Ausgabe 
16.12.1897
 
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Da blickt sie in die Augen, die redlichen, klaren Kinder­augen, in welchem sich das Herz spiegelt.

Trägt Fränzchen die Schuld an seiner Untreue?

Nein! tausendmal nein!" Wie ein Aufschluchzen ringt es sich von Pias Lippen, sie schlingt die Arme um die eckige Figur des Backfischchens und birgt das Antlitz an ihrer Schulter.Laß gut sein, Fränzchen, erspare mir die Qual! Es muß ja so kommen zwischen Euch, ob früher oder später, und das soll mein Trost sein, daß Du glücklich wirst, Du liebst ihn ja!"

Keine Antwort/ auf das Höchste betroffen, wie gelähmt vor Ueberraschung starrt Fränzchen auf die Sprecherin, ja, sie ist so perplex, daß sie sogar vergißt, diese Weichheit der Cousine auszunutzen, um sie mit bekanntem Ungestüm abzuküssen.

Ich . . . liebe . . . ihn? . . ." wiederholte sie mit weit aufgerissenen Augen,Du meinst, daß ich ihn . . . daß ich ihn heirathen werde? ..."

Und dann ereignet sich etwas sehr Ueberraschendes. Fränzchen preßt die Lippen zusammen, und pustet die Backen auf, daß sie kirschroth werden, sie will nicht lachen, absolut nicht, aber sie kann es nicht, es geht über ihre Kräfte! Mit einem unarticulirten Laut, halb erstickt im Pruschten und Gurgeln, reißt sie sich los, wirft sich auf einen Sessel, daß die Füße hoch in die Luft fliegen, preßt die Arme über dem Magen zusammen, daß sie sich krümmt, und bricht in ein Gelächter aus, so unbändig, so schreiend und herzaufquellend, als wollte sie ersticken an ihrer eigenen Fröhlichkeit.

Beinahe entsetzt weicht Pia zurück und preßt die Hände gegen die Ohren. Ist die Kleine verrückt geworden?!

Nein, sie ist bei völlig gesunden Sinnen, sie wälzt sich nur vor Lachen!

Und das in dieser Minute!

Auf das Tiefste verletzt wendet sich Pia ab. Welch ein kindisches, albernes Benehmen! und solch eiu thörichtes, kleines Wesen soll die Gemahlin eines Wulff - Dietrich werden!

Ja, sie möchte auch lachen, voll wilden Zornes aber, mit blitzenden Thränen in den Augen!

Da verstummt Fränzchen plötzlich, springt auf und schlingt die Arme ungestüm um den Nacken der Cousine. Verzeih mir Liebstell keuchte sie,aber . . . aber ich . . . ich mußte wahrhaftig lachen ... ich meine es nicht böse, wirklich nicht ... es kam nur so unerwartet . . . und es war so komisch ... ach . . liebe, süße Pia, bitte, zürne mir nicht!" und dann trotz alles Widerstrebens ein schallender Kuß auf die Wangen, und wie ein Wirbelwind saust das Backfischchen davon, glühend und dunkelroth.

Fräulein von Nördlingen aber sinkt müde auf einen Stuhl am Fenster nieder und stützt die schmerzende Stirn in die Hand. Ein Zug tiefer Wehmuth liegt um ihre Lippen und verscheucht den ärgerlichen Ausdruck, welcher zuvor ihr Antlitz beherrscht. Nein, sie will nicht ungerecht sein.

Sie weiß, daß die Verlegenheit sich oft in sonderbarster Weise bei jungen Menschenkindern äußert, und Fränzchen war fassungslos und todtverlegen in diesem Augenblick.

Ihr süßes Geheimniß, welches sie so wohl behauptet geglaubt, plötzlich von Pias Lippen zu hören, hatte sie er­schreckt und verwirrt, und weil sie nicht wußte, was zu antworten, nahm sie ihre Zuflucht zu einer übertriebenen Heiterkeit, welche nichts leugnete und nichts zugab!

Kleine Närrin, gerade dieses sinnlose Gelächter verrieth sie am meisten, und Pia zürnt ihr gewiß nicht darum/ sie weiß, daß sie mit dem Unverstand und den unaufgeklärten Empfindungen eines Kindes rechnen muß.

Wohin sie sich wohl geflüchtet hat?

Horch . . . gedämpft ... aus dem Zimmer der Gräfin herüber schallt abermals ihr Gelächter, jetzt verstummt es, als habe sich jählings eine Hand auf ihren Mund gelegt.

Sicherlich beißt sie in irgend ein Sophakissen, um ihr Organ zu zügeln.

PiaS Blick schweift thränenglänzend durch das Zimmer und haftet jählings aus etwas Weißem, Zerknittertem, welches vor Fränzchens Sessel liegt. Sie erbebt. Sein Brief!

Was gäbe sie darum, könnte sie einen einzigen Blick in diese Zeilen thun!

Fränzchen hat es ihr ja erlaubt und angeboten! Sie begeht keine Jndiscretion, wenn sie das Schreiben aufhebt und liest! Aber nein, nein! wozu das? Sie hat es ja aus seinem eigenen Munde gehört, daß zwischen ihnen für ewige Zeit ein Abgrund aufgeriffen ist, der Majoratsherr von Niedeck kann und wird nie um ihre Liebe werben, nie wieder! Zwischen ihnen braust ein breiter, tiefer, tiefer, Strom, und die Brücke, welche sich mit strahlenden Bogen von hüben nach drüben gespannt, hat Pia selbst voll sünd­haften Trotzes, voll unseliger Heftigkeit hinter sich abgebrochen.

Soll sie nun mit der Verzweiflung im Herzen einsam am steilen Ufer stehen und sehen, wie drüben die Hochzeit gerüstet wird? Nein, nein, es würde zu viel des Leides sein, und doch nur einen Blick auf die Zeilen, welche seine Hand geschrieben, auf welche sein liebes Auge geblickt, nur einmal zärtlich mit der Hand darüber greifen, seine geliebte Nähe wie im Traum zu empfinden!

Soll sie es? Sie erhebt sich mechanisch, sie wankt dem hellen Schein nach--und dann zuckt sie zusammen,

legt aufstöhnend die Hände vor das Antlitz und schreckt zurück, als ob glühende Flammen aus dem weißen Papier empor­schlügen, welche sie verderben wollen.

Soll sie es? darf sie es?

Und wenn ein Fremder dieses Zimmer betritt? Wenn die Dienstboten diesen Brief finden und ihn durch ihre Neugier profaniren?

Mit jähem Ruck neigt sich Pia und reißt ihn von der Erde empor. Sie muß es!

Und dann blickt sie auf das Blatt nieder, welches ihre bebenden Finger kaum zu fassen vermögen. Es ist nur der Briefumschlag! Gott sei Lob und Dank, an diesem begeht sie keinen Raub! Ihre Blicke suchen voll leidenschaftlichen Entzückens seine Schriftzüge.

Groß, klar und edel sind sie, ein Grapholog würde sie wohl zu den harmonischesten zählen.

Pia hat in Holland graphologische Werke auf des Onkels Schreibtisch gesehen und darin geblättert, sie entsinnt sich sehr wohl der einzelnen Merkmale. Ist in Wulff-Dietrichs Schrift ein einziger Zug, welcher auf Falschheit, Verstellung, Heuchelei weist?

Keiner! Kein einziger!

Und doch, ist die Graphologie wirklich eine verbürgte Wissenschaft? Redet sie Wahrheit?

Nein, sie thut es nicht! Pia will nicht an sie glauben, ihre Zweifel in des Geliebten Aufrichtigkeit sind ja die einzigen Rettungsgedanken, an welche sie sich anklammert, wenn die Hochfluth von Qual, Reue und Herzeleid sie verschlingen will!

Ein Schritt nähert sich der Thür, hastig schiebt Pia das Couvert in ihr Kleid und eilt hochklopfenden Herzens zu dem Fenster zurück.

Onkel Willibald trat ein.

Er trägt eine Hand voll Postsachen und wirft die Briefe und Zeitungen auf den Tisch.

O, liebe Pia! welch glücklicher Zufall, daß ich Dich treffe! Bist Du beschäftigt?"

Nein, lieber Onkel, wenn Du eine Arbeit für mich wüßtest, wäre ich Dir von Herzen dankbar!"

Und ob ich welche für Dich weiß! Johanna und Fränzchen sind nirgends zu finden, ich vermuthe sie im Garten und bin, ehrlich gestanden, zu müde, um ihnen zu folgen. Da wäre es sehr lieb und freundschaftlich von Dir, wenn Du sie ersetzen und einmal mein Vortragender Rath sein wolltest! Du weißt, daß mir bei der Packerei mein Augenglas abhanden gekommen ist und noch immer nicht durch den Optikus ersetzt wurde/ da bin ich blind und hilflos