Sie die Neugierde einer Mutter; darf ich nach seinem Namen fragen ?"
„Sir Gervase Greylock von Sussex in Ettgland. Und nun, Madame, alle übrige Angelegenheiten können Sie mit meiner Haushälterin besprechen. Senden Sie mir Ihre Rechnungen zur Erledigung. An dem Tage jedoch, an dm Sie meinen Befehlen zuwiderhandeln, werde ich mich meiner freiwillig eingegangenen Verpflichtungen entbunden erachten. Leben Sie wohl; ich hoffe, daß wir keine Veranlassung haben mögen, je wieder miteinander zu reden."
Er verbeugte sich und schritt aus der Thür.
Iris beeilte sich, Hannah herbeizurufen. Ein verlockender Imbiß wartete im Speisezimmer; der schwarze Hut und


