Ausgabe 
16.12.1897
 
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diesen Postsachen gegenüber und bitte Dich inständigst, mir den Inhalt der Briefe vorzulesen."

Fräulein von Nördlingen zwang sich zu einem müden Lächeln.Aber, Onkelchen, wenn nun Geheimnisse darin stehen?!"

Der Graf ließ sich behaglich in einer Sofaecke nieder und entzündete eine Cigarette.

Unbesorgt, Darling," scherzte er,meine Liebesbriefe lasse ich mir von Johanna direct in die Ohren flüstern! Also los! Bitte, lies die Briefe erst einmal für Dich durch, damit Du mir alsdann ihren Inhalt klar und fließend vor­tragen kannst- so macht es meine Frau auch."

Wie Du befiehlst!" Mechanisch griff das junge Mädchen nach den Schreiben und ließ sie flüchtig durch die Hand gleiten.

Hier ist ein Brief, welcher ganz mit Postbemerkungen beschrieben ist- er scheint viele Umwege gemacht zu haben, soll ich ihn zuerst öffnen?"

Wenn ich bitten darf."

Gleichgültig, ohne näher hinzusehen, öffnete Pia das steife Couvert und schaut mit ihren thränenheißen Augen darauf nieder, sie stutzte.Meine lieben, theuren Eltern?" was bedeutet das? Ihr Blick überflog hastig die erste Seite und hastete auf ihrem eigenen Namen,Miß Lilian Luxor . . ." Was bedeutet das? Sie tritt näher an das Fenster, neigt sich und liest und das Papier knistert wunderlich zwischen ihren eiskalten Fingern, und ihr Athem geht schwer und keuchend, wie bei einer Sterbenden. Sie liest den Brief Wulff-Dietrichs, welchen er an jenem unglück­seligen Morgen an seine Eltern richtete, den Brief, in welchem er zu Gunsten seines Bruders Hartwig auf die Erbfolge von Niedeck verzichten will, weil er im Begriff steht, sich mit einer Amerikanerin, Lilian Luxor, zu verloben! Und wie berichtet er den Eltern von seiner Braut und seiner Liebe! Alle Innigkeit, alle Gluth seines treuen Herzens schüttet er in diesen Zeilen aus, himmelhoch jauchzend als glückseligster Mann, obwohl er sich durch diese Liebe zum Bettler macht!

Pia blickt auf die Zeilen nieder, bleich wie der Tod wird ihr Antlitz, ihr Auge starr und gläsern, ein Frösteln und Zittern geht durch ihre schlanke Gestalt, blutrothe Nebel wallen um sie her, mit leisem Wehgeschrei greift sie tastend um sich

Pia allmächtigter Gott, was ficht Dich an?" Der Graf springt entsetzt auf und eilt zu ihr hin, aber noch ehe er sie erreicht, bricht Pia lautlos, w'ie von einem Blitz­strahl gefällt, vor ihm nieder, auf den Teppich.

Capitel 23.

Mit tausend Wünschen bin ich ausgegangen, Heim kehr ich mit bescheidenem Verlangen, Noch hegt mein Herz nur einer Hoffnung Keim, Ich möchte heim!

Carl Gerock.

Sommerlich heiß leuchteten die Sonnenstrahlen in Pias Zimmer. Auf dem Tisch duftete ein Blumenstrauß, die Fenster standen weit geöffnet, und das junge Mädchen kehrte soeben, auf Fränzchens Arm gestützt, aus dem Garten zurück, um immer noch etwas bleich und erschöpft auf dem bequemen Sessel niedersinken.

Boll rührender Sorgfalt waltete das Backfischchen ihres Pflegeramtes. Sie nahm mit spitzen Fingern, schier drollig in ihrer Unbeholfenheit anzusehen, den leichten Strohhut von den goldenen Löckcheü der Cousine, griff hastig nach dem seidenen Shawl, ihn um die Schultern der Genesenen zu legen und drückte beinahe mit dem Daumen ein Loch in die Wand, als sie den Knopf der electrischen Klingel in Be­wegung setzte, um eine Erfrischung zu bestellen.

Mit gerührtem Lächeln beobachtete Pia den Eifer der Kleinen, welche nur noch für die Cousine zu leben und zu existiren schien.

Eine sanfte, friedliche Ruhe lag auf dem Antlitz des

jungen Mädchens, ein Ausdruck stiller Ergebung, welche überwunden hat. Und gerade diese engelhafte Milde war er, welche ehemals zu ihrer vollen Schönheit gefehlt hatte.

Der Zug herben Stolzes trat zu kühl und abweisend hervor, und die sprühende Heftigkeit blitzte oft zu wetter­leuchtend aus den schönen Augen, um die Eigenart ihres Madonnengesichts nicht zu beeinträchtigen. Zwar hatte das strahlende Lächeln des Glückes ihr Antlitz mit süßem Zauber verklärt, seit Wulff < Dietrich ihren Weg gekreuzt, aber die kleinen Teufelchen des Stolzes und Trotzes hatten sich nur versteckt gehalten, um bei dem ersten Anlaß, in jener un­glückseligen Scheidestunde, doppelt heftig hervorzubrechen.

Nun aber hatte das Schicksal ihnen den Krieg erklärt, hatte Thränen und Seufzer, Kummer und Herzeleid zu Hülfe geholt und durch manch einsame, qualvolle Nacht in heißem Kampf mit ihnen gerungen, bis der Sieg erstritten war! W,. fff-Dietrichs Brief hatte jener im Meer des Leids Er­trinkenden die letzte Rettungsplanke aus der Hand gerissen.

Nun trieb sie durch Tag und Nächte hindurch auf den brausenden Wogen erhitzter Fieberphantasien- aber die Nachtigall sang unter dem Fenster ein süßes, prophetisches Lied der Auferstehung und der Liebe.

Bange, sorgenschwere Tage waren es gewesen, in welchen Fränzchens derbes, frisches Gesicht zum ersten Mal im Leben erschreckend elend ausgesehen hatte, wo sie in hülfloser Angst um Pias Leben seit langen Jahren wieder Thränen in den Augen gefühlt. Aber die junge, kräftige Natur Pias hatte überraschend schnell die Krankheit über­wunden, und als sie zum ersten Mal wieder über die Schwelle ihres Zimmers schritt, glich sie einem Bäumchen im Lenz, welches der Sturm geschüttelt und in Thränenfluthen ge­badet, damit die kleinen, giftigen Jnsecten, welche versteckt in der Blüthenpracht schliefen, herausgeschüttelt und ver­nichtet wurden.

Nun glänzte die Sonne auf einem Engelangesicht, und Fränzchen flüsterte mit leuchtenden Augen in der Mutter Ohr: So schön wie jetzt war sie noch nie!"

Auch mit Fränzchen hatte sich in jener Zeit eine Ver­änderung vollzogen.

Ihr Uebermuth war tiefem Ernst gewichen und auf dem keckem, lebenslustigen Gesicht lag der Ausdruck einer Energie und Festigkeit, welche nichrs Mädchenhaftes mehr an sich hatte.

Es war zu erregten, öfteren Aussprachen zwischen ihr und dem Grafen gekommen.

Was verhandelt wurde, erfuhr und ahnte kein Mensch, aber man schien sich schließlich geeinigt haben, denn Fränzchens Augen blitzten in Genugthuung, als sie mit hochgeröthetem Gesicht die Thüre hinter sich schloß.

Sie athmete tief auf und strich mit dem Taschentuch über die feuchtperlende Stirn, trat zum Fenster und starrte in die Nacht hinaus.

Ein Zug tiefsten Schmerzes bebte um ihre Lippen, nur die Sterne am Himmel sahen, wie ihre junge Seele litt.

Großer, herber Schmerz der Jugend ist Poesie! Auch durch Fränzchens Herz zitterte in dieser Stunde edelmüthiger Entsagung das erste Verstehen dessen, was ein Dichterherz bewegt, wenn sich aus seinem tiefsten Weh die heiligen Lieder ringen!

Aber Fränzchen war eine starke, heldenhafte Natur. Sie überwandt auch die letzte Anfechtung dieser Stunde.

Die Zähne zusammenbeißend, hob sie frisch den Kopf und strich energisch über die Augen.

Dann trat sie schallenden Schrittes, wie immer, in den Salon der Mutter.

Mama," sagte sie mit fester Stimme:ich habe es durchgesetzt! zu seinem Geburtstag wird die Bombe platzen!"

Die Gräfin ließ den Kopf momentan auf die Brust sinken und verschlang die Hände wie in rathloser Er­gebenheit.

(Fortsetzung folgt.)