Ausgabe 
19.1.1897
 
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einen trübseligen Anblick gewähren. Aus solchen Torfmooren oder Moorbrüchen ist jeder Schritt gefährlich. Der Betretet geht wie auf Gummi, und wenn er einsinkt, verschwindet er rettungslos in den schwarzen Abgrund. Aus obiger Schil­derung ersehen wir, daß die Torsmoore durch die immer neu hinzukommenden Pflanzentheile beständig wachsen, das heißt, die filzige Schicht wird immer dicker, das Moor erhebt sich. Diese Erhebung kann eine so gewaltige sein, daß sie sich wie ein aussichtversperrender Wall zwischen ganzen Ortschaften aufthürmt. Roßmäßler berichtet über Fälle, in welchen Torf­moore sich in wenigen Jahrhunderten so bedeutend erhoben haben, daß Ortschaften, die an deren Rändern gegenüber lagen und sich bisher sehen konnten, dies jetzt nicht mehr vermögen.

Wie ist es aber möglich, wird der Leser mit Recht fragen, daß das Torsmoor zum Hochmoor werden, also in der Mitte höher, als am Rande emporsteigen kann, ohne daß das Wasser der höher emporgestiegenen Mitte abfließt? Zur Erklärung dieser Erscheinung nehmen wir am besten das Beispiel des Badeschwammes. Gleich ihm besitzt das Torfmoor die Eigen­schaft, sich voll Wasser zu saugen, die Flüssigkeit sestzuhalten. Vor allem zeichnen sich die zwischen den übrigen Pflanzen üppig wuchernden Moose durch die wasserhaltende Kraft aus, welche selbige bekanntlich auch in unseren Wäldern bethätigen, indem sie den Regen auffangen und aufbewahren, auf diese Weise den Bäumen auch in Perioden der Trockenheit das zum Wachsthum und Gedeihen nöthige Lebenselement sichernd.

Sehr nahe liegt nun die Möglichkeit, daß sich solche filzartige, elastische, unsichere Schichten in Bewegung setzen können. Irgend ein Zufall trennt einen Theil vom Ufer los und erzeugt eine schwimmende Insel, deren Pflanzen- und Grasdecke so dicht ist, daß sie ganz den Eindruck eiuer wirk­lichen Insel macht. Wie Bommeli mittheilt, findet sich eine solche Insel auf dem See von Reunforn in der Schweiz, die von solcher Festigkeit ist, daß dort das Gras abgemäht und eingesammelt wird.

Auch in Deutschland haben wir die Erscheinung eines schwimmenden oder wandernden Moores in dem schwim­menden Land bei Waakhusen, einem Theil des großen Teufelsmoores zwischen Lilienthal und Bremervörde, das noch wunderbarere Eigenthümlichkeiten aufweist. Auch hier handelt es sich um schwimmende Moorinseln, oder vielmehr um ein regelloses vagabondierendes Treiben der einzelnen Moortheile gegen- und durcheinander. Schon Plinius kannte das merk­würdige Naturwunder, und ein Rector Roth in Stade schrieb 1718 darüber:Waakhusen hat einen gar besonderen Grund, mit Moor umgeben. Wenn hohe Wasserfluthen kommen und Sturmwinde wehen, so wird zwar das Moor vom Wasser überschwemmt, das fruchtbare Land aber nebst den darauf stehenden großen Buchbäumen wird von der verborgenen Fluth und dem Wasser, so unter dem Lande ist, hin- und herge­trieben, daß mancher Hausmann große Mühe haben muß, seinen Hof nebst den darauf stehenden Eichbäumen wiederum auf die vorige Stelle zu bringen.^

Während der Regentage des Herbstes saugt sich nach der Schilderung eines zeitgenössischen, offenbar ortskundigen Schriftstellers die Moorbodenlage voll von Wasser gleich einem Schwamm. Tritt nun Frost ein, so erstarrt das Wasser zu Eis. Die obere Moordecke ist sehr lose mit der braunen Unterschicht verbunden, es bedarf nur des Einflusses des Wassers und der Kälte, um sich von einander zu reißen. Die Moorschichten treiben hoch, haben nach unten keinen Halt mehr und leisten sich ein vagabondierendes Dasein. Die Ge­bäude der Bewohner sind errichtet aufWurten", die all­mählich ausgeworfen und erhöht worden sind. Diese Wurten stehen fest, denn der aufgeschüttete Sand und Ballast hat den Torfboden derart niedergedrückt, daß er den Dünensand­boden erreicht hat und auf demselben fest sitzt. Ist einmal

diese Bodenschwere erreicht, dann hört freilich das Schwimmen auf. Aehnlich ist es auch mit den Landstraßen, die infolge der fortwährenden Aufschüttung von Sand fest liegen, während die Felder zu beiden Seiten sich heben.

Ganz Waakhusen wackelt, wenn zur Zeit der Schnee­schmelze das Treiben beginnt, und einen gar eigentümlichen Anblick gewährt es, wenn zu Beginn desUmsturzes" die Aecker längs der Landstraße sich aufblähen, auseinander bersten und ein lustiges Vagabondenleben antreten. Das giebt eine gewaltige Verschiebung im Lande, denn kein Grundbesitzer weiß, ob nicht der schönste Baum vor seinem Lande plötzlich von der Wanderlust ergriffen wird, und vergnüglich seiner Wege schwimmt. Liegen Stege oder Brücken über den Gräben, so bleibt beim Hochwasser zuweilen das eine Ende derselben in der Tiefe stecken, während das andere Ende sich hinaus schiebt, hoch empor hebt und auf den schwimmenden Acker mie auf eine Anhöhe hinaufführt. All dieses Unheil richten die Gewässer der sonst so ruhigen Hamme an, welche das Moor­gebiet durchfließt. Sie speist alle Kanäle und Gräben der­art reichlich mit Wasser, daß dasselbe in das Moor tritt und aus demselben eine schwammähnliche Blase bildet, deren oberer, 8 bis 10 Fuß dicker Rand sich abhebt und in trei­bende Bewegung.geräth. Die Torflage der schwimmende« Wiesen ist oft so dünn, daß wenn ein Wagen darüber fährt, der Boden sich unter den Rädern und den Pferden senkt, hinter den Wagen sich aber wieder hebt. Die Häuser sitze« unter solchen Umständen natürlich nicht fest, sie verändern in jedem Frühjahre ihre Grundlage und müssen mittelst unter sie gesetzter hölzerner, etwa ein Meter langer Schrauben, je nach Bedarf in die Höhe gehoben werden, eine Prozedur, bei welcher die aus Fachwerk errichteten Gebäude derart be­schädigt werden, daß'sie nach wiederholtem Aufschraube« neu gebaut werden müssen.

Kein Zweifel nun, daß wir in dem wandernden Torfmoor von New-Rathmore eine gleiche ans ganz ähnlichen Ursache« entspringende Erscheinung vor uns haben. Alle Berichte stimme« darin überein, daß der Bewegung des Moores anhaltende Regengüsse voraus gegangen sind. DerBadeschwamm" h«! vermuthlich die zu groß werdenden Wassermassen nicht mehr halten können oder doch der beständige Zufluß die Veranlassung zum Abfluß gegeben, worauf ja auch die Bemerkung in de« Berichten deutet:Das Moor sei eingesunken und in Bewegung gerathen." Nach allen Seiten zerstreut sich die halbflüssige Tors- masse oder concentrirt sich je nach der Localität auf abschüssige« Terrain, wo sie dann wie ein dicker, träger Strom dahinrinnt, Thäler und Kessel, denen sie auf ihrem Wege begegnet, natürlich ausfüllend und alles darin befindliche in ihrem Schlamme be- grabend.

In anderen Fällen können auch chemische Prozesse ben Anlaß zur Bewegung schlammiger Massen geben: Expansiouc» von durch Fäulniß oder andere Ursachen entstehenden Gase« Solche Ursachen wirken zum Beispiel bei den sogenannte« Schlammvulkanen, kegelförmigen Thotthügeln, wie wir fit u. a. in Sicilien, Java, Island und Südamerika finden^ Der Regen spielt auch hier insofern eine Rolle, als er btt in denKratern" der Kegel befindlichen Thonmassen aufweicht und in flüssigen resp. halbflüssigen Brei verwandelt, durch welchen die Gase bei ihrer Entweichung hindurch müssen um den sie deshalb in steter Wallung erhalten. Ist der Br» nun zähe, so vermögen ihn die Gase nicht zu durchdringe«, sie blähen seine Oberfläche zu großen Blasen auf, welche platze» und den Schlamm nach allen Richtungen umherspritzen. E findet also eine vulkanische Eruption im Kleinen statt, btt welcher oft sogar Erschütterungen des Bodens, sowie Damsi- und Feuererscheinungen nicht fehlen. Mit dem wandernde» Moor von Killarney stehen die Schlammmvulkane in '»eint Beziehung.

Rcdaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in ®i