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Mdeck. Der letzte dieser Art wird als trübseliger Jung­geselle im Schloß der Ahnen sitzen, und die Herren Minister werden schmunzelnd auf den Tag warten, wo das Besitzthum der ausgestorbenen Familie an die Krone zurückfällt. Lange genug haben wir es ja zu Lehen gehabt, nun ist die Sanduhr abgelaufen, und das Geschlecht geht zu Grunde, weil weil eine Mädchenlaune es also will!"

Fränzchen!! bist Du denn nicht noch auf der Welt?" das Backfischchen sprang auf und schritt erregt im Zimmer auf und nieder.

//Ich! ja! ich bin noch da, und die traurige Rolle, welche ich in der Familiengeschichte zu spielen habe, ist mir bereits zuertheilt, von mir selber. Ich werde sie getreulich zu Ende führen, glaube es mir. Ich weiß, was ich der Freundschaft und unseres Namens Ehre schuldig bin. Und nun still davon, die Sache ist nun erledigt und außerdem höre ich Mama kommen, welche wir mit erfreulicheren Themata unterhalten wollen, als wie mit dem Schreckgespenst des Majoratsherrn!" Schon öffnete sich die Thür und die Gräfin stand auf der Schwelle.

Fränzchen hielt in ihrer erregten Promenade inne und schwenkte mit jähem Ruck einen Sessel herum, der Mutter einen Platz neben Pia am Fenster zu bereiten.

,,Dachte ich es doch! sitzen die Mädels noch und feiern Dämmerstunde!" lächelte Tante Johanna, den Arm liebevoll um den schlanken Nacken der Nichte legend.Nein, schelle noch nicht nach Licht, Fränzchen, es ist ja reizend gemüthlich, in die stille, warme Sommernacht hinauszusehen, ohne daß Nachtfalter und Rheinschnaken durch Lampenlicht in das Zimmer gelockt werden!"

Wir sehen ja auch zu unserer Arbeit!" versuchte Pia zu scherzen, dieweil Fränzchen schweigend von der electrischen Klingel zurücktrat und sich auf den Sessel der Mutter lehnte.

Ich bringe gute Nachricht!" fuhr die Gräfin mit ihrer weichen, etwas verschleierten Stimme fort.Eine Nachricht, welche uns Alle soeben innig erfreut hat. Noch hatte ich nicht auf die Antwort Deines Vaters gerechnet, Pia, und doch traf sie soeben schon ein!"

Ein Brief von den Eltern? o gieb ihn mir, Tantchen, wenn keine Geheimnisse darin stehen!"

Jetzt könntest Du ihn ja doch nicht lesen, liebes Herz, also laß mich mündlich berichten! Vor allen Dingen haben Deine Eltern unsere Einladung angenommen und werden nächsten Donnerstag bereits auf Niedeck eintreffen l"

Hurrah, sie kommen!" jubelte Fränzchen laut auf, sie war plötzlich wie umgewandelt, schien ihre sentimentale Stimmung völlig vergessen zu haben und schwang sich mit kühnem Satz auf das Fensterbrett!Brillant! alle Acteurs müssen für Papas Geburtstag zur Stelle sein!"

Und denk Dir, Pia, Deine Eltern kommen nicht allein, sic bringen sogar noch eine Ueberraschung mit!"

Eine Ueberraschung?" klang es ein wenig gedehnt und beinah a tempo aus dem Munde der beiden jungen Mädchen zurück.

Und was für eine! Dein Bruder Gert ist vor acht Tagen mit S. M. S.Ariadne" aus der Südsee heim­gekehrt und wird morgen einen mehrwöchentlichen Urlaub in die Heimnth antreten; er wird Deine Eitern begleiten und ebenfalls unser lieber Gast auf Niedeck sein!"

Nochmals Hurrah, doppeltes Hurrah!" rief Fränzchen, und ihre rauhe Stimme schnappte beinah über:Das ist ja pyramidal! das ist einfach famos! Gert soll ein riesig fideles Huhn sein, der wird schon für Kurzweil sorgen! Jux, trullullu! ich kann es gar nicht mehr abwarten, bis wir daheim sind!" und dabei fuchtelte sie mit ihren langen Armen durch die Luft und manipulirte mit den Beinen, daß sich ihre Gestalt gegen den Abendhimmel in geradezu grotesker Silhouette abhob.

Und gleichsam als ob ihre Lustigkeit ansteckend wirkte, ward die Unterhaltung so lebhaft und heiter, wie sie seit jenen frohen Aßmannshäuser Tagen nicht mehr gewesen war,

und als Friedrich meldete, daß das Abendbrod servirt sei, begab man sich in so animirter Stimmung zu Tisch, daß Graf Willibald seinen Augen und Ohren kaum trauen wollte.

Die frohe Nachricht hatte außerordentlich günstig auf Pias Befinden eingewirkt.

Sie lebte neu auf in dem Gedanken an das frohe Bei­sammenleben aus Niedeck, und manchmal stand sie, die Hände verschlungen, den Blick wie verklärt zum Himmel gehoben und .wiederholte leise:Das stolze, alte Geschlecht soll zu Grunde gehen, weil eine Mädchenlaune es also will? Nein, bei Gott, sie will es nicht! die Zeit kindischer Laune und kindischen Trotzes ist um!" Und wenn sie Nachts auf dem Lager lag, und der silberne Mondschein über das weiße Briescouvert glitt, welches seine Hand geschrieben, und welches das einzige theure Kleinod war, das sie von ihm besaß, wenn sie es wieder und immer wieder an die Lippen drückte und sein Bild so klar und makellos wie das eines Heiligen vor ihren Augen schwebte, 'dann gewann der Plan, welcher scheu und zaghaft in ihr zu reifen begann, immer mehr Gestalt und Farbe!

Ja, was ihr zuvor wie ein Wahnwitz, wie eine absolute Unmöglichkeit erschienen, das hatte Fränzchens leise klagende Stimme urplötzlich ganz und gar verwandelt.

Sie, die in den aristokratischsten Grundsätzen erzogen war, sollte um einer Laune, einer übertriebenen stolzen Phantasterei willen, eines der ältesten Geschlechter dem Untergang weihen? War ihr dieser Gedanke denn nicht schon früher gekommen? Gewiß, er war es! uub doch hatte sie mit gleichgültiger Kälte die Hand, welche retten konnte, von diesem Geschlecht zurückgezogen.

Jetzt aber war die Liebe gekommen und hatte sie mit tausend geheimen Fäden an den Letzten dieses Geschlechtes gebunden, fest, unlöslich, bis in den Tod getreu, und was ihr fremd und interesselos gewesen, das deuchte ihr nun ein Stück von ihrem eigenen Ich, das war ihrl nahe getreten, wie nichts Anderes auf der Welt, für das empfand, fühlte und litt sie!

Wulff-Dietrich kann als ehrenfester Mann nicht wieder um ihre Hand werben, sie aber, die Schuldbewußte, Reuige kann ihm diese Hand wohl vergebungflehend entgegen­strecken !

Handelt sie unweiblich und keck?

Nein, die Verhältnisse würden sie entschuldigen, wenn ... ja, wenn Fränzchen nicht wäre!

So lange aber wie die Kleine da ist, findet ja Wulff- Dietrich in ihr die Gemahlin mit sechzehn Ahnen, und so lange wie Fränzchen ihm treu bleibt, ist das Geschlecht der Niedecks noch nicht gefährdet.

Liebt ihn Fränzchen aber wirklich, treu und echt? oder war ihre Begeisterung für den Vetter nur eine kindische Schwärmerei ohne Bestand?

Wulff'-Dietrichs vornehm ernstes Wesen paßt so ganz und gar nicht zu Fränzchens Art, und sie, die Kecke, Uebermuths- tolle, kann sich wohl auf die Dauer nicht für einen Mann begeistern, welcher ihren Passionen und Extravaganzen in nichts gerecht wird. Ihr kindisches Gelächter gellt Pia noch immer wie ein Mißton in den Ohren, so lacht kein Mädchen, wenn es sich um das süße Geheimniß seiner Liebe handelt, und außerdem ist es Pia seit jenem Tage aufgefallen, wie kühl und gleichgültig die Cousine von Wulff-Dietrich spricht! Und alsdann . . . Ihr Jubel bei der Nachricht, daß Gert zum Besuch nach Niedeck kommt?

Ach, wie gleichgültig, wie unbeschreiblich gleichgültig würde Pia der Besuch eines jungen, anderen Herrn sein und wäre es selbst der des Königs!

Fränzchen aber ist wie electristrt bei dem Gedanken an den jungen Marineoffizier, von dessen flotter Laune, Schönheit und Schneidigkeit sie gar nicht genug hören kann!

Wie viel hat er schon erlebt! wie viel Interessantes gesehen und gehört!

(Fortsetzung folgt.)