Ausgabe 
16.12.1897
 
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Donnerstag den 16. December

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Lern Dich bescheiden; Dann, was auch schiede, Bleibt Dir der Friede.

in Jeglicher kann fehlen; wie er aber Des Fehlers Folgen trägt, das unterscheidet Den edlen Geist von dem gemeinen Geiste.

Raupach.

Der Majoratsherr.

Semen von Nataly » Eschstruth.

(Fortsetzm,-.)

Pia litt unbeschreibliche Qualen bei dieser Ansicht, welche mehr und mehr zu ihrer Ueberzeugung ward. Wenn sie in langen einsamen Nächten Thränen der Verzweiflung weinte und unter bittersten Selbstanklagen und Vorwürfen die Hände rang, dann gab es nur eins, was sie momentan trösten konnte, der alte Trotz und die alte Erbitterung!

Dann hob wieder und wieder das Mißtrauen sein schillernd Natternhaupt und flüsterte ihr zu:Er liebt Dich ja doch nicht! Er spielte Dir ja doch nur ein listige Comödie vor! Er wußte genau, wer Lilian Luxor war und warb nicht um sie, sondern auf jesuitischem Wege um die sechzehn Ahnen!"

An diesen Wahn klammerte sie sich fest mit der blinden Beharrlichkeit eines Ertrinkenden, der auch zum zweiten Mal unter den Händen fortgeglitten!

Man hatte Coblenz erreicht und in einem der ersten Hotels Wohnung genommen.

Pia wußte noch nicht genau mit den Zimmern Bescheid und öffnete eine Thür, in der Meinung, den kleinen Salon der Gräfin zu betreten.

Sie wich erschrocken zurück, als sie ein Schlafzimmer vor sich sah, aber in demselben Augenblick erkannte sie Kränzchen, welche auf dem Fensterbrett saß und mit wahr­haft verklärtem Gesicht einen Brief las.

Bet Pias Anblick ward sie blutroth und fuhr hastig mit Hand und Brief hinter den Rücken.

Fräulein von Nördlingen schloß die Thür wieder, aber schon trabte Comteßchen durch die Stube, schlug in ihrer lauten Weise hart auf die Klinke und lief der Cousine nach.

Wolltest Du mich abholen, Pia?" lachte sie verlegen. Warum wartest Du nicht auf mich?"

Ich sah, daß Du beschäftigt warst?"

Fränzchen folgte ihr in den Salon, die Eltern waren nicht anwesend.

Bah das war doch nichts Wichtiges! Du weißt doch, daß Deine Gesellschaft das beste, liebste und inter­essanteste ist!"

Sie warf sich in einen Sessel und sah noch sehr roth aus.

Fräulein von Nördlingen trat schweigend zum Fenster, das Herz that ihr weh, sie lehnte sich stumm gegen die glatte Scheibe und starrte mit brennenden Augen grad au-.

Pia?!"

Fränzchen?"

Warum frägst Du mich nicht, von wem der Brief war?" klang es beinah rauh von dem Sessel herüber.

Weil es mich nichts angeht."

So, ist Dir Alles so gleichgültig, was mich betrifft?"

Gewiß nicht,- aber darum darf man doch nicht indiskret sein."

Zwischen uns giebt es keine Indiskretion! Der Brief ist von Wulff-Dietrich!"

Keine Antwort.

Jnteressirt er Dich gar nicht!"

Pia athmete schwer auf.Es genügt doch, wenn sich eine von uns dafür begeistert, und das thust Du ja!"

Wußtest Du denn schon, daß wir correspondiren? Du bist so gar nicht überrascht!"

Nein, ich wußte es nicht!"

Aber Du bist sehr böse deßwegen?" Fränzchen sprang auf und blickte mit seltsam unruhigem, angsterfülltem Blick in das ernste, farblose Antlitz.O, Pia!" rief sie leidenschaftlich,ich könnte eS nicht ertragen, wenn Du falsch von mir dächtest! Nur das nicht! Dahier da lie­ben Brief--eigentlich solltest Du jetzt noch nichts wissen,

aber wenn Du mich mit solch kaltem, fremdem Blick ansiehst ach, liebe, liebe Pia ich kann ja doch nicht für mein selbstsüchtiges, dummes Herz!"

Wie ein Eiseshauch wehte es über die heißen, thränenlosen Augen. Noch sollte sie nichts wissen? Jetzt schon tröstete sich der Majoratsherr und greift voll ungestümer Hast nach dem letzten Rettungsanker, welcher sechzehn Ahnen bietet!

Sie möchte auflachen, laut und gellend, aber sie kann es nicht. Eine starre, marmorkühle Ruhe kommt über sie.

Sie schiebt die Hand, welche den Brief beinahe trotzig darbietet, zurück und will wortlos an der Kleinen vorüberschreiten.