Ausgabe 
18.5.1897
 
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Schatz auf den schönen stolzen Hof führen. Aber das giebts nun einmal net für ihn, scheints."

Am Abend hat sich der Toni auf's Schönste herausgeputzt. heißt, er ist nicht im besten Staat, Gott be- wahre, nur in seinem besseren Alltagszeug, so wie es für bk Gelegenheit sein muß. Aber kein Fleckchen und kein Stäubchen ist an ihm zu sehen, im Knopfloch sitzt eine brenn- rothe Nelke, und der Schnauzer starrt in zwei strammen Spitzen in die Höhe. So ist er aufs Beste geputzt zur Freierei.

Der Vater nickte stolz und befriedigt.Die Marei kann sich wahrhaftig gradelir'n. So ein Hof, und so ein sauberer Bursch. Nu mach mir nur keine Geschichten mit Schenirlichkeit. Das wär' eine schöne Blamasch."

Vater," seufzt der Tont,'s ist mir ganz schlecht zu Muth. Sagt mir blos mal, wie soll ich denn die Sach' anfangen? Ich weiß es wahrhaftig net. Was soll ich denn reden?"

Was sich blos unser Herrgott gedacht hat, wie er Dich mir geschickt hat," bricht der Rosenhofer los.So einen Dummrian giebts net mehr! Und der Bub will sonst so gescheid sein. Was wirst viel reden. Jetzt ist sieben Uhr rüber, wenn Du runter kommst, wirst die Marei wohl antreffen- wie sie die Sonntagsschuh wichst. Das thun doch die hoffärtigen Mädeln all' um die Zeit, damit am Kirchgang die Buben nur ja die Fuß' bewundern können. Na, da sagst halt:Bist Du am Wichsen," dann kriegst Du ein Antwort und das Gespräch ist angefangen. Das ist doch die simpelste Sach' von der Welt. Jetzt schiebst ab, und daß Du mir kein' Dummheiten machst, sonst kriegst's mit mir zu thun."

Der Toni macht sich langsam auf den Weg. Das Herz wird ihm immer schwerer, und der Schritt immer langsamer, je näher er seinem Ziele kommt. Zwar, um den Gesprächsanfang braucht ihm nicht bange zu sein, denn auf den Haustreppen sitzen überall wirklich die Mädchen, eifrig die Sonntagsschuh bearbeitend, deren oft schon eine lange Reihe spiegelblank dasteht. Und beinahe neben jeder ein schäkernder Bursche, der die günstige Gelegenheit benutzt, eine ungestörte Stunde zu plaudern. So ein .Samstagabend beim Schuhwichsen, das ist gerade so, tote eine Gesellschaft bei den Stadtleuten, nur, daß auf dem Dorf die Sache viel lustiger und ungestörter hergeht.

Aber der Toni geht Schritt für Schritt. Ja, die haben's gut, die da zusammen plauschen- haben sich lieb, sagen sich lauter Lieb's und Gut's und die Mädeln kichern all's fort. Man sieht's ordentlich, wie gern sie sich haben. Ob die Marei ihn auch mal gern haben wird, und er sie? Und beinahe wär der Toni umgekehrt. Aber der Vater, die Rosel und der schöne Hof fallen ihm ein, und so giebt er sich einen Ruck, und biegt um die Ecke und steht gerade vor des Schulzenbauern Hof. Aber o Schrecken, die Treppe ist leer. Die Marei wichst keine Schuhe heut' Abend, sie wartet sicherlich in der Stube feierlich auf seinen Besuch. Da verschwindet auch schon ein auslugendes Ge­sicht vom Fenster, er ist gesehen worden, zurück kann er nit mehr, und während er spürt, wie es ihm im Halse würgt und tote ihm das Blut in den Kopf geht, poltert er die Hausthür hinein, stößt die Stubenthür auf, sieht undeut­lich ein paar Menschen um den Tisch sitzen und stottert so ein halbersticktes:

Gu'n Abend."

Gu'n Abend auch."

Dann ist's wieder ganz still.

Und in Heller Verzweiflung stößt der Toni heraus: Seid ihr am Schuh-Wichsen?"

Ein Paar Löffel, die gerade an den Mund geführt werden sollen, klirren auf die Teller. Ein klein Bischen ist's noch still, aber dann brichts los:

Na, wir sind am Essen," ruft die Marei mit vor Lachen kreischender Stimme, und dann poltern sie Alle:Ha, ha, ha, ob m'r am Schuhwichsen sind: Na so was, na so was lebt net mehr, hi, hi, hi!"

Der Toni fühlt, wie ihm ganz schlecht wird. Das ist die Blamasch, von der sein Vater geredt hat.

Er weiß schon, was jetzt kommt. Sein ganzes Leben wird's man ihm nachsagen eine Dorfgeschicht' wird's werden, wie der Rosentoni auf öie Freierei gegangen ist, und in der Stub' herausgeplatzt ist mit der Frag', ob sie am Wichsen sind. Und im Ohr klingt ihm das höhnische Gelächter von der Marei, und er weiß, daß er das Mädel, was ihn so auslachen und verspotten kann, net heirathen kann, nein, net für Alles, und jählings dreht er sich um und tappt noch der Thürklinke. Die Marei lacht noch immer. Der Freier ist ihr ja sicher genug, die beiden Väter haben ja Alles miteinander ausgemacht, da kann sie den dummen Toni mal recht auslachen vorher.

Aber der Toni reißt die Stubenthür auf, und da hört die Marei auf zu lache«. Das wäre ein schlechter Spaß, wenn er kopfscheu würde. Und sie springt schon vor, den Toni zu begütigen.

Aber der Toni bleibt schon von selber stehen. Eine warme Hand hat seine heiße zitternde angesaßt, zwei liebe blaue Augen schauen ihn an, und eine sanfte Stimme sagt:

Laß sie doch lachen, die Gäns', darum muß sich bodi so ein Bub wie Du nix machen."

Und die Hand dreht ihn herum, führt ihn zu einem Stuhl und drückt ihn nieder.

Der Toni hat nachher seiner Frau oft erzählt, wie sic ihn am selbigen Abend auf den Stuhl gesetzt habe, sei ihm ganz schwarz vor den Augen gewesen- aber wie er sie dann genau angesehen habe, und sie ihm gut zugeredet, da sei ihm gewesen, als sei inwendig um sein Herz ein Band gesprungen, was darum gelegen habe. Alle seine Angst und Verschüchert- heit sei fortgeblasen gewesen, und er habe sich nicht einmal vor den bösen Augen der Marei gesürchtet, die voller Zorn und Aerger gesehen habe, was sie sich da angerichtet. Das habe ihn Alles kein Bischen genirt, es sei ihm so wohl gewesen wie nie in seinem Leben.

Um elf Uhr des Abends ist der Toni den Berg hinan nach dem Rosenhof gestiegen. Er hat gesungen und ge­pfiffen, und sich manchmal umgedreht und nach dem Dach des Schulzenhauses geschaut, das er int Hellen Mondschein deutlich gesehen hat. Oben hat sein Vater auf ihn ge­wartet, er hat ihn umfaßt und einen flotten Schottischen mit ihm getanzt, ohne daß der Alte sich hat wehren können.

Bub," hat er zuletzt außer Athem gerufen,bist närrisch geworden. Hast Alles in Ordnung gebracht, he?" Ja, Vater, Alles in Ordnung. Nur 'ne Kleinigkeit hab ich anders gemacht. Daß Du's nur weißt, ich heirath' net die Marei, sondern die Kleine, die Ev."

Toni, Du hast Einen über Durst getrunken."

Na, Vater, keinen Tropfen. Die Eo ist's und heul' in sechs Wochen ist Hochzeit."

Na, mir kannst Recht sein. Aber, tote ist das denn zugegangen? Wie Haffs denn angefangen?"

Angefangen?" Der Toni lacht ausgelassen. Halt, tote Du mir gesagt hast. Ich hab gfragt, ob sie am Wichsen sind!"

* *

Auf dem Rosenhof gehts lustig zu. Der alte Rosen­hofer kann sich net beklagen. Wenn der Nachbarstesan fünf Kinder hat, so sind auf dem Rosenhof acht, Ems immer prächtiger als das Andere. Nur Eins verdrießt ihn manchmal! Daß sie den Toni net den Rosenhofer nennen, sondern denWichser." Aber der Toni lacht dazu und sagt - Vater, das seid Ihr ganz allein schuld." Und weil's so ist, muß der Alte schweigen.

in Gießen.

Redaetion: S. vcheyda. Druck und Verlag der Lrühl'schrn Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schcyda)