Das Kind der Tänzerin.
Roman ans dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann.
------- (Nachdruck verboten.)
1. Capitel.
Ein ehelicher Sturm.
Es war ein kleines, unfreundliches Zimmer, vier Treppen hoch, in einer der Nebenstraßen der Avenues,- eine der vielen Zellen in einem überfüllten Bienenstöcke, das heißt in einem sogenannten Miethhause New-Uorks. Nur ein einziges Fenster gestattete dem Tageslicht Zutritt in dieses Gemach, und die Aussicht, die man von diesem Raume aus genoß, beschränkte sich auf Hinterhöfe und kahle Backstein - Mauern, sowie auf die Dächer niedriger Schuppen, die, mit langen Reihen gefrorener Wäschestücke behangen, von sämmtlichen Katzen der Umgegend als Versammlungsplätze benutzt wurden. Die Thür führte auf einen engen Treppenabsatz, auf welchem die Füße der kommenden und gehenden Miether dumpf dröhnten.
Wie jeder Mensch, so hat auch jedes Zimmer, sei es auch noch so bescheiden, sein eigenes Gepräge. In dem Gemach, von dem hier die Rede ist, waren Unordnung und Unbehaglichkeit die herrschenden Züge. Ein Kohlenfeuer, das in einem eisernen Ofen brannte, erwärmte die eisige Atmosphäre. Der wollene Teppich war voller Löcher und bildete gefährliche Fallen für unvorsichtige Füße. In einer Ecke stand eine Wiege, aus der von Zeit zu Zeit das Aechzen eines kranken Kindes hervordrang/ in einem andern befand sich einTisch, aus dem leere Sodawasserflaschen, Cigarrenstummel, Puder und Schminke, falsche Perlen und unechte Schmucksachen, Kinder-Syrup und Ueberreste von Butterbroden in buntestem Durcheinander umherlagen. Das Sopha und die
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ie wahre Freundschaft kann nur dann Für lange Zeit gedeihen, Wenn sich der Freund daran gewöhnt, Beständig zu verzeihen.
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Schwimmt stolz Dein Schiff auf Glückeswellen, Verschmäh' die Hand nicht, die ein Aerm'rer reicht, Bedenk', Dein stolzes Schiff kann leicht zerschellen, Dann rettet Dich ein kleines Boot vielleicht.
A. Roderich.
Stühle, mit fadenscheinigem Roßhaar überzogen, waren mit weiblichen Kleidungsstücken, Bändern, Pantoffeln, kurzen, phantastisch aufgeputzten Frauenröcken, wohlfeilen Armspangen und Ringen,, sowie künstlichen Blumen beladen. Ein halbfertiges Bühnen-Costüm, in dessen luftigen weißen Falten die Nadel noch steckte, hing von der Sophalehne auf den abgenutzten Teppich herab.
Auf das Auge eines ordnungsliebenden Beobachters mußte dieses Zimmer einen entschieden unangenehmen Eindruck ausüben. Die Herrin desselben stand in diesem Augenblick vor einem alten Spiegel, der sich von der Wand vornüber neigte und ihre ganz kleine Gestalt zurückstrahlte — eine so hübsche Gestalt, daß man bei deren Anblick gern alle ihre Mängel vergaß, und davon besaß Iris Greylock ein gutes Theil.
Sie war eine reizende kleine Brünette mit großen, schmachtenden schwarzen Augen, perlfarbigem Teint und weichen dunklen Haaren, die gleich denen eines Kindes in natürlichen Locken ihren anmuthigen Kopf umwallten. Sie hatte einen kleinen rochen Mund, der indessen bei der geringsten Veranlassung einen schmollenden Ausdruck annehmen konnte, ein schwaches Kinn mit Grübchen und eine merkwürdig schlanke Figur.
Bei dem Publikum war dieses junge Geschöpf als „Sylphide", Ballet-Tänzerin in einem Theater zweiter Klasse, bekannt- im Privatleben war sie Gattin und Mutter, ein Weib, das, wie sie sagte, viel zu leiden und zu dulden hatte. „Trallala!" summte sie, indem sie ihren nicht eben sehr- sauberen Rock vorn ein wenig in die Höhe zog und em allerliebstes Füßchen zum Vorschein brachte. „Trallala!"
Mit diesem Gesumme betrachtete die jugendliche Gestalt ihr reizendes Bild im Spiegel. „Ob ich wohl heute Abend wieder Bouquets erhalten werde? Ob er wohl wieder in der Loge zur Rechten sitzen, seinen Operngucker nur auf mich richten und die übrigen Tänzerinnen dadurch mit Neid und Eifersucht erfüllen wird? Nun, es ist wahr, ich bin hübsch und will auch bewundert sein! Was wäre mir das Leben ohne Bewunderung? Wenn man vier Treppen hoch wohnt und den unausstehlichsten Mann zum Gatten hat, so wäre diese Welt eine Hölle, wenn nicht das Ballet und die Lichter, die Musik und die Huldigungen der Bewunderer einigermaßen Ersatz für die vielen Entbehrungen böten."
Ein klägliches Geschrei aus der Wiege ließ sich vernehmen, allein Iris achtete nicht darauf. Die Stimme ihres eigenen Kindes war das Letzte auf Erden, was sie zu rühren vermochte. Noch einen Augenblick blieb sie vor dem alten, zersprungenen Spiegel stehen, dann begann sie plötzlich, auf


